Geh, geh die Strasse...

Ein Buch, gefunden im Internet über einen transsexuellen Weg,
amüsant geschrieben von der Tochter einer Betroffenen, deren
Weg nicht immer eben und steil nach oben führte,
sondern Höhen und Tiefen beinhaltet. Interessant, wegen der
Vorgehensweise und den Tipps. Übrigens Fortsetzung folgt !

 

Aus Papa wird Mama

 oder

Hilfe“ ich habe 2 Mütter

   

 

von

Rabea Harnisch

Sie können alles tun - Alles hat Konsequenzen

 

Vorwort

 

Blicke „überm“ Tellerrand oder das Geheimnis des Subsumierens

 

Wir schreiben heute das Jahr 2005 und die Geschehnisse des nachstehenden Buches spielten in den jüngst vergangenen Jahren dieses Jahrhunderts. Einiges hat sich seit dieser kurzen, aber schnelllebigen Zeit verändert, manches ist geblieben. Eines ist jedoch gewiss, dass sich seit den Zeiten von Siegfried Lenz Erzählungen aus Masuren einiges verändert hat, wobei diese Geschichten viel älter sind als mein erdachter Roman, welcher jedoch auch einen Hauch Wahrheit in sich hat, ähnlich wie bei der allseits berühmten Feuerzangenbowle von Spörl.

 

Gewiss leben in unseren Städten heute noch Leute wie in dem kleinen masurischen Dorf namens Suleiken, ihren Namen sind gleich geblieben. Abromeit, Szameit hin und wieder findet sich eine Familie namens Bondzio, denn vieles ist erhalten geblieben, seit jenen Zeiten, seit dem letzten Jahrhundert, sprich Jahrtausend. In Suleiken lebten die Leute, arbeiten die Leute und wurden dort auch begraben. Wenn Gevatter Abromeit Nägel im Nachbardorf kaufen wollte, kam das ganze Dorf mit, denn der Weg war ja zu gefährlich und was alles hätte dem Gevatter passieren können. Dennoch gibt es auch in unseren Tagen Risiken, welche wir abschätzen müssen, Risiken, welche sich im später als gar keine Probleme ergeben. Heute ist unsere Welt kleiner geworden. Wir machen nicht mehr nur Urlaub in Italien, wie unsere Eltern, sondern der ganze Globus ist unser Ziel. In wenigen Stunden ist alles erreichbar und selbst das arbeiten in einer ca. 600 km entfernten Stadt kann mittels Billigflieger 2 x wöchentlich in knapp einer ¾ Stunde erreicht werden.

 

Diversifikation ist eines der Schlagwörter des Jahres 2005. Diversity bedeutet Unterschiedlichkeit und soll sich europaweit in den nächsten Monaten entwickeln. Einige Firmen praktizieren dieses schon mit ihren Mitarbeitern. Eine dieser Firmen ist ein Automobilhersteller, wo Mitarbeiter aufgrund ihrer Fähigkeiten zählen, dass sie behindert sind, eine andere Hautfarbe haben, über 50 Jahre sind oder eine andere sexuelle Orientierung vorliegt, ist hierbei unerheblich. It´s time to change – ist auch hier eines der Schlagwörter, welches wir nicht nur an Bushaltestellen für eine Zigarettenwerbung sehen. (Stand März 2005)

 

Dr. Schreiber, seines Zeichens Wirtschaftswissenschaftler und ein Pendler zwischen den Welten, speziell zwischen der Bundesrepublik und dem Königreich Thailand nennt dieses Phänomen über den Tellerrand schauen, den eigenen Horizont erweitern. In seinen Vorlesungen über Personalwirtschaft erwähnt er immer den Begriff des Subsumieren, des ständigen Abgleichens und der ständigen Veränderungen, auch wenn hin und wieder, so in seinen Lesungen öfters der „Knabe im lockigen Haar“ erwähnt wird und das diesbezügliche Weihnachtslied ist wiederum viel älter ist als die Geschichten des Siegried Lenz.

 

Ansätze hierzu finden sich schon in den 5o- ziger und 60- ziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wo sich die Herren Herzberg und Maslow mit der Motivationslehre beschäftigen. fortgesetzt in den letzten 10 Jahren des letzten Jahrhunderts durch Emile Ratelband (Tsjakkaa), welcher auf Führungsebenen großer Konzerne wie HP und SAP, Seminare leitete.

 

Die nachstehende Geschichte soll nachdenklich machen, soll jedoch auch Hilfestellung leisten, denn wie schon erwähnt auch in der Feuerzangenbowle sind wahre Charaktere enthalten gewesen, wenn auch etwas übertrieben.

 

Die Verfasserin

 

 

 


 

21. März 2001 – oder wann ist der Mann ein Mann

 

Frühlingsanfang. Obwohl es ein sehr schöner Tag im März ist, ist mir sehr unwohl. Heute ist der 1. Tag meines schriftlichen Abiturs. Sorgen machen, weil ich zu wenig gelernt hätte, das glaube ich nicht. Es ist vielmehr das Unwohlsein, was mich hier erwartet. Seit gut 1 Jahr leben wir in Hoyerswerda, geboren und bislang aufgewachsen bin ich in Roxel, genauer gesagt in Münster-Roxel. Das flache Land, die etwas hart klingende Aussprache der Münsterländer fehlen mir. Es war meine Stadt, aber Mama hatte ein sehr gutes Angebot in Ostdeutschland und so wir dorthin verzogen. Wir, das sind Mama und Papa, sowie meine Geschwister Claudius (18), Tabea und ich Rabea (seit gestern auch 18), sowie das Nesthäkchen Cassandra (4). Dann ist da Mama beste Freundin Sascha mit ihrer Tochter Saskia.

 

Hier in Sachsen wird ein einheitliches Abitur geschrieben. Gleiche Uhrzeit an allen Orten im Freistaat. In Münster wäre das einfacher gewesen, dort macht jede Schule 2 Entwürfe für das Ministerium und diese legt eines fest. Na ja, warten wir es ab.

 

Ich bin nicht allein im Klassenraum. Neben den übrigen 17 Schülern sind da noch Claudius und Tabea. Mama meinte seinerzeit, dass sie uns früher zur Schule schicken könne, zumal wir 3 unzertrennlich sind. Das Ticken der alten Standuhr ist hörbar. Kein lautes Atmen, alles wartet gespannt auf unseren Klassenlehrer Herrn Gausmann. Die Tür öffnet sich und Herr Gausmann kommt herein.

 

„Guten Morgen, meine sehr verehrten Damen und Herren“. Der Umschlag, er legt ihn auf den Tisch und wirft einen Blick in die Runde. Es sind alle da und er erkundigte sich kurz bei uns, ob wir alle körperlich und geistig bereit wären. Wir bejahen und er öffnet den Umschlag. Es soll eine Interpretation werden, verkündigt er. Er geht zur Tafel und schreibt an:

 

Mann oder Frau, was unterscheidet sie“

 

„Sie haben 4 Stunden Zeit, Pausen bitte alleine machen“, verkündigt er, während er die weißen mit dem Schulsiegel abgestempelten Blätter, verteilt.

 

Oje, worin unterscheiden sich Mama und Papa. Wann ist der Mann ein Mann, so wie es bei Grönemeyer heißt. Fragen über Fragen schießen mir und sehr wahrscheinlich meiner Zwillingsschwester und auch meinem Bruder durch den Kopf.

 

Ich kenne Papa seit nunmehr 18 Jahren und er war eigentlich nie so wie in dem Lied vom Grönemeyer. Weder trinkt er Bier, noch raucht er, Männerwitze mag er auch nicht besonders. Mit seinen schulterlangen dunkelblonden Haaren wird er auch öfters für unsere Mutter gehalten. Ein Hippie, nein das ist er nicht, denn mit seinen heute knapp 45 war er damals anno 1968 zu jung. Ungepflegt und nicht Wert auf sein Äußeres legend, nein, auch das nicht, denn als Hochschullehrer muss er ein entsprechendes Auftreten haben. Vielleicht liegt es daran, dass er an der Universität lehrt, um besseren Zugang zu seinen Schülern zu haben, die kaum älter als wir sind. Vielleicht, aber auch nur vielleicht. Weich ist sein Auftreten auch nicht. Es ist oft sehr ruhig, kann aber auch sehr energisch werden und dann ist es am besten man gibt klein bei, denn seine Argumente sind immer noch die Besseren.

 

Mama ist sehr ausgeschlafen. Sie liebt ihren Mann über alles, aber auch Sascha. Solange ich mich erinnern kann, waren Sascha und ihre Tochter immer in unserer Nähe. Mamas und Saschas größer Wunsch ist eine Hochzeit ihrer beiden Kinder. Auch Saskia ist in unserer Klasse, natürlich sitzt sie neben Claudius. Sascha und Mama sind beide sehr gut aussehend, stets elegant und chic gekleidet. Was wäre, wenn Mama nie Papa begegnet wäre, uns würde es nicht geben, wären Sascha und Mama ein Paar geworden?

 

In den letzten Jahren hatten wir uns diese Frage öfters gestellt, denn in unserem Bücherschrank befinden sich neben den üblichen Werken deutscher Dichter auch Romane, wie „grüne Tomaten“ und ähnliches Schriftgut.

 

Wenn Papa einen Rock tragen würde, entsprechend gestylt, dann ist eigentlich vom dem Mann nichts mehr übrig, nur noch die Power-Frau. Ideen schießen mir durch den Kopf. In all den Jahren meines Lebens gingen Mama und Papa immer ähnlich gekleidet zum Karneval. Karneval wurde bei uns in Münster großgeschrieben, der westfälische Schimmel reitet wieder und als Hochschullehrer an der Wilhelms-Universität durfte Papa da nicht fehlen. Aber seltsamerweise wurde aus Papa immer Tamara Jagelowsk, Leutnant Dax, etc. Die beiden stellten immer weibliche Darstellerinnen irgendwelcher Märchen-, oder Science-Fiction Filme dar. Wer die beiden nicht kannte, hätte es niemals für möglich gehalten, dass Leutnant Dax in Wirklichkeit nicht die bezaubernde Frau ist, sondern ein nüchterner Lehrer.

 

Ein böser Verdacht steigt in mir auf. Mag meine Mutter überhaupt Männer. Versucht sie meinen Vater umzubiegen, oder macht er das freiwillig? Berühmte Menschen aller Zeiten zeigten sich hin und wieder gegengeschlechtlich gekleidet. Dieses wird von einem römischen Kaiser, sorry Kaiser war er noch nicht, sondern erst sein Neffe Augustus, berichtet. Auch dem französischen Kaiser Napoleon nennen einige.

 

Wirres Zeug steigt mir in meinen Kopf, ist mein Vater ein Transvestit, ist er transsexuell oder gar homosexuell. Ich versuche mich abzulenken und denke über Patriarchat und Matriarchat nach. Mühsam bringe ich einige Zeilen zustande, aber es gelingt mir meinen Schreibfluss zu steigern und so kann ich nach 4 Stunden das Papier bis an den Rand gefüllt bei Herrn Gaußmann abgeben.

 

„Das wäre geschafft“, meint meine Zwillingsschwester“. „Du, ich musste während der Stunden immer an unsere Eltern denken und was sie unterscheidet“, teilte mir Tabea mit. Eineiige Zwillinge denken immer das gleiche, stößt es mir durch den Kopf, doch sind Tabea und ich auch sehr verschieden. Zwar werden wir beide zum 1.Juli 2001 eine militärische Laufbahn einschlagen, doch sie geht zur Luftwaffe um Pilotin zu werden, während ich mich für ein Medizinstudium bei beim Heer der Bundeswehr entschieden habe. Unsere Einsatzorte kennen wir schon, bei mir ist es Köln und bei meiner Schwester Fürstenfeldbruck und anschließend Arizona sein. Obergefreite OA w, wird man uns in den ersten Tagen der Grundausbildung nennen. Gleichzeitig bekommen wir an den Ärmeln ein Sternchen, was auf die Offizierslaufbahn hindeutet.

 

Draußen vor der Tür stoßen wir auf Claudius und seine „Zukünftige“. „Geschafft“, rufen sie uns zu und gemeinsam machen wir uns auf den Heimweg. Ob Claudius auch die Gedanken hat, welche Tabea und mich inspirierten?

 

„Ich musste die ganzen Stunden an meinen Vater denken“, warf Saskia ein. Saskias Vater war vor 2 Jahren bei einem Schneesturm an der Westküste der USA eingeschneit worden, als er mit dem Wagen unterwegs war. Es kam zum Äußersten, die Rettungskräfte fanden ihn erst tot. Ich erinnere mich noch gut an die Trauerfeierlichkeiten und daran, dass Sascha seine Asche vor der Skyline in New York in den Ozean streute. Es war ungefähr auf der Höhe des World-Trade Centers. Wir waren damals alle dabei, denn Saskias Vater Tom war der Taufpate von Claudius. Unsere Taufpatin ist Sascha, während unsere Mutter wiederum die Taufpatin von Saskia ist.

 

Unsere Mutter und Sascha kennen sich von klein auf und besuchten zusammen sämtliche Schulen und anschließend die gleiche Universität. Von Anfang an waren sie unzertrennlich. Als wir ca. 13 Jahre alt waren fanden wir einige Briefe von Sascha an unsere Mutter. Sie waren mit einer rosa Schleife umbunden. Gelesen haben wir sie nicht, aber Mama erzählte uns einmal, dass sie mit Sascha in die USA auswandern wollte, aber da entschied sie sich für unseren Vater und auch Sascha heiratete einige Wochen später. Daniela, unsere Mutter hatte damals das hehre Ziel neben ihrer Karriere als Rechtsanwältin auch eine Familie zu haben. Allein waren unsere Eltern kaum, ihre Hochzeit am 1.Juli 1981 feierten sie als Bauernhochzeit im Kloster Gerleve bei Coesfeld. Am 7. Mai 1982 wurde Claudius geboren, an dem Tag ging die Sheffield, ein englisches Kriegsschiff im Falkland-Krieg, unter. Saskia ist einige Tage älter als Claudi, sie kam als Frühchen zur Welt. Ja und seit dem 10. März 1983 gibt es Tabea und mich. Etwas verspätet kam dann noch Cassandra am 1.7.1997 zur Welt. Unsere Mama wollte wieder Baby-Geschrei hören und Windeln wechseln, das fehle ihr, hatte sie damals betont.

 

Kampf der Geschlechter, Mann oder Frau, was unterscheidet sie. Ich glaube das ging uns allen vieren noch durch den Kopf, als wir mit der Linie 393 unser Haus erreichten.

 


 

Ostersonntag 2001.Tag der Umkehr

 

Es war verhältnismäßig warm für ostdeutsche Verhältnisse. In Münster blühte sicherlich schon alles. Wir wären am Ostersonntag in der kleinen Autobahn-Kapelle zu Roxel zum Gottesdienst gegangen, nachmittags mit den Fahrrädern über Pättkes-Wege zum Rüschhaus oder zum Schloss Nordkirchen geradelt. Na ja, das ist vorbei. Aber sicherlich wird es hier in Sachsen den Osterspaziergang geben. Vom Eise befreit, wie der alte Geheimrat in seinem Werk Faust preisgibt. Geheimrat Faust, hier in Sachsen stößt man sehr häufig auf den Namen Goethe. Neben Auerbachskeller in Leipzig, wo er gezecht hatte, sind seine Statuen überall zu sehen, u.a. an dem Eingang der berühmten Semper-Oper in Dresden.

 

„Frohe Ostern und übrigens wir fahren heute Nachmittag alle zur Bastei nach Königstein, Abfahrt ist um 11:00 Uhr“, rief uns Mama entgegen, als wir das Esszimmer betraten.

 

Sächsische Schweiz, bzw. eigentlich heißt es Elbsandsteingebirge. Es zählt zu den Naturschönheiten in der hiesigen Region. Über Jahrhunderte hin hat sich die Elbe auf ihrem Weg vom Riesengebirge bis nach Hamburg hier ihren Weg durch das Sandgestein von Sachsen und vorher schon der Tschechei gebahnt. Schauen wir mal, würde ein berühmter Fußballtrainer unserer Zeit sagen. Nachdem wir gefrühstückt haben, gehe ich kurz auf mein Zimmer und schalte meinen PC ein. Ich habe in den letzten Wochen meinen Eignungstest bei der Bundeswehr mit Erfolg absolviert und schon die Zusage des Studienplatzes Köln. Eigentlich wäre es toll in Münster zu studieren. Ob das möglich ist. Ich schaue nochmals auf die Internetseiten unserer Bundeswehr. Prinzipiell ja, vielleicht, dass ich während des Studiums wechsele. Unser Haus in Roxel haben wir noch nicht aufgegeben, da könnte ich gut wohnen, da ich das Klinikum mit dem Rad in gut 5 Minuten von Roxel erreiche. Es liegt in Münster-Gievenbeck und dieser Ortsteil grenzt an Roxel. Als Studienrichtung hatte ich mir das Notarztwesen ausgesucht. Die Zeit am PC vergeht wie im Flug und mein älterer Bruder kommt herein. „He Rachel, komm es ist Zeit“, ruft er. Rabea ist zwar nicht von Rachel abstammend und von Zeit zu Zeit und je nach Lust und Laune nennt er mich Rachel. Rachel ist hebräisch und bedeutet Mutter, Rabea kommt von Rabia und bedeutet im hebräischen „Mädchen“, im arabischen „Frühling“.

 

Mit dem Auto fahren wir ca. 1 Stunde, ehe wir die Ausläufer des Gebirges erreichen. Vom Parkplatz mussten wir noch gut ¼ Stunde zum Aussichtspunkt der Bastei zu Fuß gehen. Wirre Steinfelsen, ähnlich denen der Externsteine oder vielleicht auch, jedoch nur ganz gering an Stonehedge, erinnernd. Vom Aussichtspunkt blicken wir über die Elbe, welche sich 300 m tief unten im Tal ihren Weg bahnt. „Dort unten liegt Königstein und hinter den Hügeln, welche ihr auf der anderen Seite seht, ist eure Oma Lisa geboren und aufgewachsen“, sagte Papa. Wir waren noch nie in dem Ort gewesen, wo Großmama geboren wurde. Es liegt auf tschechischer Seite. Oma Lisa verließ nach dem Krieg das Land und zog nach Baden-Württemberg, nachher zu ihren Eltern, welche der Krieg nach Gießen verschlagen hatte und schließlich ins Ruhrgebiet um Opa Willi zu heiraten. Opa Willi haben wir nie kennen gelernt. Er verstarb schon 1963 mit gerade 40 Jahren. Auch Papa hat ihn kaum gekannt, da er zu dieser Zeit 7 Jahre alt war.

 

 

 

Oma Lisa hat bis vor 2 Jahren bei uns gelebt. Jedoch ist sie nun an den Rollstuhl gefesselt und es blieb keine andere Möglichkeit als eine Pflegestation. Sie hat sich für eine Seniorenresidenz im Ruhrgebiet entschieden. Mama und Oma Lisa verstehen sich nicht gut. Mama wurde von Oma immer als Eindringling in unsere Familie gesehen. Offen zeigt sie ihre Gefühle nicht, aber wir spüren sie. Dass sie nicht mehr laufen kann, ich als angehende Ärztin halte dieses für ein psychisches Problem, kein medizinisches. Uns gegenüber ist sie immer freundlich, aber es stört, dass sie unsere Mama nicht akzeptiert. Am liebsten wäre es ihr wohl gewesen, wenn Papa ein Leben lang bei ihr geblieben wäre, nie geheiratet hätte.

 

„Wir werden im Sommer einmal nach Teplitz fahren, jetzt da die Grenzen frei sind, ist das gut möglich“, meinte Papa, als wir in Richtung Restaurant die Aussichtsplattform verließen.

 

Nach dem Essen fuhren wir über Pirna, vorbei am Schloss Pillnitz, wieder heim. Die Familie teilte sich im Haus auf. Generell Claudi verließ das Haus um Sascha und Saskia zu besuchen. Ich saß wieder an meinem Laptop, wobei die Zeit rasch verging. Die Eltern saßen unten im Wohnzimmer. Ich verspürte noch etwas Hunger und ging die Küche. Aus dem Wohnzimmer heraus hörte ich die Stimmen meiner Eltern.

 

 „Die Zeit ist gekommen, es muss etwas geschehen. Als wir vor einigen Wochen auf der Party in Berlin waren, ist es wieder über mich gekommen. All die Jahre habe ich den Wunsch verdrängt, mein Leben anders zu gestalten, weil ich diesen Schritt für unmöglich hielt. Ich wollte Dich, wollte unsere Kinder, liebe meinen Beruf an der Universität. Dennoch das Gespräch mit Romy Haag, deren Auftritt  das Highlight der Party bildete, setze mir neue Maßstäbe. Eine ganze Woche lag in  Tagträumen, welche nur das Motto hatten, „Du“ bist doch nicht transsexuell, du bist doch kein Revue-Girl, keine Striptease-Tänzerin, keine Prostituierte, was bin ich? Fragen über Fragen bestürmten mich und am Ende der Woche habe ich beschlossen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, gleich wie der Ausgang und das Ziel sein werden.

 

Als ich letzte Woche meine Mutter besuchte, war ich anschließend im Gottesdienst in der Propstei-Gemeinde. Das Thema der Predigt war wie auf mein Problem zugeschnitten und lautete: „Geh die Strasse. Jesus von Nazareth ist auch seinen Weg gegangen, auch wenn er steinig war. Handelt es sich hierbei für mich um ein Zeichen, hatte Gott mich in die Kirche geführt, hin zu dieser Predigt?

 

Die Entscheidung über unser weiteres Leben, vielmehr mein weiteres Leben ist gefallen.

 

Ich weiß nur noch nicht, ob ich Jemanden hier am Ort aufsuche, oder lieber einen ausgezeichneten Fachmann auf diesem Gebiet in Münster. Allerdings bedeutet das für mich in Münster ein Outing, da ich dort sehr bekannt bin“, sagte mein Vater.

 

„Ich weiß, dass Du dieses Problem seit vielen Jahren hast und Du hast es mir auch nach der Geburt von Claudius gesagt, aber ich wusste immer, dass du innerlich eine Frau bist, sonst hätte ich dich nie geheiratet. Auch wenn es Dir damals vielleicht als Notlösung erschien, dass ich mich für Dich und nicht für Sascha entschieden habe, aber das kann „frau“ nicht vergleichen. Wichtig ist, dass es der Familie nicht schadet, dass es vor allem aber Dir gut geht. Ich hielt dich anfangs für einen Transvestiten und es macht immer Freude, wenn Du weiblich gekleidet bist. Ich stehe nun mal nicht auf Männer und ich denke wir haben da ein ausgezeichnetes Bündnis erzielt. Wie es die Kinder aufnehmen, ich weiß es nicht, wir werden abwarten müssen, liebste Anna“, erwiderte Mama.

 

Ich schluckte, mein Vater und doch nicht mein Vater. Papa, der Mama sein möchte. Oje, also doch und Mama ist tatsächlich eine Lesbe. Ganz leise und behutsam ging ich die Treppe wieder hoch, zurück auf mein Zimmer und warf mich auf´ s Bett.

 

Während ich so vor mich hin döste, verging die Zeit kaum. Ich stand auf, machte den Laptop an und ging in die Suchmaschine Google. Transsexualität gab ich als Begriff ein und ca. 2000 Einträge erschienen. Fast die ganze Nacht saß ich vor dem PC und studierte Einträge über Einträge. Folgende Ergebnisse erzielte ich, welche auf meine Fragen Antworten ergaben.

 

Transvestiten. Das sind Menschen beiderlei Geschlechts, welche ab und zu in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen, aber ihr angestammtes Geschlecht nicht verändern wollen. Sie tun dieses generell zu Lust, zur Freude, etc. Hierbei ist die Bandbreite von Schauspielern, welche ab und zu gerne Frauenkleider tragen, Charly´s Tante, Äpfel-Jette bis hin zu den Späßen des Grafen Bobby, sowie vielen Laien, welche ab und zu das andere Geschlecht leben wollen. Allerdings ist die Ernsthaftigkeit bei diesen Personen sehr gering und eine Missachtung oder Verachtung des anderen Geschlechtes gut möglich.

 

Crossdesser. Englischer Begriff für Transvestiten, welcher sich neuerdings gebildet hat.

 

Drag-Queen. Ebenfalls Transvestiten, wobei diese auch homosexuelle Neigungen zeigen. Dieser Begriff stammt aus dem englischen/amerikanischen Raum.

 

Travestie. Früher bekannt als Damen-Imitatoren, sind meist homosexuell. Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist hierfür Mary & Gordy. Ebenfalls in diesen Bereich gehört Romy Haag, wobei diese zwar eine eigene Show betreibt, sich aber zur Frau hat umoperieren lassen. Bei ihr kann keinesfalls von Homosexualität gesprochen werden.

 

Transsexualität. Der Wunsch voll und ganz dem anderen Geschlecht anzugehören. Sehr bekanntes Beispiel hierfür Amanda Lear, aber auch hier wäre Romy Haag zu nennen. Aber auch viele Rechtsanwältinnen, Ärztinnen etc. waren in einem anderen Körper geboren und führen heute ein ganz normales Leben. D.h. mit irgendwelchen Nacht-Clubs etc. bzw. Tingeltangel haben diese Personen nichts zu tun.

 

In mir steigt der Wunsch auf, mehr über dieses Thema zu erfahren und vor allem meinen Studienschwerpunkt auf die Psychologie legen. Aber gibt es da Einsatzmöglichkeiten bei der Bundeswehr? Immerhin muss ich nach dem Studium noch einige Jahre dort als Ärztin arbeiten, bevor ich mir einen anderen Arbeitgeber suchen kann.

 

Nach langem Grübeln ging ich ins Bett und erzählte auch in den nächsten Tagen nichts meinen Geschwistern von dem, was ich erfahren hatte. Das müssen unsere Eltern selbst tun. Aber Sorgen mache ich mir zur Genüge.


 

28.04.2001 – Der erste Schritt

 

Ich und meine Geschwister warteten ungeduldig auf die Ergebnisse unserer schriftlichen Abiturprüfung. Im Prinzip brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, aber alles ist offen und vielleicht war mein Aufsatz ein Aussetzer, denn wie Cassandra im alten Troja hatte ich hellseherische Fähigkeiten im Hinblick auf meine Familie entwickelt. Heute Morgen haben wir die Ergebnisse bekommen. Es sieht sehr gut aus. Ich brauche mir zwar im Hinblick auf meinen Studienplatz nicht um einen Numerus-Klausus zu sorgen, aber es ist alles gut gelaufen. Jeweils 2 Noten besser, als vor dem Abi. Aber das bedeutet auch, 3 x in die mündliche. Deutsch, Englisch und Mathematik. Meine Zwillingsschwester hat fantastischer Wiese die gleichen Ergebnisse, obwohl wir nicht von einander abgeschrieben hatten. Claudia hatte das beste Ergebnis der ganzen Klasse, Saskia hatte sich etwas verschlechtert, aber auch keinen Grund sich Sorgen zu machen.

 

Mama und Papa holten uns von der Schule ab, auch Tante Sascha war dabei. Gemeinsam gingen wir das Abi feiern.

 

„Papa hat Euch etwas zu sagen“, teilte uns Mama mit.

 

„Ja, Kinder, Ihr kennt mich als euren Vater, aber in mir steckt auch eine andere Person. In der Mitte meines Lebens habe ich erkannt, dass ich als Mann nicht weiterleben kann, gfls. das Geschlecht wechseln werde.

 

Vorab einiges aus der Vergangenheit. Bevor ich geboren wurde, rätselte man über mein Geschlecht. Eine eindeutige Diagnose, so wie sie heutzutage möglich ist, gab es damals nicht. Es kam ein Kind und erst bei der Geburt stellte man fest, ob das Baby weiblich oder männlich ist.

 

Euer Opa Willi, ihr habt ihn nie kennen gelernt wollte gerne eine Tochter haben, Oma Lisa hingegen einen Sohn. Auch Großtante Mizzi und meine Cousine Annelie, sowie meine Oma Anna hätten ebenfalls gerne weiblichen Zuwachs gehabt. Wie gesagt, es war alles offen und ich kam einige Tage zu früh. Oma Anna war gerade aus Gießen angereist und meine Mutter sollte ins Krankenhaus. Da setzten die Wehen ein und ich wurde ca. 8 Tage vor dem errechneten Zeitpunkt geboren. Die Geburt fand daheim im Ruhrgebiet statt. Mein Vater kam abends von der Abend, als er Babygeschrei hörte. Auf seine Frage nach dem Geschlecht, antwortete meine Mutter: „Es ist ein Mädchen“, nur um ihn zu ärgern. Er hätte gerne eine Tochter gehabt, hat es sich mir gegenüber jedoch nie anmerken lassen. Als ich klein war, hatte ich schon lange Haare gehabt und 2 Verwandte väterlicherseits nannten mich immer „Mein Mädchen“. Mama protestierte mit en Worten: „Onkel Heini, es ist ein Junge“, aber es half nichts. Die beiden Verwandten stammten aus dem Osnabrücker Raum und waren Verwandte von Opa Willi´s Mutter. Als ich ungefähr 4 Jahre alt war, verstarben beide und von dieser Seite drohte keine Gefahr mehr.

 

1963 wurde ich eingeschult und im Sommer dieses Jahres verstarb euer Opa Willi an den Folgen einer Krankheit, woran heute keine mehr stirbt. Seine Nieren setzten aus und es gab damals noch keine Dialyse, diese wurde erst einige Wochen später erfunden.

 

Meine beiden Großväter starben auch kurz darauf. In meiner Familie gab es fast ausschließlich Frauen. Bevor Opa Karl starb, war er noch in Bochum im Krankenhaus. Ich war 10 Jahre alt und nutzte die Gelegenheit Mamas Sachen anzuprobieren, wenn sie im Krankenhaus war, denn mit Bus und Bahn war sie einige Stunden unterwegs. Ich wunderte mich damals, dass manchmal mein Höschen nass wurde und schämte mich hierfür. Dass es ein ganz normaler Vorgang ist, erklärte mir Niemand.

 

Meinen Zustand konnte ich mir nicht erklären. Generell kannte ich das Phänomen Zwitter, so dachte ich zumindest. In den 50ziger Jahren gab es im Schützenverein meines Opas Karl einen Transmann, also ein Mann, welcher früher einmal eine Frau war, ebenso in Gießen, wo bei meinen anderen Großeltern ein Versicherungsvertreter von Zeit zu Zeit die Beiträge kassierte. Ihn gibt es heute noch. Er hatte damals seine Freundin geheiratet.

 

Die Zeit verging, ich mochte gerne Bücher, welche sich mit Geschlechtern beschäftigten, so Enid Blytons 5 Freunde, wo George lieber ein Junge wäre, Gustav Adolfs Page, die Story von Achilles etc. Mit Oma Lisa konnte ich über diese Dinge jedoch nicht reden. In der Tertia sprachen wir im Religionsunterricht über die Geschlechter. Ein Mädchen, was ein Junge sein will ist in Ordnung, betonte die Lehrerin Frau Becker, aber es darf keine Jungen geben, welche ein Mädchen sein wollen. Ich schwieg betroffen. Gerne hätte ich mich gemeldet und gesagt, dass ich lieber ein Mädchen wäre.

 

Im März 1976 sah ich eine Talkshow mit Hans-Jürgen Rosenbauer. Als Gäste waren Elke Sommer, Stefan Heym und die transsexuelle Ärztin Gerda Hofmann geladen. Hier hörte ich zum ersten Mal den Begriff der Transsexualität. Daraufhin beschaffte ich mir Bücher über dieses Thema. Am 1.4.1976 wurde ich um Grundwehrdienst nach Münster-Handorf eingezogen. Ich nahm die Bücher mit, in der Hoffnung, dass man mich ausschließt, denn Frauen brauchen doch nicht zur Bundeswehr.

 

Am Ostersamstag 1976 ging ich das erste Mal als Frau gekleidet einkaufen. Es war für mich ein Novum gewesen, was sich in den nächsten Jahren an den Wochenenden immer wiederholen sollte.

 

Aber nichts passierte. Es lief alles normal ab und nach 7 Wochen wurde ich nach Dülmen versetzt. In der Fahrschule meinte Oberfeldwebel Kühlkamp zu mir: „Mensch du fährst wie eine Frau, wenn ich es nicht besser wüsste. Der Grundwehrdienst ging normal zu Ende. Als ich in Dülmen war, wohnte ich eh zuhause im Ruhrgebiet. In dieser Zeit lernte ich auch Roxel lieben und ich erkannte, dass es mein Ort ist, an dem ich leben möchte. Mama und ich haben daher einige Jahre später dort gebaut.

 

Ich lernte Daniela kennen und wir heirateten. Dass sie vorher in Sascha verliebt war weiß ich, ich weiß aber auch, dass sie jetzt nur sehr gute Freundinnen sind. Den Rest habt Ihr erlebt und euch sicherlich gewundert, warum ich meine Haare lang trage. So jetzt wisst ihr es.

 

Nicht dass mir dieser Entschluss erst jetzt gekommen ist, vielmehr stand er schon lange vor eurer Geburt fest, wie ich erwähnte. Ich habe nur versucht, Euch nicht zu enttäuschen und hoffe, dass ihr jetzt in dieser Situation auch zu mir haltet. Ich weiß nicht, was mit Arbeit und öffentlichem Leben wird. Es ist alles möglich. Wehtun will ich Euch keinesfalls, aber ich weiß nicht was kommt. Morgen werde ich nach Münster fahren, wo ich unweit unserer Wohnung in Roxel einen Arzt aufsuchen werde. Die Praxis liegt am Rohrbusch. Er ist Fachmann auf diesem Gebiet und er soll mir sagen, was ich bin, Transvestit oder Transsexuell. Eines weiß ich, bin ich nicht, homosexuell. Ich liebe Eure Mutter und Euch, das wird auch so bleiben. Wenn Ihr Großen mit nach Münster fahren wollt, ihr seid herzlich eingeladen, zumal ihr bis zur mündlichen Prüfung frei habt und könntet Freunde besuchen. Wie ich als Frau aussehe, brauche ich nicht zu erwähnen, ihr kennt mich bereits vom Karneval her und ich denke, dass sich da keiner von euch wegen mir schämen muss. Ich liebe euch!“.

 

Betretende Stille trat ein.

 

Mama meldete sich: „Es ist nunmehr an der Zeit, dass auch Sascha und ich Euch einiges sagen. Wir kennen und seit Jahren und bevor ich euren Vater kennen lernte, wollte sie mit mir nach Amerika fliehen, um mich dort in Las Vegas zu heiraten. Ich wollte aber lieber eine Familie und so ist es weitergegangen. Ich liebe Sascha immer noch, sie mich auch, aber nicht mehr unbedingt körperlich, wir sind nur noch sehr, sehr gute und liebe Freundinnen und es freut mich sehr, wenn unsere Kinder, Du mein Claudius und Du meine zukünftige liebe Schwiegertochter Saskia, heiraten. Dann sind wir über unsere Kinder verbunden“.

 

Nach einigen Sekunden der Stille, gaben wir durch unseren Applaus ein Standing Ovation für unsere Eltern und für Tante Sascha zu erkennen.


 

29.04.2001 – Der 1. Besuch in Münster-Roxel

 

Tabea, Papa und ich waren nach Münster gefahren. Nach einer 6-stündigen Autofahrt erreichten wir Roxel. Papa brachte uns zu unserem Haus. Als wir durch die Tür traten empfing uns ein eigenartiger Duft. „Ich werde der Putzfrau sagen müssen, dass sie mehr lüftet“, meinte Papa. Das Haus war von unserer Familie nicht aufgegeben worden, da Papa nur als Honorar-Dozent an der Universität in Sachsen unterrichtete, generell Mama hatte dort eine feste Anstellung in einer großen Kanzlei. Ich ging kurz auf mein Zimmer und anschließend in den Garten. Dort war Amadeus beerdigt. Ein Spielgefährte unserer Kindertage. Amadeus war ein Golden-Retriever, den es schon vor der Geburt von Claudi gab. Er wurde 13 Jahre alt und wir haben ihn im Garten unter einer Tanne beerdigt. Als Kinder durften wir immer auf ihm reiten, außerdem wachte er ganz streng vor unseren Bettchen und kein Fremder konnte uns etwas zuleide tun.

 

„Um 18:30 Uhr muss ich Am Rohrbusch sein, wir haben noch etwas Zeit und ich mache uns jetzt ein chinesisches Menü, wenn wir etwas in der Kühltruhe finden“.

 

Wir hatten Glück und Papa kochte auf unserem Wok chinesisches Gemüse mit Schweinefleisch. Das Essen schmeckt wirklich gut, wie bei Mama, sorry aus Papa kann ja vielleicht unsere Mama werden.

 

Um 17:30 Uhr machte er sich auf den Weg zum Arzt. Zum Rohrbusch sind es eh nur 2 Minuten mit dem Auto, er liegt jenseits der Autobahn A1 und der bereits erwähnten Kapelle. Aus Papa war jedoch vorher Mama geworden. Sie, ich nenne sie jetzt so, wenn sie weiblich gekleidet ist, sie hatte ein rotes Kostüm, weiße Bluse, schwarze Pumps an und sah wirklich umwerfend aus. „Der Arzt soll mich in der anderen Rolle kennen lernen und nicht in der alten“.

 

Kurz nach 19:00 Uhr kommt sie gut gelaunt wieder, greift zum Hörer und ruft in Hoyerswerda unsere Mutter an. Der Doc wolle ihr helfen, ihren Weg zu finden, ob sie wirklich transsexuell sei oder nur Transvestit, ergeben die nächsten Termine. Allerdings sei der nächste Termin erst in 5 Wochen. Er legt sie ihm aber immer auf das Wochenende, so dass eine bequeme Anreise ermöglicht wird. Falls sie wirklich transsexuell sei, im Augenblick rede der Doc nur von einem transsexuellen Syndrom, ist offen. Allerdings könne sie in ca. 2 Jahren eine vollständige Frau geworden sein. Es bestehe die Möglichkeit Vornamen und alle amtlichen Papiere zu ändern. Dieses erfolge durch das zuständige Amtsgericht des 1. Wohnsitzes. Da unser 1. Wohnsitz immer noch Münster ist, sei das Amtsgericht Dortmund zuständig. Er würde ihr alsbald auch den sogn. Alltagstest empfehlen. In diesem Test soll die Person gegengeschlechtlich leben, um sich über ihre Situation klar zu werden und um auch Irrtümer zu vermeiden. Irrtümer passieren, habe der Doc gesagt. Im bergischen Land und in Köln gebe es Personen, welche ihren Wechsel wieder rückgängig gemacht hätten. Allerdings seien das keine Patienten von ihm.

 

Hinsichtlich des Alltagstestes mache sie sich Sorgen. Der Dekan der Universität Jochen Rohmann wird sicherlich nicht an ihrer Seite stehen und sie würde sich gfls. schon vorher nach einer neuen Stelle erkundigen. Obwohl sie als Informatik-Professorin ihren Lehrstuhl gut ausübt, sehe sie Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit dem Dekanat. Rohmann hatte vor 1 Jahr sehr anzüglich über eine Studentin gesprochen, welche auch transsexuell ist und er habe schon zu ihr geäußert, dass er Transvestiten wie die Pest hasse. Von Seiten des Rektorates dürften wohl weniger Schwierigkeiten auftreten. Aber das ist alles Schnee von morgen und übermorgen. Erst einmal die nächsten Termine abwarten. Allerdings habe ihr der Arzt geraten möglichst ab sofort im geschützten, häuslichen Bereich in der neuen Rolle zu leben, um sie gewissermaßen zu erfahren.


 

1. 05. 2001 – Go East

 

Wir übernachteten noch in unserem Haus und machten am folgenden Tag einen Ausflug in die Baumberge. Anna, so wird sehr wahrscheinlich ihr zukünftiger Vorname sein erschien in Jeans, weißen Turnschuhen und einer weißen Bluse. Auch ohne Kostüm, sah sie wie eine wirkliche Frau aus, von Charlys Tante absolut keine Spur. Generell einige markante Züge im Gesicht erscheinen männlich, jedoch nur sehr gering. In unserem Haus hängen im Flur Fotografien aus den 70ziger Jahren, dort sind Anna und Mama als Duo abgebildet, sie sind auf Baccara getrimmt und ihr Auftritt auf dem Pfarrfest unserer katholischen Gemeinde war sicherlich toll gewesen. Sie gibt sich völlig neutral und ihre schulterlangen Haare sind eh hier im Dort bekannt. Durch die Ortsmitte radeln wir in Richtung Burg Hülshoff, biegen dort rechts ab, wieder links und erreichen nach ca. 1 Stunde Havixbeck, anschließend geht es über Pättges in Richtung Billerbeck.

 

Zu Mittag essen wir im Dorfkrug und radeln anschließend über Stevede wieder nach Roxel zurück, allerdings nicht ohne einen Abstecher zum Longinus-Turm zu machen.

 

Am darauf folgenden Tag fahren wir mit dem Auto zurück nach Hoyerswerda. Anna lässt mich fahren, obwohl ich erst sehr wenig Fahrpraxis habe. Sie habe etwas Angst in eine Polizei-Kontrolle zu kommen. Der Doc habe ihr zwar ein Papier ausgestellt, aber sie wolle trotzdem vorsichtig sein. Gerade in der Region wo wir jetzt leben sei dieses sehr angebracht. Sie trägt jetzt eine camelfarbige Jeans, gelbe Seidenbluse, Karoblazer und Pumps. Ihr altes Leben lasse sie zurück, gewissermaßen als Zeichen.

 

Einige Stunden später sind wir in unserer Wahlheimat Sachsen angekommen. Mama, Sascha und die anderen 3 erwarten uns. Sie kommt Anna entgegen, betrachtet sie und umarmt sie. „Herzlich willkommen, Schatz“, ruft sie laut. Eine alte Nachbarin geht gerade vorbei und wundert sich über die heftige Umarmung der beiden Frauen.


 

15. Juni 2001 mündliches Abi und Anna´s Teilerfolg.

 

Seit den frühen Morgenstunden bin ich wie aufgekratzt. Das mündliche Abitur. 3 Fächer, in welchen in nochmals geprüft wurde. Deutsch, Mathe und Englisch. Um 9:00 Uhr wird es für mich ernst: Termin: Deutschprüfung. Unser Deutschlehrer Herr Kühn ruft mich in den Prüfungssaal. Ich gehe schweren Herzens hinein, denn ich weiß nicht, was er sich als Prüfungsthema ausgedacht hat.

 

„Ich werde Ihnen Fragen zu Effi Briest stellen, Frau Harnisch“, beginnt Herr Kühn. Oje, denke ich, das ist wirklich ein weites Feld, wie der alte Briest immer gesagt haben soll. Herr Kühn bombardiert mich mit einigen Fragen, die mich teilweise an die Quiz-Shows im Fernsehen erinnern. Allerdings weiß ich daheim immer sehr viel und wäre sicherlich schon mehrfach Millionärin geworden, wenn ich eine Einladung zu Günter Jauch bekommen hätte. Seit gut 3 Jahren versuche ich es, aber der Ruckruf des Senders und die Einladung bleiben leider aus. Kostet jeweils nur die Gebühren. Aber ich habe Glück, Effi Briest war in Bad Ems zur Kur, der nette Apotheker hieß Gießhübl und besaß die Mohren-Apotheke, Effi wohnte nahe dem Tiergarten in Berlin und hörte immer der Finkenschlag usw., aber das ist wirklich ein weites Feld und diese Frage kam auch.

 

„Frau Harnisch, wer hätte das gedacht, eine glatte Eins, ich kann nicht anders“, mit diesen Worten verabschiedete mich Herr Kühn und wohlwollende Blicke von Herrn Gaußmann, dem Direx und den anderen Lehrern belohnten mich. Ich ging hinaus.

 

Mathe war auch einfach. Ich brauchte nur eine Parabel an der Tafel zu berechnen. Dass war wirklich geschenkt, danke Herr Gaußmann.

 

Generell im Englischen patzte ich. Die Lehrerin meinte es zwar gut mit mir und die Londoner City konnte ich sehr gut beschreiben, aber dennoch, da verbesserte ich mich nicht und es blieb bei der Note Drei.

 

Gegen 14:00 Uhr rief uns, wir warteten alle im Foyer, der Pfeiffer, unser Direktor, hinein. „Sie haben alle bestanden, das ist ein gutes Zeichen für die Jugend von Heute, Keiner ist durchgefallen. Meine herzlichsten Glückwünsche an Sie und vor allem für Ihre weitere berufliche Laufbahn. Vielleicht denken Sie ab und zu an das alte ehrwürdige Gymnasium in Hoyerswerda zurück, wenn Sie als Politikerin oder Politiker im Reichstag in Berlin sitzen, als leitende Angestellte eines Konzerns arbeiten, freiberuflich in verschiedensten Bereichen tätig sind, bzw. 1 Tornado der Luftwaffe fliegen, wie Sie meine liebe Tabea Harnisch. Sicherlich ein Erfolg, denn wer hätte sich noch vor einigen Jahren eine Pilotin bei der Luftwaffe vorstellen können“. Bestimmt nicht vor 12 Jahren, als unsere Länder noch verfeindet waren und uns diese schreckliche Mauer und der Stacheldraht trennte.

 

Er erwähnte uns alle der Reihe nach und jede/jeder bekam ein paar gütige Worte mit auf den Weg ins harte Leben.

 

Papa wartete schon draußen vor dem Tor. „Alles Gute meine vier“, begrüßte er uns. Saskia fuhr mit uns nach Hause, Mama, Tante Sascha und unsere kleine Schwester erwarteten uns schon.  Nachdem Essen erzählte uns Papa, welche sich ganz schnell in Anna verwandelt hatte, seine Neuigkeiten. Seit dem Besuch beim Doc im Münster gab es bei uns daheim nur noch die Anna, das ist auch gut so. Aber dieser Spruch ist geklaut: Berlins Bürgermeister hat ihn verwendet, aber die Bedeutung war eine andere, denn er ist homosexuell und bekannte sich so auf seiner Amtseinführung im roten Rathaus zu Berlin. Rotes Rathaus, erinnert noch ein bisschen an den wilden Osten, vorher gab es immer den Regierenden Bürgermeister im Rathaus Schöneberg. Der Umzug in das andere Rathaus sollte Zeichen setzen.

 

„Ich habe heute Morgen mit Herrn Jürgens von der VHS gesprochen. Ab dem nächsten Semester unterrichtet dort die Anna. Dann kann ich den Alltagstest in einem kleinen Bereich probieren, denn wenn das schief gehen sollte, schadet es wenig, da meine Lehrtätigkeit dort eh nebenberuflich und kaum nennenswert ist. Herr Jürgens hatte mit dem VHS-Direktor gesprochen, es ist alles o.k. Ja, unsere VHS hat damit eine transsexuelle Dozentensprecherin, denn dieses Amt behalte ich auch, das ist der ausdrückliche Wunsch des VHS-Direktors.

 

Heute ist ein guter Tag, Ihr habt euer mündliches Abitur bestanden, auch ich hatte lange vor eurer Geburt mein mündliches Abitur am 15.06. Euer Opa Willi wäre heute 78 Jahre alt geworden.

 

Gleichfalls habe ich heute eine gute Nachricht von unserer Krankenkasse bekommen, meine geänderte Mitgliedskarte. Sie lautet nun auf den Vornamen Anna und ich werde sie ab dem nächsten Quartal bei meinen Arztbesuchen vorlegen“.

 

Anna hatte vor 3 Wochen, kurz nachdem sie ihren ersten Besuch beim Doc in Münster hatte bei unserer Krankenkasse eine Änderung der Karte beantragt. Das ginge nicht, hatte man ihr beim ersten Male gesagt. Durch Zufall lernte sie jedoch Raffaela kennen, welche ebenfalls in Hoyerswerda wohnt, auch bei der gleichen Kasse versichert ist. Sie hatte eine neue Karte bekommen, nachdem sie eine Bescheinigung ihres Doc vorgelegt hatte. Anna hatte daraufhin in Münster angerufen. Der Doc tat sich anfangs etwas schwer, da sie ja nur 1 x bei ihm war, stellte jedoch ein Attest aus. Dieses reichte dann der Krankenkasse und sie hatte heute ihre neue Karte in der Post.  Die Kasse hätte ihr jedoch auch die Karte noch verweigern können, denn erst nach der amtlichen Vornamensänderung, hätte Anna ein Anrecht darauf gehabt, aber das kommt alles noch.

Für Anna bedeutet dieses jedoch ein Outing bei allen Ärzten, denn die alte Karte muss sie abgeben. Ist auch verständlich, denn es gibt nur Mann oder Frau, oder ?? Rein rechtlich gesehen.


 

01.07.2001 – Sprung auf – Marsch, Marsch.

 

Um 10:00 Uhr durchtrat ich das Tor der Rheinischen-Kaserne in Köln. Anmeldetafeln und Wegweiser zeigten mir die Richtung zur Meldestelle.

 

Ich klopfte an und ging zögernden Herzens hinein, war dieser Schritt wirklich der Richtige, hatte ich mich während der Bahnfahrt vom äußersten Osten in den äußersten Westen gefragt. Eine uniformierte Dame begrüßte mich. „Ich bin Leutnant Drasal“ und in den nächsten Wochen Ihrer Grundausbildung werde ich Sie und die anderen als Ihre Zugführerin begleiten“. Wirklich sehr nett, diese Frau Leutnant Drasal. Ich trage mich in diverse Listen ein, bekomme meinen Parkausweis, wenn ich mit dem Auto anreise, was nächste Woche der Fall sein wird, ferne erhalte ich Decken, Besteck und einen blauen Trainingsanzug, sowie Sportschuhe. Dann bittet man mich Platz zu nehmen. Nachdem alle 25 Mädels abgefertigt wurden, werden wir zu unseren Quartieren begleitet. Es sind rote Backsteinbauten, scheinbar aus den 60ziger Jahren. Unser Gebäude ist zweigeschossig. Das eigentliche Kompaniegebäude befindet sich 3 Blocks weiter. Neugierung treten ich und 5 weitere junge Frauen in unsere Stube ein.

 

„Machen Sie jetzt bitte ihre Betten und warten anschließend, bis sie gerufen werden“, sagte eine weitere Ausbilderin, ihren Schulterklappen nach ein Fähnrich W. zu uns. Dieser weibliche Fähnrich hatte uns auch zu den Quartieren geführt.

 

Alle warteten gespannt

 

„Kompanie heraustreten“, rief jemand und wir rannten, jetzt schon halb uniformiert mit unseren Trainingsanzügen hinaus. Draußen formierten wir uns in Zweierreihen.

 

„Folgen Sie mir bitte meine Damen, ohne Tritt“, forderte uns ein männlicher Ausbilder auf. In Zweierreihen ging es nun zum eigentlichen Kompaniegebäude. Im Hauptgebäude der Kompanie waren die männlichen Rekruten untergebracht, zusammen stellten wir uns jetzt auf. Hauptmann Wehmeyer begrüßte uns alle, anschließend erfolgte eine Belehrung. An diesem Tage wurden wir noch mehrfach vor unsere Quartiere gerufen. Wo war ich da nur hingeraten, war meine Entscheidung wirklich die Richtige?

 

In den Folgetagen bereute ich eigentlich meine Entscheidung. Wir wurden eingekleidet, mühsam schleppte ich meinen Seesack ins Quartier. Auf der anderen Seite gingen einige junge männliche Soldaten vorbei. „Probleme Schätzchen ?“, grinsten sie mich an. Mühsam schleppte ich mich weiter. Da kam einer von Ihnen auf mich zu und half mir beim Tragen. „Oliver Wittke“, stellte er sich kurz vor. Wirklich nett, dieser Oliver. „Du hast ja noch einige Jahre vor Dir, bei mir sind es nur noch 3 Monate, aber Du hast Dir den Job ja auch ausgesucht“.

In den Folgetagen begann die Grundausbildung. Wir marschierten in Teilgruppen auf eine Grassteppe. Dort zeigten uns die Ausbilder, diverse Gangkarten, bis hin zum kriechen. Als ich am Wochenende in Hoyerswerda war, hatte ich einen Film von Alfred H. gesehen. Darin waren Partygeräusche, aber es war keine Party, es war nur das Geschrei der Wildgänse. Dieses Geschrei, bzw. der Partylärm sollte mich in den Folgetagen in der Ostrauer Heide begleiten. Das Wetter meint es gut mit uns, es war meistens trocken und so blieb der Kampfanzug meist sauber. Hin und wieder Schießübungen, beim ersten Male flog mir das Gewehr gegen meinen Helm, Aua tat das weh, Übungen mit Gasmasken etc. In der Gaskammer, wo wir die Filter austauschen mussten, drang Tränengas unter die Schutzbrille. Das ist bei langen Haaren so, die Dinger halten nicht dicht. Aber halb so schlimm. Von Tag zu Tag gefällt es mir besser und vor allem die langen Gespräche mit Oliver, der nach Beendigung seiner Wehrpflicht Jura studieren will, geben mir Hoffnung und Zuversicht. Fast jeden Tag treffe ich ihn in der Kantine. Eigentlich hätte ich das Casino benutzen dürfen, da ich ja Kadettenstatus hatte, aber ihm zuliebe trafen wir uns dort. Diese Kantine nannte sich Columbus und erinnerte an den Seefahrer. Seltsam, bei Heer und dann ein Seefahrer. Naja.

 

Tag um Tag vergeht und der Termin der Vereidigung rückt näher.

 

Am 21. August 2001 ist es soweit. Wir sind mit Militärbussen nach Bonn gefahren worden. Heute haben wir unsere Gala-Uniform an. Auf dem Petersberg findet in den Abendstunden eine feierliche Vereidigung statt. Fackelträger und das Orchester der Bundeswehr stehen bereit. Auch der Minister für Verteidigung der Bundesrepublik ist gekommen, diverse Generäle und vor allem ein weiblicher General sind anwesend. Viele Verwandte, so auch meine Eltern sind angereist, hoppla meine Eltern, 2 Frauen oder Mama und Papa. Ich denke das erstere, mal schauen.

 

Meine Eltern waren vorher ins Ruhrgebiet gefahren, um Oma Lisa zu besuchen. Sie hat heute Geburtstag und wird 77 Jahre alt. Ich hatte sie am letzten Wochenende besucht und sie hatte sich sehr gefreut mich zu sehen.

 

„Kompanie stillgestanden“, ertönt es aus dem Lautsprecher. Die Zeremonie beginnt. Ich hoffe, dass ich den Text behalten habe. Ich gelobe der Bundesrepublik Deutschland…., au bin ich aufgeregt.

 

Nach 2 Stunden ist der Rummel vorbei und wir können uns auflösen. Anna und Daniela stehen gerade neben dem Verteidigungsminister. „Hallo Rabea, komm doch bitte her und lass dich umarmen. Herr Minister, darf ich Ihnen meine andere Tochter vorstellen, deine Schwester hatte der Herr Minister letzte Woche kennen gelernt, als sie vereidigt wurde und möchte sich nun gerne mit dir unterhalten“.

 

Anna als Anna, nicht als Papa und dann der Verteidigungsminister. Wie kamen meine Eltern nur an ihn?

 

Der Minister fragte mich nun nach meinen Zielen, meinen Wünschen und Interessen. Ich antwortete knapp und präzise, so wie ich es in den letzten Wochen gelernt hatte.

 

Anschließend fuhr uns der Bus nach Köln zurück in die Kaserne. Meine Eltern werde ich erst am Wochenende wieder sehen.

 

Eine Frage stellte ich mir andauernd. Woher kannte Anna den Minister und vor allem wie hatte es Anna geschafft in ihrer neuen Rolle an dieser Veranstaltung teil zu nehmen ?

 

In den letzten Wochen hatten sich in Hoyerswerda große Veränderungen getan. Anna konnte ihre neue Krankenkasse beim Zahnarzt einsetzen. „Hallo Herr Harnisch“, sei sie von der italienischen Sprechstundehilfe begrüßt worden. Ich muss dazu sagen, dass Anna in den letzten Jahren 2 x am Weiberfastnachtstag als Frau bei unserem Zahnarzt war. „Nein“, es gibt nur noch die Anna, korrigierte sie Papa. Sofort änderte die Sprechstundenhilfe die Karte und rief sie auch als Frau Harnisch auf.

 

Ähnliches war beim Augenarzt passiert. Anna hatte einen blauen Hosenanzug an, schwarze Halbschuhe und war eigentlich eher neutral gekleidet. Sie haben mir die verkehrte Krankenkassenkarte gegeben, das ist die Karte ihrer Frau“, sagt ihr die Sprechstundenhilfe des Arztes. Aber auch hier wurde das Datenblatt sofort korrigiert und der Aufruf zum Arzt erfolgte mit Frau Harnisch.

 

Weiterhin habe Anna einen Urologen aufgesucht. „Tut mir leid, Frau Harnisch, aber da haben mir meine Damen eine verkehrte Karte gegeben, das kann doch nicht sein“. Nein, das ist schon richtig, denn Anna war wegen eines Nierensteines vor einem Jahr in der Praxis gewesen und Anna klärte den Arzt auf.

 

Diesen Arzt hatte Anna aufgesucht, da der Doc in Münster eine Untersuchung von einem Urologen brauchte, um Zwitterhaftigkeit auszuschließen. Es kann durchaus passieren, dass Frauen auch Hoden besitzen und dennoch Kinder bekommen können. Ähnliches kann auch einem Mann passieren, wenn auch weibliche Geschlechtsteile vorhanden sind.  Für die anstehende Hormonbehandlung ist diese Untersuchung wichtig.

 

In den letzten Wochen war auch Anna´s, oder vielmehr Papas Workshop an der VHS zu Ende gegangen. Im nächsten Semester werde ich nicht mehr zur Verfügung stehen, eine junge Frau wird den Unterricht fortsetzen, habe Papa den Teilnehmern verkündigt. Seit über 1 Jahr kommt dieser Workshop mit den gleichen Teilnehmern zusammen. Auf seine Frage hin, ob der Kreis weitermachen würde, wenn Frau Harnisch unterrichte, haben sich alle wieder angemeldet. Ein sehr gutes Omen.


31. August 2001 – Besuch im Klinikum

 

Nach der Vereidigung habe ich 5 Tage frei und nutze diese Gelegenheit meine Familie im Osten zu besuchen.

 

Anna hatte sich inzwischen bei einer Dresdener Klinik in der Urologie einen Termin geben lassen. Dort praktiziert Frau Sabine Krieger, Oberärztin und führt pro Monat meist 2 sogn. Geschlechtsanpassende OP´s durch, wobei Frau Dr. Krieger generell Erfahrungen in den Operationen von Mann zur Frau hat.

 

Aufgrund meiner bevorstehenden Ausbildung zur Ärztin interessiert mich natürlich dieser Fall, inbesondere weil es sich um meinen Vater, hoppla meine zweite Mutter, na ja ich sage besser Anna handelt.

 

Anna hat nichts dagegen, dass ich sie nach Dresden in die Universitätsklinik begleite. Ihren Beratungstermin in der sogn. Transsexuellen-Sprechstunde, wie Frau Dr. Krieger sich ausdrückt, ist um 10:00 Uhr.

 

Gegen 7:00 fahren wir in Hoyerswerda ab und erreichen schon kurz nach 8:00 Uhr das „blaue Wunder“. Anna fährt immer gerne Nebenstrecken und so kommen wir durch die Ausläufer von Dresden in die Stadtmitte. Vor dem Klinikum finden wir keinen Parkplatz und Anna fährt ins das Parkhaus. Sie hat einen Lageplan der einzelnen Gebäude bekommen und die Urologie ist gleich neben der Mensa, eigentlich kein appetitlicher Gedanke.

 

Wir treten ein und Anna geht zur Anmeldung. „Setzen Sie sich, es wird noch etwas dauern“, wird ihr gesagt. Wir setzen uns. Kaum hatten wir und gesetzt, kommen 2 weitere Patientinnen. Eine von ihnen ist Georgina Beste, sie wurde vor 4 Wochen operiert. Anna kennt sie und ihre leuchtend roten Haare sehr genau. Die andere ebenfalls eine sogn. „Post-Op“, das sind Personen, welche die OP hinter sich haben, stellt sich kurz vor. Sie ist sehr groß und hat eine sehr tiefe Stimme.

 

Naja, die hat es nicht einfach, denke ich und auch Anna wird sich wohl ihren Teil gedacht haben.

 

„Ich rate Dir von der OP hier in der Klinik ab“, meinte Georgina zu Anna. Georgina ist aber dafür bekannt, dass sie alles sehr, sehr negativ sieht. Anna kennt sie aus der Dresdener Selbsthilfegruppe. Georgina hat im Augenblick noch sehr große Sitzschwierigkeiten, sie hat sich eine Art Sitzreifen mitgebracht. Ist auch verständlich nach so einer OP.

 

Die beiden werden schnell aufgerufen und wir warten weiter. Eine Frau mit kurzen Haaren, sehr energisch aussehend, geht vorbei. Ist das die Ärztin? Sind alle Ärztinnen so, werde ich einst auch so aussehen, wenn ich den weißen Kittel trage ?

 

Obwohl Anna ihren Termin um 10:00 Uhr hatte, wird sie erst gegen 11:30 gerufen.

 

Frau Doktor will ihr die OP-Methode erklären und sie erwidert, dass sie hierüber seit Jahren Bescheid wisse. „Eine OP ist im Frühjahr 2003 möglich, Frau Harnisch, Sie müssen mir generell die beiden Gutachten über Ihre Vornamensänderung einreichen. Eine Bescheinigung Ihrer Krankenkasse zwecks Kostenübernahme ist gut, aber nicht vorrangig. Ich setze sie auf die Warteliste“, so Frau Dr. Krieger.

 

Der Termin ist vorbei und wir treten wieder in das Freie. Anna ist sich unschlüssig, ob sie dieser Frau vertrauen soll. Das ganze Klinikum ist aus den 60-ziger Jahren, sehr unsympatisch und Frau Dr. Krieger in meinen und Annas Augen sehr kalt. Anna wird sich noch mit einem zweiten Operateur unterhalten, was in jedem Falle sinnvoll ist. Es ist ja noch genug Zeit, zumal die Vornamensänderung noch aussteht. Das Abraten von der OP aus der Sicht von Georgina hinaus, bewertet sie nicht, sie kenne Georgina zur Genüge und da müsse „frau“ Abstriche machen.  Unter den Transsexuellen gibt es viele, welche jammern und stets unzufrieden sind, Georgina ist eine von Ihnen.

 

Wir fahren noch in die Innenstadt und Anna lädt mich zum Essen ein. In der Nähe der Elbe sitzen wir beim Spanier und betrachten den Trubel der internationalen Touristen. Ja, die Frauenkirche zieht alle an und insbesondere August der Starke und sein Zwinger und dabei gibt es Männer, welche keine Männer sein wollen. August der Macho, was hätte der wohl dazu gesagt, oder war der gar kein Macho. All diese Bauwerke, zeugen von sehr viel Feingefühl und Inspiration. Vorbei am Schloss der Wettiner, gehen wir zum Parkplatz. Ich werfe noch einen Blick auf die Kacheln, welche den Siegeszug der Wettiner darstellen. Wird Anna auch einen Siegeszug abhalten oder ist dieser Schritt ihr Niedergang?


 

11. September 2001 – Die Erde fängt Feuer

 

Ich habe seit heute Mittag frei, heute war meine praktische Fahrprüfung in der Fahrschule gewesen. Führerschein der Klasse CE (LKW), als künftiger weiblicher Offizier, muss ich alle Führerscheine machen. Die Grundausbildung war gut überstanden generell 2 x mal waren wir wirklich bis an die Ohren dreckig in einem matschigen Gelände.

 

Oliver war wieder daheim und hat sein Vorstudium an der Ruhr-Universität begonnen. Wohnhaft ist er in Gelsenkirchen, ich kann meine Besuche bei ihm immer mit den Besuchen im Altenheim bei Oma Lisa verbinden.

 

Ich bin gerade auf dem Weg nach Gelsenkirchen und fahre mit meinem Auto gerade über den Viehofer-Platz in Essen, als ich die Meldung höre, dass ein Flugzeug mitten in New York in den Turm des World-Trade Centers gerast sei. Es ist kurz nach 15.00 Uhr. Mir läuft es kalt den Rücken herunten. Ein Unfall, aber was für einer. Die Skyline von New York in Flammen. Einige Minuten später höre ich, dass ein weiteres Flugzeug in den 2. Turm gerast ist. Die Türme stürzen ein, tausende von Menschen sterben.

 

In Gelsenkirchen, suche ich zuerst Oma Lisa auf. Auch bei ihr läuft der Fernseher. „ Es gibt Krieg, du musst in den Krieg, hättest Du doch nicht diese Entscheidung getroffen“, meint sehr, sehr traurig Oma Lisa zu mir. Auf der Autofahrt von Essen nach Gelsenkirchen hatte ich mir auch schon die Frage gestellt, ob meine und Tabeas Entscheidung eine militärische Laufbahn einzuschlagen, richtig gewesen sind.

 

Der Abend mit Oliver, wir trafen uns im Hotel Monopol zum Essen, war auch von den Ereignissen überschattet und wir konnten kaum Gedanken füreinander finden.

 

Zeitgleich passierte 600 km östlich von uns in Hoyerswerda auch einiges. Anna hatte um 15:00 Uhr die Hochschule verlassen und war auf dem Weg nach Hause, denn an der Hochschule arbeitete sie ja noch als Andreas. Sie wollte sich daheim umziehen, um sich wegen ihrer anstehenden Hormontherapie  bei einem Arzt vorzustellen.

 

Vor einigen Tagen hatte sie sich schon einer Lasertherapie unterzogen, um Haare im Gesicht zu entfernen. Dieses wurde an der Uniklinik in Dresden durch Frau Dr. Kern vollzogen. Die Kosten hierfür hatte Anna selbst bezahlt, da die Krankenkassen im Regelfall keine Lasertherapie bezahlen. Laser, auch die neusten Modell wie der Light - Sheer entfernen nicht dauerhaft das Gesichtshaar. Diese Behandlungen sind für Anna an den Lippen sehr schmerzhaft gewesen. Wie eine Pistolenkugel, knallt der Laser auf das Gesicht. 200 Schläge in ca. 5 Minuten. Am anderen Tag sah sie aus, als hätte sie Windpocken. Aber auch ein Großteil ihrer Behaarung ist verschwunden, dauerhaft ?

 Generell die Nadel-Epilation sorgt für eine dauerhafte Haarentfernung. Die Krankenkassen bezahlen sie jedoch erst nachdem die Patientin mindestens ¼ Jahre gegengeschlechtliche Hormone genommen hat. Aber Anna´s Job macht es halt notwendig, dass Frau nicht mit Haaren im Gesicht herumlaufen kann, auch wenn es an der Universität noch den Andreas gibt.

 

Daheim zieht sie sich um und fährt zu dem Arzt. Das Wartezimmer ist voll, sie nimmt Platz und hört und sieht die Ereignisse des heutigen Tages im Wartezimmer. An der Wand hängt ein Plakat und bittet um Spendenaufrufe für den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche. Sie wird aufgerufen und zu einem Dr. Herzog geführt. Anna erklärt ihr Anliegen dem Arzt.

 

Daraufhin meint Dr. Herzog, dass es äußerst ungewöhnlich sei, dass ein Mann in einem Alter von 45 Jahren diesen Schritt mache, seine Patienten, seien viel, viel jünger. Er lehne eine Behandlung ab. Anna sagt etwas und die beiden geraten in einen heftigen Streit. Der Arzt knallt die Tür zu und schreit seine Helferin an: „Gutachten an Dr. med… in Münster…“

 

Anna verlässt ebenfalls das Zimmer. Nein, dort lasse sie sich nicht behandeln, der Typ ist ja gemeingefährlich. Diesen Tag hat Anna nie vergessen.

 

Als sie einige Zeit später wieder in Münster war, sprach sie den Zwischenfall an und der Doc hatte aus dem Schreiben von Dr. Herzog mitempfunden, was passiert war. Aber Anna hatte einen anderen Arzt gefunden, welcher die Hormonbehandlung durchführen werde. Die Zeit bestimmt jedoch der Doc in Münster. Anfangs hatte er Anna von 6 Monaten erzählt, diese sind nun fast herum und sie fiebert dem Zeitpunkt entgegen. Klommen Herzens, da sie nicht weiß, inwieweit die Hormone sie verändern. Ist sie nachher noch die gleiche Person oder tötet sie den Andreas. Der Doc hatte ihr gesagt, dass sie sich verändere, aber wie?

 

Ich sitze abends vor dem PC und wähle die Seite des Hellsehers Nostradamus aus. Er hatte vor hunderten von Jahren einiges gesagt, Päpste werden fliegen, New York wird zerstört werden, ein großes Inferno wird kommen. Außer mir sind an diesem Tage viele tausende auf diesen Seiten gewesen. Auch Anna ist im fernen Hoyerswerda auf diesen Seiten. Da es Donnerstagabend ist, leitet sie heute, trotz der traurigen Ereignisse, ihren EDV-Workshop.

 

Obwohl wir moderne Menschen sind, gibt es doch so etwas, was wir nicht greifen können. Unser Verstand kann es nicht verarbeiten. Wer sind wir wirklich ?


 

Freitag, der 13. Oktober 2001

 

Heute vor 13 Jahren trat der Staatschef der ehemaligen DDR zurück. Sein Nachfolger wurde damals Egon Krenz. Die Montagsmärsche in Leipzig, die Messen in der Nicolai-Kirche in Leipzig und an den übrigen Stellen der ehemaligen DDR hatten die Diktatur ins Wanken gebracht. Damals war es auch ein Freitag. Ich war noch in der Grundschule und gerade 7 Jahre alt.

 

Gestern war ich in Hoyerswerda angekommen, da ich einige Tage Sonderurlaub hatte. In den letzten Tagen hatte ich auch noch meine Führerscheine für Motorrad und Kettenfahrzeuge erworben und sollte nun zu einem Sanitätslehrgang nach Würzburg.

 

Da Anna heute wieder einen Termin beim Doc in Münster hatte, fuhr ich mit ihm wieder in meine Lieblingsstadt. Anna hoffte, dass der Doc sie heute untersuchen und ihr die Indikation für die Hormone geben würde.

 

Während Sie beim Doc war, traf ich mich mit Oliver, welcher nach Münster gekommen war und besuchte mit ihm zusammen das Cinemax, nahe der Halle Münsterland.

 

Leider verordnete der Doc ihr heute noch nicht die Hormone, die Untersuchung verschob er auf den nächsten Besuch. „Aber Weihnachten ist ja bald“, tröstete er Anna.

 

Anna fährt nach dem Termin nicht nach Hause, sondern zuerst nach Datteln, wo sie etwas erledigen musste, anschließend wollte sie sich mit Menschen aus der Münsteraner Selbsthilfegruppe für Transsexualität in Hamm treffen. Mit ihrem Mercedes raste Anna über die Feldwege, gab Gas und Gas. Sie war sehr enttäuscht, denn sie hatte damit gerechnet, dass heute zumindest die Untersuchung, wenn nicht die Verordnung käme. Sie weint während der Fahrt, achtet nicht auf Bordsteine und ihr Puls ist sehr angespannt. In Hamm sucht sie nach dem besagten Treffpunkt, fährt mehrfach vorbei, ehe sie ihn erblickt. Sie trifft einige Bekannte. In dem Lokal fühlt sie sich jedoch sehr unwohl. Das ist nicht ihre Welt, ein Teil der Besucher sind von der falschen Seite. Sie entschuldigt sich sehr bald bei ihren Bekannten, welche ebenfalls in Roxel wohnhaft sind und fährt heim. Sie ist wieder etwas ruhiger geworden.

 

Hinsichtlich ihrer Situation an der Hochschule hatte der Doc ihr geraten einen Schwerbehinderten-Ausweis zu beantragen. Im Regelfall gibt es bei Transsexualität mindestens einen Grad der Behinderung von 50 %. Das gehe im Regelfall durch, meint der Doc, welcher zurzeit ca. 50 Patienten aus dem Bereich der Transsexualität behandelt. Nicht alle kommen aus Münster, sondern aus dem nahen Osnabrück, dem Ruhrgebiet und dem südlich vom Münsterland gelegenen Sauerland.

 

Aber Anna ist sich im Moment nicht schlüssig darüber, ob sie den Ausweis beantragen soll. Sie arbeitet freiberuflich und bietet ihr der Ausweis da Schutz. Sie denkt an den Dekan Jürgen Rohmann. Mit ihm wird es nicht einfach werden.

 

Ferner hatte sie den Doc gefragt, wie es mit der Änderung der amtlichen Papiere vor sich gehe. Er erklärte es ihr. Anna benötigt eine Meldebescheinigung vom derzeitigen Wohnort, eine amtlich beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde, sowie einen transsexuellen Lebenslauf. Das ist kein Lebenslauf, so wie ihn eine Personalberaterin schreiben würde, sondern in ihm sollen die Stationen des Lebens auftauchen, welche für eine Begutachtung wichtig sind. Wesentlich ist hierbei, dass die Person seit mindestens 3 Jahren unter dem Zwang lebt, dem anderen Geschlecht anzugehören und darin fortan auch leben will. Das Papier benötigt das Gericht für die beiden Gutachter, bei welchen Anna vorstellig werden wird. Der Doc in Münster hatte sich selbst als Gutachter angeboten. Insgesamt werden auf Anna ca. 1500-3000 DM an Kosten zukommen. Je nachdem, was ein Gutachter an Honoraren nimmt. Das Verfahren könne bis Ostern abgewickelt sein, so der Doc.

 

Als angehende Ärztin kenne ich Problematik. In den Selbsthilfegruppen, in einigen sind auch Angehörige gern gesehen, kann es sehr leicht zu Fehlentscheidungen kommen, da durch die Gruppendynamik oft Leute zu Schritten bewogen werden, welche nicht für sie gedacht sind. Einige Gruppen lassen Personen nur nach eingehender Prüfung der Sachlage in die Gruppe, somit werden Transvestiten ausgeschlossen um sie nicht auf für sie falsche Wege zu leiten.

 

Ich persönlich halte dieses für falsch, aber es ist halt ein Streitthema.

 


 

Novembertage - Zukunftsängste

 

Der 11. September hatte seine Schatten noch über uns geworfen. Innerhalb der Bundeswehr herrschte sehr große Auffuhr, inwieweit die Bundesrepublik in den Afghanistan-Krieg verwickelt wird. Flugzeuge mit Sanitätern und Ärzten sind schon bereitgestellt und im persischen Golf stationiert.

 

Ich bin jetzt ausgebildete Sanitäterin, besitze alle Führerscheine, habe auch schon den Grundlehrgang absolviert. Im Januar muss ich zum Lehrgang, danach werde ich mit etwas Glück zum „Fahnenjunker w“ befördert. Das bedeutet einmal, dass ich einen höheren Rang habe, prinzipiell aus den Mannschaftsdienstgraden heraus bin. Aber das bin ich eigentlich schon von Anfang an, denn noch sind Frauen bei der Bundeswehr keine Normalität. Oft wurde ich gefragt, warum ich diesen Schritt gemacht habe, teilweise bewundert, aber auch mit Beileid überschüttet.

 

In Sachsen hatte jetzt Anna ihre Vornamensänderung beantragt. Da unser 1. Wohnsitz immer noch Münster in Westfalen ist, ist das Amtsgericht Dortmund zuständig. Anna musste eine Meldebescheinigung der Stadt Münster, eine amtlich beglaubigte Kopie ihrer Geburtsurkunde, sowie einen sogn. Transsexuellen Lebenslauf einreichen. Hierin ist beschrieben, seit wann sie sich als Frau fühlt. Mindestens 3 Jahre muss eine transsexuelle Person unter dem Zwang leben, dem anderen Geschlecht anzugehören, sonst hat der Antrag keinen Erfolg: Das ist aber bei Anna nicht der Fall, nicht bei ihrem Aussehen, ihrer liebevollen Art und Weise. Sie ist an und für sich mehr unsere Mama geworden. Gleichzeitig hatte Anna angegeben, welche Gutachter sie haben möchte. Das habe ihr eine Dame bei Gericht gesagt. Sie hatte nun ihren Doc in Roxel, sowie Professor Solm in Dresden angegeben. Prof. Solm ist Leiter der Psychologie der Dresdener Uniklinik. Ich erinnere mich noch an unseren Besuch bei Frau Dr. Krieger. Dieses scheußliche Gelände. Naja, aber es ist ja nur wegen dem Gutachten.

 

Gleichzeitig hatte Anna einen Antrag beim Versorgungsamt Münster gestellt, um einen Grad der Behinderung von 60 % Schwerbehinderung zu erreichen.

 

Das soweit zu den Fakten.

 

Auch beim Doc in Roxel war sie wieder gewesen. Er hatte sie untersucht und ihr versprochen beim nächsten Termin die Indikation für die Hormone zu geben. Anna hatte inzwischen einen Endokrinologen gefunden, dem sie vertrauen kann. „Er ist ein Ur-Berliner, sehr nett, kommt aus der Forschung der Schering AG und kennt sich mit derartigen Präparaten sehr gut aus“. Den Arzt vom 11. September hatte Anna ausgeschlossen und werde auch jeder ihrer Leidensgenossinnen vor dieser Praxis eingehend warnen.

 

Ansonsten lebt Anna jetzt innerhalb unserer Familie total in dieser Rolle. Generell zur Arbeit fährt sie noch als Mann. In den letzten Wochen hatte sie auch damit begonnen in verschiedenen Geschäften als Frau einzukaufen- Allerdings ist dieses nicht immer einfach, denn hin und wieder begegnet sie bekannten Personen und versucht sich noch zu verstecken. Wie wird das weiter gehen. Welche Konsequenzen werden Anna und wir haben. In der letzten Woche hatte ich den Spielfilm mit dem Schauspieler Horwitz gesehen, welcher darin eine transsexuelle Person spielt. Die Nachbarn machten Schwierigkeiten, die Kinder litten darunter. O.K. wir sind groß, aber unser Nesthäkchen Cassandra. Wie verkraftet sie es?

 

Mama verkraftet es sehr gut, na ja, sie steht auf Frauen. Was aber wird aus unserem Ansehen. Anna hat auch noch große Bedenken vor einem Outing in der Stadt und am Arbeitsplatz. Sie hatte sich in den letzten Tagen schon nach einer Alternative umgesehen. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, sich um eine Beratungsstelle des Landes für Transsexualität zu bewerben, welche neu eingerichtet wird. Die formalen Voraussetzungen erfüllte sie voll, dann erfuhr sie, dass diese Stelle wohl schon besetzt sei und sie schickte die Bewerbung nicht ab, obwohl man ihr von der ausschreibenden Stelle der AWO anderes mitgeteilt hatte.

 

Tage kommen – Tage gehen, schnell vergeht sie Zeit, so wie in der Schneekönigin und wir sind die Figuren in diesem Spiel.

 

Weihnachten 2001

 

„Es ist Weihnachten, ich rufe Ihren Endokrinologen an, damit Sie die Hormone noch vor den Feiertagen bekommen.“, hatte der Doc zu Anna vor 2 Wochen gesagt.

 

Er hatte Wort gehalten. Anna war in der letzten Woche bei dem Berliner-Urgestein gewesen und bekam ihr erstes Rezept für Androcur.

 

Androcur 10mg, Packungsgröße N3, d.h. 3 x 15 Tabletten auf einem Filmstreifen. Damit „Frau“ ja nicht vergisst eine Tablette zu nehmen, hat der Hersteller Aufkleber für die Wochentage beigelegt.

 

Bei diesem Mittel handelt es sich nicht um ein Hormon, sondern nur um eine Vorbehandlung. Der Doc in Münster hatte es Anna so erklärt, dass ca. 6 Wochen vor dem Einnehmen der eigentlichen Hormone das Androcur verabreicht werden soll. Durch das Einnehmen von Androcur wird der männliche Geschlechtstrieb verringert.

 

Anna hatte sich gewundert, dass sie nur 10 mg verordnet bekam, ihre Freundin aus Roxel hatte 150 mg. Diese klagte allerdings dann auch wegen der Nebenerscheinungen. Als angehende Medizinerin weiß ich aber auch, dass die jeweilige Dosis vom Hormonstatus abhängig ist. Annas Werte sind so gering, dass 10 mg ausreichen.

 

Die Familie ist wieder einmal in Hoyerswerda vereint.

 

Anna kümmerte sich wie jedes Jahr am Heiligabend um das Herrichten des Weihnachtsbaumes. Siw wirkt sehr ausgeglichen, kaum merkt man ihr an, dass es sie doch sehr große Überwindung kostete, die erste Tablette Androcur zu schlucken. Sie wird sich verändern, ein andere Person werden, so hatte es ihr der Doc erklärt. Sie hat Angst, dass ihr altes „Ich“ der Andreas ganz getötet wird.

 

Zwillinge, 2 Herzen schlagen in einer Brust so heißt es. Tabea und ich sind welche, Anna ist es dem Sternzeichen nach, ebenso Mama.

 

Es wird nichts mehr sein, wie es einmal war, das sind Annas Befürchtungen, andererseits stehen da sehr große Hoffnungen und ein großes Ziel. Wie wird es mit den Nachbarn werden, wie mit der Arbeit, wird Daniela weiter zu mir halten, wie reagieren die Kinder. Fragen über Fragen bestürmen meine Mama Nr. 2.

 

Den heiligen Abend verbringen wir traditionsgemäß im Familienkreis, incl. Saskia und ihrer Mutter.

 

„Wie kann bei einem Mann eine Steigerung der Intelligenz um 100 % erfolgen“, wirft sie fragend in die Runde. Mama antwortet ganz schlagfertig: „Durch eine geschlechtsanpassende Operation zur Frau“. Alle lachen, generell Claudius schaut betreten zu Boden und blickt auf Saskia, welche ihn ganz liebvoll umarmt. Ich bemerke die Umarmung von Saskia, wie sie meinen Bruder streichelt. Streichelt so eine Frau ihren Freund, bzw. hofft Saskia auf etwas ganz anderes. Es erschauert mich.

 

Sünden der Väter werden übertragen auf die Söhne. Trifft das auch auf Frauen zu. Saskias Mama ist lesbisch, ist Saskia dieses auch? Was wird aus Claudius in einigen Jahren? Hat Claudius eine Veranlagung von Anna genetisch geerbt?

 

Ich erstarre, glaube aber kaum, dass meine. Mutmaßungen richtig sind.

 

 

27.12.2001. Anna hat noch einige Tage frei, da die Uni geschlossen ist. Es ist kurz nach dem Mittagessen. Anna geht in das Arbeitszimmer, um die Richterin des Amtsgerichts in Dortmund anzurufen. Vor 6 Wochen hatte sie den Antrag auf Vornamensänderung eingereicht, bislang jedoch nichts Positives gehört. Von einer anderen Betroffenen aus Bochum weiß sie, dass diese schon einen Bescheid vom Amtsgericht bekommen hat, obwohl sie ihren Antrag 3 Wochen später stellte. Die Amtsgerichte gehen nach den Buchstaben der Familiennamen, hiernach erfolgt eine Zuteilung zu Richterinnen und Richtern. Ihre Freundin Sabine hat einen Richter zugewiesen, welcher schon auf eine lange Erfahrung in diesem Bereich zurückblicken kann.

 

Nach ca. 5 Minuten ertönen laute Schreie, sehr heisere Schreie aus dem Arbeitszimmer. Oje, Anna und die Richterin scheinen nicht auf einer einheitlichen Welle zu schwimmen. Anna kommt herein, knallt laut die Tür zu und scheit uns an: “Ihr Freiberufler haltet Euch für etwas besseres, da wird jeder Ratzefummel von der Steuer abgeschrieben usw. hätte sie die Richterin angebrüllt“. Anna fängt an zu heulen. Sie, welche stets bemüht ist, alles richtig zu machen, das Glück hat als Frau angesehen zu werden, warum nur passiert ihr das?

 

Den Grund kann sich keiner von uns erklären, Anna ist stets eine ruhige, sehr liebe Person.

 

Ich erinnere mich an den Zwischenfall vom 11. September bei dem Urologen. Offenbar ist es doch so, dass bestimmte Menschen nicht miteinander können. Bush junior und Osama bzw. Sadam, Anna nicht mit dem Urologen und sicherlich auch nicht mit der Richterin. Das wird noch heiter werden, denn leider ist Anna auf die Richterin  angewiesen.

 

Weiterhin habe sie Anna gesagt, dass sie ihre Akte liegen lasse, falls sie sich bei höherer Instanz über sie beschweren werde.

 

Gegen Abend will Anna nach Dresden in die Selbsthilfegruppe fahren, welche sich jeden Freitag in einer ehemaligen Schokoladenfabrik trifft. Tabea und ich wollen ebenfalls in die Landeshauptstadt und so fahren wir mit.

 

Diese Fahrt werden wir jedoch lange, lange Zeit nicht vergessen. In 35 Minuten sind wir in der Landeshauptstadt. Generell 1 Porsche hat uns überholt. Ich glaube auch Anna wird diese Fahrt nicht vergessen. Aber für sie ist es notwendig, den Meinungsaustausch mit anderen Betroffenen zu halten.

 

Um 23:30 Uhr holt sie uns vor dem „Gänsedieb“ ab. Sie ist wieder die Alte geworden und sicher erreichen wir das heimatliche Hoyerswerda.

 


 

24.01.2002 – Der „blaue“ Brief und mehr

 

Den Lehrgang zum Fahnenjunker w hatte ich nun hinter mir. Wieder einmal Geländeübungen, aber schlimmer als in der Grundausbildung in Köln. Mit geschwärztem Gesicht robbte ich in voller Montur über schlammige Böden, so dass mein Kampfanzug Abends immer vor Dreck „stand“.

 

Als besonderes Highlight wurde uns ein 20 km Marsch beschrieben, welchen „frau“ jedoch so bequem beendete und als erste wieder die Kaserne erreichte. Mir kam hierbei zugute, dass ich im heimatlichen Münster seit Jahren Mitglied eines Radsportvereins bin und in den letzten Jahren immer den Pokal in den Wertungen Schülerin, Jugendliche und jetzt Damen I erreichte. Unsere ganze Familie ist bei den Münsteranern Sportfreunden Mitglied und Anna ist auch im Vorstand des Vereins. Im letzten Jahr war ich an den freien Wochenenden immer Rad gefahren. In NRW ist es egal, wo man fährt, so konnte ich dieses gut im Kölner Raum tun und meine erreichten Punkte, welche ich zwischen Eifel und Rur mühsam erradelte, zählen auch im Münsteraner Verein und im Bezirk NordWestfalen. Dieser Bezirk erstreckt sich von Gelsenkirchen, dem Wohnort von Oma Lisa über Coesfeld, Münster, fast bis Osnabrück und entspricht den Grenzen des Regierungsbezirkes.

 

Am 23.Januar 2002 war es soweit, wir erhielten die Urkunden zum bestandenen Lehrgang. Die Ernennung zum Fahnenjunker w wird auch in den nächsten Tagen erfolgen, aber eine Litze weist jetzt schon auf den absolvierten Lehrgang hin.l

 

1 Woche Sonderurlaub, welche ich dazu nutze, in Sachsen meine Familie zu besuchen. Oliver ist zurzeit mit seinen Eltern nach Mexiko geflogen. Bildungsurlaub im Altertum, Cacun und ähnliches.

 

Am Morgen des 24. Januar 2004 komme ich in Hoyerswerda an. Mama holt mich vom Bahnhof ab, denn ich hatte den ICE genommen. Als Soldatin der Bundeswehr habe ich eine Ermäßigung und mein Auto ist in Köln geblieben.

 

„Anna hat heute Bescheid vom Dortmund Amtsgericht bekommen“, eröffnet sie mir. Anna hatte wirklich jetzt Glück. Der 1. Gutachter war ihr Therapeut im heimatlichen Roxel, also der Doc, der andere, wie gewünscht Prof. Solm. Obwohl der Brief an Anna gerichtet war, hatte Daniela ihn geöffnet, meine Eltern haben keine Geheimnisse voreinander und es ist Danni anzusehen, wie sehr sie sich für ihre Anna freut.

 

An diesem Abend herrscht in unserem Hause regen Freude. Auch Saskia und ihre Mama nehmen an der Feier teil, insbesondere an der Vorfreude für Anna.

 

Wird sich Annas Siegeszug fortsetzen, oder kommt es zum Golgatha. Ich fürchte, dass nicht alles so glatt laufen wird, wie sie es verdient hätte. Aber das wird die Zeit zeigen und es geschiet schneller als erhofft.

 

Um 18:30 Uhr an diesem Tage hat Anna Unterricht in der VHS von Hoyerswerda. Gegen 20:00 Uhr ruft sie unser Pfarrgemeinderatsvorsitzender Peter an. „Andreas, hast Du einen Augenblick Zeit um zu mir zu kommen, ich muss etwas wichtiges mit Dir besprechen“, klingt Peters Stimme durch das Handy von Anna. Anna weiß, worum es geht. In den letzten Wochen hatte sie sich in Hoyerswerda immer mehr geoutet und war von einigen Personen gesehen worden. Der Doc würde dieses Verhalten von Anna als Salami-Taktik bezeichnen, bzw. kleine Schusseligkeiten. Anna hatte dieses unbewusst getan, dennoch bewusst, um sich ihren Weg zu ebnen. Ob es Erfolg hat, wer weiß. Anna sagt zu Peter, dass sie morgen Abend nach der gemeinsamen Vorstandssitzung reden könnten. Peter ist damit einverstanden.

 

Als Anna nach der VHS wieder daheim ist, bespricht sie ihr weiteres Vorgehen mit der gesamten Familie, Sie werde morgen Abend in der Vorstandssitzung einen Auszug aus ihrer Internet-Seiten welche sie seit einigen Wochen im Netz hat, öffentlich vorlesen und dann die Mitglieder entscheiden lassen, ob sie zu ihr halten oder nicht. Ein Wagnis sicherlich, doch ihr bleibt keine andere Wahl.


 

25. Januar 2002 – Der Tag danach

 

Anna führte aus, was sie gestern gesagt hatte und bat in der Vorstandssitzung der Kirchengemeinde um die Ergänzung eines Tagespunktes: Rückblick – Ausblick.

 

Unter diesem Punkt las sie einige Passagen aus ihren Webseiten vor, welche sich mit ihrem und unserem Leben beschäftigten. Sie endete mit den Worten: „Ihr könnt zu mir halten, aber ich verlasse auch gern den Raum, falls Ihr euch gegen mich entscheidet“.

 

Es herrschte Stille, gefolgt von einem Standing Ovation der Versammelten. Speziell Peter, der Vorsitzende sprach ihr seine Hilfe zu. Nach der Versammlung saßen Anna, Peter und dessen Frau noch lange beisammen. Wann es denn offiziell in der Gemeinde die Anna geben werde, wurde sie gefragt. Anna konnte dieses heute nicht beantworten. Ob direkt oder später, das wird die Zeit entscheiden.

 

 

Dennoch fällt diese Entscheidung schon 1 Tag später. „Am kommenden Sonntag wird es die Anna offiziell in der Kirche geben“, so Anna zu Peter am Telefon. Peter findet diesen Entschluss von Anna gut, zumal nach dem Gottesdienst eine Versammlung stattfindet. Er, Peter, werde kurz einige Worte zu den Veränderungen sagen und der Gemeinde seinerseits seine volle Rückendeckung für Anna signalisieren.

 

Mit diesem Schritt hat Anna ein weiteres Outing hinter sich. Sie kann nun in den Gemeinde offen als Anna leben.

 

 

 

 

Es ist Samstag Nachmittag. Mit dem Auto fahren wir nach Dresden. Anna und Mama wollen zu einer Veranstaltung der Dresdener Selbsthilfegruppe. Wir anderen schwärmen in die Dresdener Altstadt aus.

 

In der Dresdener Selbsthilfegruppe findet heute in einem alten Fabrikgebäude am Ufer der Elbe eine GCP statt. (Gender Change Party). Hierzu sind Transsexuelle, Transvestiten, Lesben herzlich willkommen. Für einige von ihnen ist es sicherlich eine Möglichkeit, sich einmal geschützt zu verkleiden, was sicherlich auf die Transvestiten zutrifft, aber auch auf betroffene Transsexuelle, welche ganz am Anfang stehen.

 

Leider sind auf diesen Party´s jedoch auch Personen, welche „spannen“ wollen.

 

In Köln findet auch so eine Party statt und ich war vor einigen Wochen mit Anna dort. Ca. 250 Personen beiderlei Geschlechts, kommend aus ganz Deutschland amüsierten sich dort, bzw. unterhielten sich. Anna hatte damals in Köln die Misswahl gewonnen. Die Kölner SGH hatte mit diesen Treffen begonnen, kurz darauf sind sie jedoch auch hier in Dresden entstanden.

 

Ich erinnere mich noch gut an einen Typen, welcher eine französische Polizeiuniform trug. Ich wurde damals, als ich Anna begleitete, diesen Typen kaum los. Er war ständig in Begleitung eines sehr aufdringlichen Transvestiten, welcher sich hier und da unter das Volk mischte. Der Typ hielt mich wohl für eine junge TS. Ich ließ ihn Anfangs in dem Glauben und er wurde immer aufdringlicher. Dann klärte ich ihn kurzerhand auf und war ihn los. Der Typ kann mit Frauen nichts anfangen, da nimmt er Reissaus. Später macht er sich an Anna heran, ich beobachte die beiden. Anna erklärt ihm kurzerhand, dass sie schon operiert sei und schwupp – war der Kerl verschwunden.

 

In der Umgangssprache der Gruppen werden solche Personen oft als Transenjäger bezeichnet. Das sind Typen, welche oft homosexuell sind und auf Männer in Frauenkleidern stehen.

 

Den Ausdruck Transe mag ich nicht, auch Anna mag ihn nicht. Sie ist eine „richtige“ Frau und kein Individuum, welches nicht eindeutig identifizierbar ist. Bei uns daheim fällt dieser Ausdruck nicht, höchstens im Zusammenhang mit dem Typen aus dem Bergischen Land, dem sogn. Transenjäger.

 

Wie ich später hörte, macht dieser Typ auch in Fernost Urlaub, sehr wahrscheinlich um Sex-Kontakte zu haben. Mich erschauert bei diesem Gedanken.

 

Mit meinen Geschwistern sitze ich im Gänsedieb und schaue durch die Glasscheibe hinaus auf die Strasse. Obwohl es Winter ist in Sachsen, sehr kalt, ist es trocken und wir haben zurzeit keinen Schnee. Mit meinen Gedanken bin ich auf der GCP, wo sich unsere Eltern gerade befinden. Ob dieser Uniform-Typ auch da ist, denn der Transvestit aus Dortmund fährt mit seinem Bully durch ganz Deutschland und hat ihn sicherlich im Schlepptau.

 

Anna wollte sich heute mit Viktor treffen. Victor ist einige Jahre älter als Anna und hat die 68-ziger noch mitgemacht. Er hatte damals zusammen mit dem heutigen Außenminister Steine geworfen und wurde in Berlin-Kreuzberg zusammen mit einer Terroristin in die grüne Minna gesperrt. Aus Viktor ist nur ein Soziologe, kein Außen- oder Innenminister geworden. Er über aber diesen Beruf nicht mehr aus, sondern baut Jachten für die hiesigen Flüsse. Viktor und seine Frau sind noch richtige „Alternative“, sehr nett die beiden und meine Eltern freuen sich immer auf die Gespräche mit den beiden, welche über Gott und die Welt gehen.

 

Um 24.0O Uhr fährt der Wagen unserer Eltern vor. „Du, der Typ aus dem Bergischen war da, diesmal verkleidet als Bobby“, erzählt uns Daniela auf der Heimfahrt. Sie war schon mehrfach mit auf derartigen Veranstaltungen und es muss wohl wieder sehr bunt hergegangen sein.

 

Anscheinend hatte den Typen wieder der Transvestit angeschleppt. Er ist in ganz Deutschland bekannt und treibt sich oft auch in Berlin herum, wo es wohl auch eine sehr große Gruppe Betroffener gibt.

 

„The Rocky Horror Picture Show“, denke ich. Für Anna wird es wohl die letzte dieser Veranstaltungen gewesen sein, meine Eltern können sich mit Victor und dessen Frau auch anderswo in Dresden treffen, z.B. im Gänsedieb oder beim Spanier. Wenn Anna Gutachterin für Vornamensänderungen wäre, würden sehr viel durch das Raster fallen, auf eine Art traurig für die Betroffenen, aber macht es Sinn aus 100 m Entfernung zu erkennen, da kommt keine Frau?

 

Anna hat Glück mit ihrem Aussehen, sie ist immer modisch gekleidet, meist elegant, aber auch sportlich im Mini-Rock, je nach Gelegenheit und Anlass.

 

Ich erkenne die Problematik. Einige Betroffene fühlen sich mehr als richtige Frauen und grenzen sich von den anderen Betroffenen ab. Im Kölner Raum gibt es jetzt eine Formierung, welche sich „Bio-Frauen“ nennt. Das sind die gut aussehenden, aber was ist gut aussehend, viel Schminke im Gesicht oder der Mensch als solcher.

 

Eigentlich sind Bio-Frauen, Personen, welche als Mädchen geboren wurde. Mama und ich sind Bio-Frauen.

 

Dann gibt es wieder die Formierung der Lesben, welche nur auf Frauen stehen. Zu dieser Kategorie gehört auch unsere Anna. Bei vielen Betroffenen jenseits der 40 ist die Möglichkeit nach einer Operation mit einem Mann zu schlafen nicht bedeutend. Sie wurden durch ihre Erziehung, bzw. durch ihr voriges Leben geprägt.

 

Gegen 2:00 Uhr sind wir daheim. Bis auf Anna gehen alle zu Bett. Anna schreibt noch einige Briefe am PC, diese will sie morgen früh in die Briefkästen unserer Strasse werfen. Es sind Coming-Out Briefe, denn ab morgen ist Anna, Anna.

 

 

Die Veranstaltung unserer katholischen Kirche in Hoyerswerda verfiel gut. Peter hielt Wort und erklärte auf der Versammlung, dass er zu Anna und zu halten und wenn Irgendeiner schlecht über uns spräche, bekäme er es mit ihm zu tun.

 

Daniela umarmte Anna und gemeinsam erzählen sie aus der Vergangenheit und kommen dann zur Zukunft.

 

So – seit heute nun gibt es Anna auch offiziell in unserer Gemeinde, wenn auch noch die Änderung des Vornamens aussteht. Ein Meilenstein wurde gesetzt.

 


 

06.02.2002 – Outing an der Hochschule

 

Diese Woche bin ich noch in Hoyerswerda bei meiner Familie. Nächste Woche geht meine Ausbildung weiter. Nun habe ich schon über ½ Jahr Bundeswehr hinter mir. Die Ausbildungen jetzt sind sehr interessant und in gut einem ½ werde ich die Truppe für 6 Jahre verlassen, um in Köln in Zivil Medizin zu studieren. Ein Apartment in Köln-Niehl habe ich schon angemietet, es ist eine sehr schöne Dachwohnung, viel Glas und vor allem eine sehr gute Aussicht auf den „Vater Rhein“. Köln, Stadt der Römer, gegründet von Agrippina, Stadt des Karnevals, Stadt der Nationalitäten, Tommi Engel, Brings und die Räuber, Stadt der Transsexuellen.

 

Es ist schon komisch, aber hier hat sich seit Jahren eine Szene gebildet. Nein, Szene möchte ich nicht sagen, denn es handelt sich bei den Betroffenen oft um Akademiker. Viele Personen, welche richtig im Leben stehen und dennoch ihr Leben ändern wollen. Einige von Ihnen kenne ich, bedingt durch die GCP in Köln vom letzten Jahr.

 

Naja, Ausnahmen gibt es schon, der Typ aus dem Bergischen, einige schlecht aussehende Transsexuelle, welchen man schon auf 200 m Entfernung ansieht, dass sie keine Frauen sind.

 

Was wäre, wenn Anna so vom Schicksal geschlagen wäre?. Mich erschauert. Nein ich brauche mich für Anna nicht zu schämen. Sie ist eine tolle Frau und nur eine Frau, nichts anderes, keine schlechte Kopie von Charlys Tante.

 

Anna hatte mir von einer jungen Transsexuellen erzählt, der sie beruflich helfen wollte. Diese stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat es jedoch jetzt in einen Vorort von Köln verschlagen. Dort wohnt sie mit einer älteren Transsexuellen zusammen. Ob die beiden homosexuell sind? Angeblich nein, nur eine Zweckgemeinschaft, aber wer weiß.

 

Ich kann mich auch vage an die beiden erinnern, da diese auf der GCP in Köln waren, wo Anna die Misswahl gewonnen hatte und in der Küche halfen.

 

Karola-Martina tat ihr leid und sie wollte ihr helfen. Sie hatte ihr Adressen gegeben und auch den Hinweis, dass sie sich dort nur gut gekleidet vorstellen solle.  Karola-Martina befolgte jedoch den Hinweis nicht und ging mit zerrissener Jeans, viel zu engem T-Shirt und vor allem ihren „riesigen Brüsten“ dort hin, welche aus Silikon sind. Ein fettes Monster, ähnlich dem Hermann von der Familie Munster, so wurde sie von einer ganz jungen Transsexuellen tituliert. Ja bei gut 120 Kg Lebendgewicht ist das kein Wunder.

 

Ist wirklich schade, aber haben solche Menschen überhaupt Chancen? Was fühlen diese, denn in der Umwelt sind solche Typen die Looser.

 

Ich erinnere mich an meine Schulzeit und an die A, B, C oder D-Typen.

 

A = Alpha-Typen. Diese haben Glück, Charme, sind zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle und haben vor allem Charisma. Es handelt sich um Führertypen. Napoleon, Cäsar aber auch Hitler, Stalin, Fidel Castro und Saddam Hussein. Helmut Kohl ist auch ein A-Typ. Er war Kanzler als die Mauer fiel, er konnte nichts dafür hatte Glück, Schwein gehabt. Aber sein Auftreten ist überwältigend.

 

B = Besorger. Das sind die Leute in der 1. Reihe im Hintergrund. Typischer Vertreter: Commander Riker vom Raumschiff Enterprise, in der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts sicherlich Leute wie Göbbels und Himmler.

 

C = Mitläufer. Ich denke dabei immer an Barney Geröllheimer. Egal was Fred Feuerstein macht, Barney macht alles mit.

 

D = Looser, Außenseiter. Ich erinnere mich an einen Mitschüler, welcher immer im Schottenrock, blauen Nägeln und einem bauchfreien T-Shirt herumlief.

 

Frage ist hierbei nur. Wer von beiden ist glücklicher. Der A- oder der D-Typ?

 

Wie ich meine Mama kenne, ich meine jetzt die Anna, hätte diese den Schritt nicht gemacht, wenn sie so aussehen würde.

 

Fazit: Anna hatte es wirklich gut gemeint, der Erfolg ist nun, dass diese Firmen ihr jetzt böse sind. Nein, dieser Person, wird sie nicht mehr helfen können.

 

 

Oliver kommt in den nächsten Tagen aus Mexiko zurück und ich freue mich schon sehr, ihm meine geschmackvoll eingerichtete Wohnung zu zeigen. Das Wohnzimmer ist in blau/gelb gehalten. Moderne Bilder an den Wänden, meine blauen Polster, ein blauer Nepal-Teppich bedeckt den mit Parkett belegten Boden. Besonders der Vorhang ist sehr interessant, er geht bis auf den Boden und in der Mitte ist ein großes gelbes Dreieck eingenäht. Den Vorhang hat Mama ausgesucht, den Rest ich. Meine Küche ist blau, geht über Eck mit angebauter Esstheke, der Flur ist in Erle Massiv eingerichtet. Generell ein Schlafzimmer fehlt mir noch. Im Augenblick habe ich dort mein altes Bett untergebracht. Die Schlafzimmereinrichtung möchte ich irgendwann zusammen mit Oliver aussuchen, aber bekanntlich haben Frauen ja eh den besseren Geschmack. Meint zumindest mein Oliver.

 

Ich schaue auf die Ansichtskarte, welche letzte Woche mit der Post kam. Eine Pyramide ist darauf abgebildet. Muss wirklich ein tolles Land sein. Ich freue mich schon auf das Wiedersehen mit ihm. 28 Grad hätten sie dort und er sei ganz schön außer Atem gewesen, als er die Pyramide erklomm. Die Pyramide des Sonnengottes, so hatte ich einst in einem Karl-May Buch gelesen. Ich fange an zu träumen.

 

Von der Zukunft mit Oliver, meine schöne Wohnung in Köln, mein bevorstehendes Studium und vor allem für eine wunderbare Zukunft meiner zweiten Mama.

 

Doch zurück zu den Ereignissen um Anna.

 

 

Gestern wurde im Kollegium der Hochschule in Hoyerswerde über die Situation von Anna gesprochen. Noch geht sie als Andreas zur Arbeit, allerdings wissen es schon einige Kollegen und gestern hatte sie erfahren, dass der Dekan Rohmann hiervon etwas spitz bekommen hatte. Anna wird heute mit ihm sprechen müssen, es geht dann nur der Weg nach vorn. Nachher hat Anna heute einen Termin bei Dr. Fuhrmann in der Klinik Hoyerswerda. Wegen des Antrags auf Schwerbehinderung, soll heute eine Begutachtung erfolgen.

 

Anna hatte vor einigen Tagen den Doc in Münster gefragt, wie sie sich verhalten solle. „Seien Sie Sie selbst“, war seine Antwort gewesen, Er ist der Meinung, dass es hierbei keine Schwierigkeiten geben wird.

 

Anna macht sich jedoch Sorgen, da Dr. Fuhrmann Neurologe ist. Auch ich halte dieses für schlecht, denn Psychotherapie und Neurologie sind ganz andere Fachbereiche.

 

Anna verlässt das Haus und fährt zur Hochschule. Wir wünschen ihr alle für den heutigen Tag viel Glück. Noch ist sie als Andreas gekleidet, wir hoffen alle, dass dieses Trauma für sie bald ein Ende haben wird.

 

Klommen Herzens macht sie sich gegen 10:00 Uhr auf den Weg zum Dekanat. Sie weiß, dass der Dekan Rohmann „Transvestiten wie die Pest hasst“, weiß aber auch, dass dieser den Unterschied zwischen Transvestiten und Transsexuellen nicht kennt und beides durcheinander wirft.

 

Das Gespräch im Dekanant verläuft kühl. Rohmann hat keine eigene Meinung, hat schon eine, getraut sich jedoch nicht diese an das Rektorat weiter zu geben, das ist Annas Chance. „Ja“, er habe schon etwas bemerkt, einmal sei unter Annas Hemd die Spitze eines Body durchgekommen. Ihm sei das gleich, aber das Rektorat würde entscheiden.

 

Eine ½ Stunde später ruft Rohmann Anna zu sich. „Wir müssen uns trennen“, betont er, wobei seine Schadenfreude groß ist. Die Entgegnung von Anna ist daraufhin, dass sich das Arbeitsgericht freuen werde. Der Dekan wird unsicher, die beiden trennen sich erneut.

 

Die Drohung Anna, direkt nach Hause zu schicken wäre falsch, hatte er sich überlegt. Er macht sich auf den Weg in den Hörsaal.

 

 „Es ist alles in Ordnung Herr Harnisch, ich habe mit dem Rektorat gesprochen, Viel Glück heute Nachmittag“. Was der Dekan in diesem Augenblick verschwieg, war der Tatbestand, dass er nicht mit dem Rektorat gesprochen hatte. Er hatte Angst davor, eine Abfuhr zu bekommen.

 

Anna ist verunsichert. Sie weiß nun, dass der Dekan ihr Feind ist, er verhält sich lauernd wie eine Wildkatze um im geeigneten Augenblick zuzuschlagen. Hier heißt es auf der Hut zu sein.

 

 

Pünktlich um 15:00 Uhr ist Anna im Klinikum und auf der Suche nach dem Zimmer von Dr. Fuhrmann. Sie muss noch etwas warten und setzt sich auf die Bank vor seinem Zimmer. Seine Sekretärin bittet sie hinein. Anna nimmt Platz und sie Sekretärin stellt schon die Bescheinigung für den Arbeitgeber aus, dass Anna heute hier war. Die Bescheinigung wird auf Frau Harnisch ausgestellt. Anna hatte sich inzwischen unterwegs umgezogen und trägt jetzt ein blaues Kostüm, dazu weiße Stiefel, weiße Bluse. Der Chefarzt betritt das Zimmer und begrüßt Anna.

 

„Guten Tag, Frau Harnisch, ich muss sagen, sie sehen wirklich toll aus“, ist seine Begrüßung. Anna hat wieder einigermaßen ihre Ruhe wieder gefunden. Nach dem Eklat heute Morgen war ihr Puls um einiges angestiegen und sie war sehr erregt gewesen.

 

Es folgt eine nette Unterhaltung von ca. 15 Minuten. Der Arzt ist Neurologe und er bekennt, dass er sich mit Transsexualität nicht auskenne. Ob er 50 % oder 30 % schreiben solle, dieses sei eine sehr schwierige Frage für ihn. Ursprünglich hatte er die 50% aufgeschrieben, änderte diese aber im Gespräch auf 30%.

 

Anna nimmt ihm dieses nicht übel, da er ja kein Fachmann auf diesem Gebiet ist. Während des Gespräches unterhielten sich die beiden auch über den Berliner Doc, welcher Anna die Hormone verschrieben hatte. Der Chefarzt war seinerzeit am Klinikum dessen Assistent gewesen.

 

Das Gespräch endet und Anna verabschiedet sich, um nach Hause zu fahren. Dort erfahren wir die Geschichte und die Vorkommnisse durch di Erzählungen unserer Anna.

 

Das Verhalten von Rohmann war zu erwarten, das ist eine sehr große Unsicherheit, denn Anna liebt ihren Job an der Hochschule sehr.

 

Wesentlich ist jedoch, dass es jetzt auch an der Hochschule bekannt ist, der Weg ist nun frei, doch das Ziel ist sehr unsicher.

 

 

2 Wochen später hat Anna ein Gespräch mit der Rektorin der Hochschule. Diese akzeptiert Annas Entscheidung, stellt allerdings die Auflage, dass eine Arbeit als Hochschullehrerin, erst nach der Ausweisänderung möglich sei, die Rektorin werde sie unterstützen, allerdings machte sie darauf aufmerksam, dass sich wohl schon die Kollegen Klaas E. und Heinz. Z. hinsichtlich der Veränderung von Anna geäußert hätten und ihr Verhalten nicht verstehen können. Typisch männlich

27.02.2002 – Besuch beim Gutachter

 

Oliver kam gut aus Mexiko zurück. Im Augenblick hat er Semesterferien, welche wir dazu nutzen, meine neue Wahlheimat Köln näher zu erkunden.

 

Mein Dienst endet um 17:00 Uhr und kurz vor 6 bin ich meistens in der Wohnung. Schlimm ist der Verkehr in Köln. Ich muss von der einen Seiten, wo meine Kaserne liegt auf die Dom-Seite und auf der Zoo-Brücke, welche ich im Regelfall zur Flussüberquerung benutzte ist ein ständiger Stau.

 

Hieran gewöhnt „frau“ sich, ebenso an die nichtvorhandene grüne Welle auf der Rheinufer-Straße. Mit dem Kölner Dialekt habe ich immer noch meine Schwierigkeiten, der Dialekt aus dem Millowitsch-Theater geht ja noch, aber Großonkel Karl und seine Tochter Erika sprechen einen total anderen Dialekt, das Ur-Kölsch. Dabei hatte es Onkel Karl nur der Liebe wegen nach Köln getrieben. Seine erst Frau war Kölnerin und so zog er von Gelsenkirchen hierhin. Onkel Karl ist der ältere Bruder von unserem Opa Willi. Nach dem Krieg war er in Köln geblieben, heiratete erneut und Annas Cousine Erika stammt aus dieser Verbindung.

 

Heute Abend sind wir jedoch nicht im Veddel, wie die Kölner sagen unterwegs, Eigelstein, Ebert-Platz, den Ring usw. lassen wir außen vor und warten gemeinsam in meiner Wohnung auf einen Anruf aus Hoyerswerda.

Anna hatte heute Mittag ihren Termin beim Gutachter wegen der beantragten Vornamensänderung. Es ist ihr 1. Termin bei einem Gutachter, das 2. wird der Doc in Münster schreiben.

 

Oliver und ich saßen gerade vor dem Fernseher, als das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien der Name meiner Eltern. Oliver schaute mich fragend an, was mag er jetzt denken. Versteht er Andreas, welcher zu Anna mutiert? Manchmal frage ich mich wirklich, ob er nicht nur mir zu liebe zu Anna sehr nett und höflich ist? Oder bilde ich mir das alles nur ein. Oft kommt es ja vor, dass „frau“ sich von Selbstzweifeln quält.

 

Ich nehme, selbst bekommenden Herzens, den Hörer ab. Es ist Anna, welche mir von den Ereignissen des heutigen Tages berichtet.

 

Ein kalter Schauer überfällt mich, ich mag Anna, sie ist meine 2. Mama. Ich kann ihr nicht böse sein, aber ich verliere den Andreas, meinen Papa. Vielleicht, aber vielleicht auch nicht, denn die Person, die ich liebe, bleibt erhalten, wenn auch das Äußere sich ändert. Aber das „Außere“ unserer Anna kann sich mehr als sehen lassen. In die Soap-Opera „Verbotene Liebe“ würde sie sicherlich in nichts „Sylvia Jones“ oder der „Elisabeth Brandner“ der Ehefrau des Bauunternehmers nachstehen. Eine äußerst attraktiive Frau von Mitte 40.

 

Nachstehend folgen jetzt die Ereignisse im Sächsischen.

 

Gegen 7:00 Uhr fährt Anna, noch als Andreas, wie gewohnt zur Hochschule um seinen Unterricht aufzunehmen. Dort ist er im Gespräch mit den Studenten bis gegen 10:00 Uhr. Für die nächsten 2 Stunden wurde eine Vertretung durch die Hochschule organisiert.

 

Er verlässt das Gebäude und fährt zur Uni-Klinik, welche er kurz vor 11:30 Uhr erreicht. Andreas fährt in das Parkhaus, welches gleich am Eingang liegt. Auf der Rückbank liegt ein blaues Kostüm. Andreas stellt den Sitz zurück, schaut sich um, dass ihn Niemand, vor allem keine Überwachungskamera, erblickt und zieht sich rasch um. Ein Blick in den Rückspiegel, zwei Striche mit dem Lippenstift, Make-Up auf die Wangen und das Kinn, sowie Wimperntusche und schon ist Frau fertig. Noch ein kurzer Handgriff mit der Bürste durch die Haare und der Pony fällt nach vor.

 

Anna steigt aus ihrem Auto aus und verlässt das Parkhaus. Den Weg kennt sie, er ist ähnlich dem zu Frau Dr. Krieger, nur dass sie heute noch die Mensa umrunden muss. Ein hohes Gebäude liegt vor ihr. Sie klingelt und fragt am Empfang nach dm Weg zu Professor Solm. Sie erhält die gewünschte Auskunft und steht wartend vor dem Aufzug. Es dauert einen kurzen Augenblick und der Aufzug hält im Tiefgeschoss. Tiefgeschoss deswegen, weil sie von der Klinikseite kam. Der andere Eingang ist gegenüber 1 Etage höher.

 

Junge Leute, scheinbar traumatisiert, steigen aus. In der Hand halten sie Bären. Bären-Therapie, denkt Anna und geht in die Aufzugskabine hinein. Im 3. Stock steigt sie aus und erblickt eine Tür. Sekretariat Prof. Dr. Solm steht darauf. Sie öffnet die Tür und geht in einen langen Flur hinein. Auf der rechten Seite findet sie das Sekretariat, welches offen steht. Sie geht hinein.

 

Die Sekretärin des Professors begrüßt sie: „Ich nehme an, Frau Harnisch, schön dass sie etwas früher gekommen sind. Ich habe einige Fragebögen, welche wir benötigen. Können Sie diese bitte vorher ausfüllen und an mich zurückgeben?“.

 

Anna nimmt sie dankend an, setzt sich in den Gang und füllt di Bögen aus. Die Fragen auf dem Bogen sind sehr allgemein und Anna stellt sich die Fragen was diese Bögen mit ihrer „Transsexualität“ zu tun haben. Na ja, sie denkt an die jungen Leute mit den traurigen Gesichtern und den Teddybären.

 

Nachdem sie die Fragen beantwortet hat, gibt sie die Klemmmappe mit den Fragebögen an die Sekretärin zurück. „Einen Augenblick noch, der Herr Professor ruft sie gleich hinein“, teilte sie jetzt Anna mit.

 

Einen kurzen Moment später erscheint, Prof. Solm in der Tür. „Frau Harnisch, ich freue mich Sie kennen zu lernen, kommen Sie doch bitte hinein“.

 

Anna geht in das Zimmer des Professors. Es ist wirklich riesig. Dicke Teppiche liegen auf dem Boden, eine lange Bücherwand, ziert eine Seite, an der andren sind die Fenster. Ansonsten ist der Raum mit schweren Eichenmöbeln ausgestattet. Anna schätzt allein diesen Raum auf gut 100 m².

 

Der Professor bietet Anna einen Platz an und setzt sich ihr gegenüber hin.

 

„Würden Sie mit einem Mann schlafen“, fragt er Anna, welche entrüstet abwehrt, dass sie „lesbisch“ sei. „Würden Sie mit einem Mann schlafen, wenn ich Ihnen sage, dass es gut für Sie ist“, fragt der Arzt weiter. Anna verneint auch wieder. Der Arzt versucht es nun ein drittes Mal Anna aus der Reserve zu locken, jedoch auch wieder ohne Erfolg.

 

Prof. Solm sagt nun zu unserer Anna, dass er versuchen werde, das Verfahren so kurz wie möglich zu machen, ob es heute in einem Termin gelänge hänge von der Unterhaltung und den Antworten von Anna ab, ansonsten wäre ein zweiter Termin notwendig.

 

Der Professor blättert in den ihm vom Amtsgericht Dortmund überstellten Unterlagen. Er stellt Anna Fragen zu ihrem bisherigen Leben, zum Verhalten gegenüber Oma Lisa, Opa Willi, sowie unserer Familie. Anna beantwortet all diese Frage mit äußerster Gelassenheit. Anschließend berichtet Sie dem Professor vom Leben ins Hoyerswerda, auch dass sie in verschiedenen Ehrenämtern tätig ist und die Ämter trotz der Änderung vom Andreas zur Anna noch ausübe.

 

Scheinbar gefielen diese Sätze dem Professor so gut, dass es nach knapp 20 Minuten die Akte zuklappte und meinte: „Es ist alles o.k, ich denke, dass wir uns einen weiteren Termin sparen können. Allerdings kann ich dem Gericht nicht die Frage hinsichtlich des Personenstands beantworten, das muss nach der geschlechtsanpassenden Operation erfolgen“.

 

Anna hatte dieses erwartet, generell hatte sie in dem Antrag des Gerichts diesen Paragraphen mit auf genommen, weil sie eine Vorlage aus der Dresdener Selbsthilfegruppe bekommen hatte.

 

An dieser Stelle der Hinweis: Eine Änderung in der Geburtsurkunde beim Standesamt wird erst nach einer Personenstandsänderung erfolgen können. Hierfür die jedoch eine vorherige geschlechtsanpassende Operation notwendig.

 

Es gibt auch Transsexuelle, welche sich gegen eine Personenstandsänderung entscheiden. Auch Anna wird diese nicht durchführen, denn das hätte eine Scheidung von Mama zufolge.

 

Ohne Personenstandsänderung können unsere Eltern nach wie vor verheiratet bleiben.

 

Mit der Personenstandsänderung würde eine Zwangsscheidung eingeleitet werden, Mama und Anna könnten zwar wieder heiraten, aber nur in einer „Lesbenehe“. Mama würde dadurch einige Rechte aus der jahrelangen Verbindung zu Anna verlieren. Insbesondere entstehen rentenrechtliche Probleme. Es würde sich dann nur um eine sogn. Partnerschaftsehe handeln bei welcer eine Frau eine andere Frau, ein Mann einen anderen Mann heiraten kann.

 

Problematisch ist es im Augenblick bei unserer Gesetzgebung hinsichtlich des Eintrags im Reisepass. Trotz geändertem Vornamen stände bei Anna in einigen Monaten immer noch „male“. Das ist problematisch bei der Einreise in verschiedene Länder und gibt ihre Identität preis. Es handelt sich hierbei nicht unbedingt um arabische Länder, sondern betrifft auch europäische Länder und einige Staaten der USA. Bsp. In Frankreich dürfen Männer nicht im weiblichen Outfit auf der Straße herumlaufen, wobei doch gerade Paris als Stadt der Transvestiten und Transsexuellen gilt. Ich denke dabei nur an die jeweiligen Revue-Theater, wo frühe Romy Haag, Bambi etc. aufgetreten sind. In den USA wurde kürzlich ein Transmann verhaftet.

 

Wozu dann der geänderte Vornamen kann „frau“ sich nun fragen?

 

Tipp: Vorläufigen Reisepass ausstellen lassen, das Ding gilt zwar nur 1 Jahr und kostet immens Gebühren, dafür steht das Geschlecht nicht drin.

 

In den einzelnen Städten besteht auch Rechtsunklarheit. So wurde bei Georgina Beste im Personalausweis in Dresden ein „female“ eingetragen. In anderen Städten ist das leider nicht möglich. Ein Fall für unsere Regierung!

 

Anna verlässt das Gebäude klommen, aber auch erleichternden Herzens. Sie geht den Weg zum Parkhaus, zieht sich im Auto um und verlässt das Parkhaus wieder als Andreas um zurück zur Hochschule nach Hoyerswerda zu fahren.

 

Dort angekommen trifft er zuerst den Dekan Jürgen Rohmann. „Ist alles gut gegangen“, fragt dieser Andreas, welcher diese Frage bejaht. Sie wechseln kurz einige Worte und Andreas geht in den Hörsaal.

 

Er nimmt seinen Unterricht wieder auf, in Gedanken ist er jedoch noch bei Prof. Solm, den Teddybären der jungen Leute, den Fragen des Professors.

 

Der Unterricht geht wie gewohnt zu Ende und Andreas verlässt die Hochschule. Daheim angekommen erfährt alles unsere Familie und nach einer kurzen Pause ruft die inzwischen wieder zur Frau gewordene Anna bei mir in Köln an um zu berichten.

 

Oliver und ich sitzen an diesem Abend noch lange im Wohnzimmer und schauen fern. Worte wechseln wir kaum, er kennt jetzt die aktuellen Ereignisse und mir ist nicht zum Reden. Seine Umarmungen und Liebkosungen tun mir im Augenblick gut und ich denke, dass Mama und Anna jetzt in Hoyerswerde ähnliches tun.


 

28.05.2002 – Alles neu macht der Mai

 

Auch im Mai hatten wir in der gesamten Bundesrepublik sehr heiße Tage gehabt.

 

Für mich sind die Tage innerhalb meiner Kölner Kaserne gezählt. Im Herbst dieses Jahres beginnt mein Medizinstudium an der Universität zu Köln. Während des Studiums bin ich komplett vom Militärdienst befreit. Ich habe alle Prüfungen durchlaufen und bin vor 2 Tagen zum Fähnrich w befördert worden. Irgendwann im Laufe meines Studiums werde ich wohl auch die Ernennungsurkunde zum Leutnant w bekommen.

 

Gut 600 Kilometer ostwärts wartete meine Mama Nr. 2 auf die Ladung des Dortmunder Amtsgerichtes. In den letzten Wochen war sie sehr angespannt gewesen. Dekan Rohmann genoss die Verzögerungen des Gerichtes wahrscheinlich mit großer Zufriedenheit, unserer Anna ging es umgekehrt. Erst musste Anna etwaige Einsprüche des Regierungspräsidenten abwarten, als diese Frist exakt abgelaufen war, ging die Richterin in Urlaub. Arme Anna. Vor 14 Tagen hatte sie jedoch den heutigen Tag zur Anhörung vor dem Dortmunder Amtsgericht zugestellt bekommen.

 

Ich habe mir den heutigen Tag frei genommen und treffe mich mit Anna um 10:00 Uhr im Dortmunder Hauptbahnhof.

 

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 9:00 Uhr und mein Zug hat gut 10 Minuten Verspätung. Zwischen Solingen und Wuppertal waren Gleisbauarbeiten und der Regionalexpress stand lange in einer Wartestellung. Aber ich habe noch etwas Zeit und Annas Termin ist eh erst um 11:45 Uhr.

 

Die Deutsche Bahn meint es jedoch gut mit mir und nach einem kurzen Aufenthalt in Hagen geht es weiter nach Dortmund, wo ich um 09:55 Uhr ankomme.

 

Anna wartet im Eingangsbereich. Ich gehe auf sie zu und umarme sie. Sie ist schon in der Nacht in Hoyerswerda abgefahren und war 6 Stunden bis hierhin unterwegs. Ihr Auto hat sie in der Geschwister-Scholl-Straße geparkt. Wir verlassen den Bahnhof, reden über dieses und das und erreichen nach einigen Minuten Fußweg die Volkshochschule der Stadt Dortmund. Gegenüber liegt das Berufs-Kolleg der Stadt Dortmund. Anna und ich gehen in das Gebäude und suchen nach dem Sekretariat. Anna ist dort einmal zur Schule gegangen und hat dort Abitur gemacht. Sie möchte ihr Zeugnis ändern lassen, damit dort drin nicht mehr der Andreas auftaucht.

 

Die Schulsekretärin, eine ältere Damen, begrüßt uns. Anna erklärt ihr Anliegen und legt ihr altes ABI-Zeugnis vor. „Oh, das ist ja noch ein altes Zeugnis“, meint die Sekretärin. Unser Schulleiter, ist seit einigen Jahren tot, ebenso der Herr Pfarrer und die Englischlehrerin Frau Lorentz. Der Klassenlehrer, Herr Neumann ist seit kurzem pensioniert“. Die Dame schwelgt in Erinnerungen.

 

Eine direkte Änderung des Zeugnisses ist nicht möglich. Sie müsse erst den Bescheid des Gerichtes habe, werde aber schon eine Abschrift erstellen lassen. Die dafür notwendigen Gebühren von 2,50 € bezahlt Anna schon heute und die Sekretärin quittiert ihr die Bezahlung der Gebühren. Sie war sehr freundlich zu uns und wünscht Anna beim Hinausgehen nochmals alles Gute für ihre Zukunft.

 

Wir gehen an der Schule vorbei in Richtung Borsigplatz. Dort hinten war früher die „Alte Zeit“, eine Kneipe, in der Anna als Schülerin, vielmehr damals Schüler immer mit ihren Klassenkameraden war. Nachdem wir eine Hauptstrasse überquert haben, erreichen wir die Hamburger Straße. Vor uns liegt das Gefängnis der Stadt Dortmund, helle Mauern, vergitterte Fenster, liegen direkt an der Strasse.  Hinter dem Gefängnis gehen wir links und dann nochmals links in die Bremer Straße. Das Familiengericht liegt außerhalb des eigentlichen Amtsgerichtes. Wir betreten das Gebäude und fahren in den 2. Stock. Der Flur ist leer und wir nehmen vor der Tür der Richterin Platz. Anna hat noch über 1 Stunde Zeit und wir warten. Einige Mitarbeiter gehen vorbei.

 

Hinter unserer Sitzbank befindet sich ein weiteres Richterzimmer. Dort hat der Richter von Sabine aus Bochum sein Domizil. Der Doc in Münster hatte diesen Anna als sehr erfahren in Sachen Transsexualität beschrieben. Dieser Richter hatte Sabine immer als Frau angeschrieben, Anna bekam ihre Post bislang immer als Andreas.

 

Ein schmächtiger Mann kommt den Flur entlang und setzt sich neben uns. Anna und ich mustern ihn eingehend. Es handelt sich um einen Transmann, also eine frühere Frau, welche keine Frau sein möchte. Er fängt an zu erzählen und freut sich, dass wir beide auch aus dem Münsterland stammen. Aus Bocholt kommt er und von Beruf sei er Koch. Er hat den Termin bei der Richterin vor unserer Anna.

 

Gegen 11:15 Uhr öffnet sich die Tür zum Richterzimmer und die Richterin bittet ihn mit dem Aufruf „Herr…., kommen Sie bitte herein“ in ihr Zimmer. Nach gut 10 Minuten kommt er wieder heraus. Anna wird unruhig, nun ist sie an der Reihe.

 

Die Minuten vergehen, werden zu Stunden, welche scheinbar nicht vergehen wollen. Endlich öffnet sich die Tür und die Gestalt der Richterin erscheint.

 

„Kommen Sie bitten herein“, deutet sie auf Anna. Keine Anrede als Frau, das ist typisch für ihr bisheriges Verhalten und eigentlich eine Unverschämtheit. Der Transmann, welcher kein gutes Passing hatte, wurde von ihr als Herr angeredet, Anna, welche rundherum Frau ist, wie eine Sache.

 

Wir gehen hinein und nehmen Platz. Die Richterin sitzt uns in einem Abstand von ca. 5 Metern gegenüber. Ihr Verhalten ist äußerst kühl. Sie schaut durch die Gutachten, mustert uns eingehend und stellt Anna die Frage, ob sie die Änderung des Vornamens wünsche.

 

Anna überlegt einen Augenblick. Hat sie sich doch anders entschieden, das kann ich eigentlich nicht glauben. Sie ist die Power-Frau durch und durch. Dann bejaht Anna, schaut dabei auf mich und sagt zu der Richterin:“ Ich hätte gerne den Zusatz Rabea hinter der Anna“. Ich bin tief berührt und fühle mich unwohl und doch sehr, sehr glücklich

 

Die Gesichtsmuskeln der Richterin zucken nicht einmal.

 

„Wenn dem so ist, dann stimme ich zu. Ihr neuer Name ist Anna-Rabea, den schriftlichen Bescheid werden sie in den nächsten Tagen bekommen.“

 

Kein „Aufwiedersehen“ oder „Alles Gute“ von ihr zu uns, eine bodenlose Unverschämtheit ohne gleichen. Wir verlassen das Zimmer, Anna ist den Tränen nahe.

 

„Gott sei Dank, ist das jetzt überstanden“, teilt sie mir im Fahrstuhl mit.

 

Wir schlendern noch durch die Innenstadt und gehen dann zu Annas Auto. Auf nach Münster, wo wir in unserem Hause etwas Ruhe bekommen.

 

Anna ist sichtlich erschöpft, das Verhalten der Richterin hat sie sehr mitgenommen. Ich verstehe jetzt, warum sie kurz nach Weihnachten so zerrüttet war, als sie mit ihr telefonierte.

 

Was wir heute noch nicht wissen konnten. Selbst der Doc aus Münster hatte einige Wochen später mit der Richterin ein sehr unangenehmes Zusammentreffen, als er sie auf einem Treffen der Gutachter und Ärzte traf.


 

Freitag, der 12. Juni 2002

 

Ruhige Tage in unserer Kompanie gibt es zurzeit nicht. In den nächsten Wochen wird die Einheit eine Übung in Grafenwöhr in Franken absolvieren müssen. Alle sind sehr aufgeschreckt, denn Mitte Juli 2002 geht es los. Für mich heißt es jedoch vorher Abschied zu nehmen, denn mein Vorsemester fängt an.

 

Was war alles in den letzten 15 Monaten passiert? Mein Abitur in Hoyerswerda, mein Schritt zur Bundeswehr, Annas Schritt zur Frau, der 11. September, mein erster Kriegseinsatz in Afghanistan. Ich denke in meinem ganzen bisherigen Lebens war noch nie soviel passiert.

 

Meine Zwillingsschwester Tabea ist jetzt in Arizona an der Flugschule der Luftwaffe. Ich habe sie lange nicht gesehen, zuletzt vor einem Vierteljahr, aber mir mailen jeden Tag und tauschen Bilder aus.

 

Für unsere zweite Mama waren die letzten Tage sehr hart gewesen, ständig hatte sie auf den Briefträger gewartet, doch die heiß ersehnte Post des Gerichtes war nicht dabei.

 

Heute Abend will Anna zu mir kommen, um anschließend mit mir die Kölner Selbsthilfegruppe von Ruth zu besuchen. Neben der Dresdener Selbsthilfegruppe, ist die Kölner eine der größten in Deutschland. Auch ich bin sehr gerne bei Ruth gesehen, da im Regelfall die Gruppenabende für Verwandte und Bekannte offen sind, generell bei bestimmten Themen dürfen nur Betroffene anwesend sein

 

Ich schaue auf die Uhr. Es ist kurz nach 12:00. Ich fahre meinen PC herunter, schließe das Fenster meines Büros in der Sanitätsstation und verlasse den Raum, welchen ich wie immer abschließe. Mein Auto steht vor dem Offiziers-Kasino welches gegenüber dem San-Bereich liegt. Ich fahre die Panzerstraße entlang in Richtung Tor. Vor dem Tor, wartet schon Anna auf mich. Ihr Auto hatte sie vor meiner Wohnung geparkt und war mit einem Taxi gekommen. Sie wartet unterhalb der Laterne, vor dem großen Tor. Ich denke hierbei an Lale Anderson und ihren Hit in der Kriegszeit „Lili Marleen“.

 

Anhalten, Aussteigen und Anna herzlich umarmen war jetzt meine spontane Eingebung.

 

Die Torwache schaut auf uns. 2 Frauen, welche sich umarmen, eine noch davon in der Uniform der Bundeswehr.

 

„Es ist meine Mama“, rufe ich spontan der Torwache zu, wie um mich zu rechtfertigen. Warum eigentlich? Aber sicherlich ist jetzt das Wachpersonal beruhigt.

 

Wir steigen ein und fahren über den Zubringer zur Stadtautobahn. Wieder einmal der übliche Stau an der Frankfurter Straße in Köln-Höhenberg. Als wir den Rhein auf der Zoo-Brücke überqueren, löst sich der Stau plötzlich auf, so plötzlich wie er gekommen war.

 

Anna hatte sehr gute Nachrichten. Das Gericht hatte es bislang nicht fertig gebracht, ihr die Änderung des Vornamens zu schicken, diese war aber schon ausgestellt und heute Morgen hatte Anna in Dortmund 1 Kopie abgeholt. Vom nächsten Postamt hatte sie diese an die Rektorin der Hochschule gefaxt und mit ihr telefoniert.

 

Ab kommenden Montag gibt es an der Hochschule die Dozentin Anna.

 

Dass dieser Bescheid noch nicht rechtskräftig ist, hatte die Rektorin nicht interessiert. Gleichzeitig war Anna heute Morgen an der Ruhr-Uni vorbeigefahren und hatte dort ihr Diplom ändern lassen. Das Diplom wurde ihr direkt ausgestellt, ohne dass es Gebühren kostete.

 

Wirklich ein schöner Tag, sogar der alte, trotzige und erhabene Dom,. welchen ich zur linken erblicke, scheint zu lächeln.

 

Wir erreichen meine Wohnung und ich mache uns schnell etwas zu essen; meist habe ich für Gäste einige Sachen vorbereitet, welche ich mit der Mikrowelle schnell warm machen kann. Zwischendurch habe ich auch meine Uniform mit einem orangefarbigen Mini-Kostüm und weißen Pumps getauscht.

Während des Essens schaue ich ständig in die Augen meiner Mama, welche vor Glück strahlen.

Den Nachmittag nutzen wir dazu um über die Hohe Straße zu schlendern, vorbei am Neumarkt, dem Hahnentor erreichen wir den Ring und schlendern langsam wieder Richtung Eigelstein.

 

Hinter dem Eigelstein besuchen wir ein Cafe, nicht um uns auszuruhen, sondern vielmehr, um die Vorbeigehenden zu beobachten.

 

„Arme und Riche“, so heißt bei es den Bläck Föss. Die Stadt, welches seit Jahrhunderten hier am Fluss liegt, hat viel erlebt. Pest, Besatzung, Zerstörung im Krieg und immer standgehalten, wie eine Bastion.

 

Köln ist eine tolle Stadt, sehr elegant, aber auch sehr aufgeschlossen. Aufgeschlossen, nicht immer.

 

Die Kölner Gruppe um Ruth trifft sich immer Freitags um 19:00 Uhr in einer alten Fabrik. Unten ist ein Cafe untergebracht und oben können im Bürgerhaus Räumlichkeiten gemietet werden. So hat auch diese Gruppe einen Raum im 2. Stock zwischen 20:00 – 22:00 Uhr angemietet.

 

Leider haben nicht alle Transsexuellen das Format und den Stil meiner Mama und in einer Gruppe fällt sie dann auch auf, speziell wenn „Qualle“ dabei ist.

 

Bei Qualle handelt es sich um den bereits erwähnten äußerst aufdringlichen Transvestiten. Da sie lästig und sehr aufdringlich ist, hatte sie mich an dieses Meerestier erinnert und ich habe ihr diesen Namen verpasst. Wie ich kürzlich erfahren habe, hatte sich dieser Name herumgesprochen und an verschiedenen Orten, selbst im fernen Dresden, ist sie unter diesem Namen bekannt.

 

Wir fahren noch kurz zu mir. Anna und ich überprüfen unser Make-Up und machen uns auf den Weg zum Bürgerhaus.

 

Unten im Bistro sitzen noch keine Gruppenbesucher. Wir nehmen am Ecktisch Platz und bestellen etwas zu trinken. Nach kurzer Zeit kommt Nadja aus Wülfrath. Sie kennt meine Mama und mich und setzt sich zu uns. Nadja arbeitet bei der Oberfinanzdirektion in Düsseldorf. Eine sehr nette Unterhaltung beginnt. Nadja wird auch in den nächsten Wochen ihren Vornamen ändern lassen, aber für die ist Düsseldorf und nicht Dortmund zuständig. In NRW gibt es nur diese 2 Gerichte, welche über Vornamensänderungen entscheiden.

 

Nach und Nach kommen mehrere Betroffene, bzw. Angehörige. Kurz vor 20:00 Uhr erscheinen Ruth und Rolf, der Transmann. Rolf besorgt die Schlüssel zum Gruppenraum und wir, sowie die meisten anwesenden zahlen. Wir gehen die Treppen hinauf. Das Gebäude ist innen ausgehöhlt und besteht aus Treppen, an den Seiten liegen die Räumlichkeiten. Fast wie im Knast, könnte „frau“ denken?

 

Als Referenten für den heutigen Abend konnte Ruth Pfarrer Wagenholt gewinnen, welcher über das Thema „Religion und Transsexualität“ referieren wird. Der Gruppenraum füllt sich. Alle sitzen im Kreis, Anna zu meiner Richter, die Leiterin Ruth zu meiner linken. Es folgt eine Vorstellungsrunde, welche in Köln und in den meisten anderen Gruppen immer am Anfang der Stunde steht.

 

Ruth zeigt auf mich und meint: “Rabea, fang Du an“.

 

„Hallo Zusammen, ich bin die Rabea Harnisch, Fähnrich w bei der Bundeswehr, 20 Jahre alt und begleite meine Mama zu meiner rechten“

 

Ich halte mich sehr kurz, ebenso meine Mama.

 

Wenn sich nur alle daran halten könnten. Nadja braucht gut 10 Minuten um sich ihren Frust von der Seele zu reden und Karola-Martina aus einem Vorort von Köln teilt mit, dass sie ihre 12. Spritze bekommen habe und seit ½ Jahr im Alltagstest sei. Alle lächeln, denn das ist wohl die ursprüngliche Einfachheit der Worte von Karola-Martina, Meine Mama ist leicht amüsiert, sie betrachtet Karola-Martina und stellte wie alles anderen fest, dass diese noch sehr an ihrem Out-Fit basteln muss.

 

Als letzte stellt sich Shiva vor. Sie ist älter, kurz vor dem Rentenalter, arbeitet an der Universität. Ich habe sie auch schön öfters gesehen und sie sehr lieb gewonnen. Der heutige Abend ist ihr Thema, ebensodas von Rusty, einer Australierin, welche mit ihrer Frau gekommen ist.

 

Ruth hatte wie immer die Tür um 20:15 Uhr abgeschlossen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, das ist ihre Devise. Trotzdem pocht es sehr laut an der Tür.

 

Der Transman geht zur Tür und öffnet.

 

„Hallöchen“, tönt es von Draußen und Qualle kommt in einem grell-rotem Kostüm herein. Vielmehr sie wackelt hinein, denn nicht nur ihre große Oberweite ist künstlich, auch ihr Hinterteil. „Tschuldigung, auf der Autobahn zwischen Wuppertal und Leverkusen war ein Stau“. Sie sucht sich einen Platz, ebenso ihre Begleiterin. Nein, der Transenjäger in Uniform ist nicht dabei.

 

Ruth wirft noch einen zornigen Blick auf Qualle.

 

Nach dieser Störung beginnt der Pfarrer mit seinen Ausführungen. „Gott hat sie so erschaffen, hat Ihnen diese Prüfungen auferlegt“, so seine einleitenden Worte.

 

Der Abend verläuft im Anschluss sehr ruhig und gegen 22:15 Uhr endet die Veranstaltung. Anna und ich gehen nicht mehr mit in die Anemone, denn das Bistro hatte heute schon geschlossen.

 

„Wie ihr trüben Tassen, wollte nicht mitgehen, wir haben da Spass und vor allem, wollt ihr nicht morgen mit in die Disco in Bochum-Riemke kommen“, redet Qualle auf uns ein.

 

Wir verneinen sehr höflich. Ich würde äußersten Ärger mit meinem Oliver bekommen, denn besagte Disco liegt nur 4 Kilometer von Gelsenkirchen entfernt, es ist ferner nicht die Welt meiner Anna. Anna ist in Gelsenkirchen aufgewachsen, besitzt immer noch sehr gute Kontakte zu den Parteien der Stadt, ein Besuch in dieser Disco mit diesen Personen, nein das ist schädlich hoch drei. Wie leicht kann es passieren, dass sie dort gesehen wird?

 

Ruth hat diesen Vorgang beobachtet: „Rabea hast Du nächste Woche Zeit, meine Referentin ist ausgefallen und könntest Du über Frauen in Männerberufen referieren?

 

Kurz entschlossen sage ich zu.

 

Anna lächelt und teilt mir, dass sie und auch Daniele gerne kommen werden, um meinem Referat zu lauschen. Köln ist von Dresden mit einem Billigflieger gut erreichbar und übernachten können sie bei mir in Köln.

 

Wir verlassen das Gebäude und gehen zum Auto.

 

Eine Drehung auf der Hauptstrasse, kurz durch den Rhein-Ufer Tunnel und schont liegt der beleuchtete Dom zu unserer linken. Ich denke an Apolda, wo der „dicke Pitter“, die große Glocke des Domes gegossen wurde, an di Fahrt zu Ostern mit meinem Oliver.

 

Glücklich erreichen wir meine Wohnung in Köln und ein wunderschöner, erfolgreicher Tag liegt hinter uns.

 

21.06.2002 – Hauptfrau von Köpenick

 

Heute Mittag habe ich wie an Freitagen gewöhnlich meinen Dienst im SAN-Bereich gegen 13:00 Uhr beendet. In aller Eile bin ich Heim gefahren, um meine Wohnung aufzuräumen. Im Prinzip ist meine Wohnung immer Top, na ja, aber Mama Daniela hat den sogn. Röntgenblick, welchen „frau“ nur Schwiegermüttern oder „Feldwebeln“ zutraut. Naja, Feldwebel bin ich ja selbst, wenn auch die Bezeichnung Fähnrich w lautet, aber die Dienstgrade entsprechen sich.

 

Nachdem ich min Badezimmer gründlich gesäubert hatte, kurz den Staubsauger im Wohnzimmer angeworfen hatte (das Ding ist mittlerweile 23 Jahre alt) und ein Erbstück von Oma Lisa, aber die Marke Vorwerk ist unverwüstlich, sitze ich gerade im Auto und quäle mich Richtung Köln-Wahn durch den Stau. Um 16:30 landet der Flieger meiner Eltern, ob ich das schaffe?

 

Im Schritttempo quäle ich mein Auto vorwärts und erreiche gegen 17:00 Uhr den Airport. Da sehe ich auch schon meine Eltern am Eingang stehen und auf mich warten.

 

Mama Daniela sieht mein Auto kommen und Anna und Daniela kommen mir entgegen. Der Vorteil an diesem Flughafen ist, dass es dort wenige Parkprobleme gibt, nicht so schlimm wie in Düsseldorf oder gar Frankfurt.

 

„Hallo Liebes“: begrüßt mich Daniele und auch Anna ist erfreut mich zu sehen, dabei sahen wir uns doch erst vor einer Woche. Im Auto sitzend erzählen meine Eltern kurz vom Flug, welcher knapp 50 Minuten dauerte und vor allem von dem Bild, welches Cassandra für mich malte. Obwohl ich am Steuer sitze und angestrengt auf den Verkehr achte, werfe ich einen kurzen Blick darauf. Es stellt scheinbar Tabea und mich dar, eine im Flugzeug und die andere an Land auf einem Panzer. Ich lächle über die Phantasie unserer kleinen Schwester. „Das hat sie wirklich toll gemalt“, werfe ich ein. Kinder und Besoffene sagen die Wahrheit, sagt man. Frauen in Uniform sind immer noch etwas rar und wir werden von einigen bestaunt, von anderen für absolut blöd gehalten.

 

Mama erzählt mir noch mehr von unserer Familie, generell Anna ist sehr schweigsam.

 

Als wir in meiner Wohnung angekommen sind, erfahre ich den Grund ihrer Schweigsamkeit.

 

Als sie heute Mittag von der Hochschule kam, war eine Mitteilung der deutschen Post in unserem Briefkasten, gerichtet an Frau Anna-Rabea Harnisch. Da weder Mama, noch Anna daheim waren, sollte der Brief beim Postamt in Hoyerswerda abgeholt werden. Aus dem Vermerk des Postbeamten ging hervor, dass es sich um eine Mitteilung des Amtsgerichtes Dortmund handle. Anna ist daraufhin zum Postamt gefahren, hatte aus einer Vorsehung heraus, jedoch die Akten zur Vornamensänderung mitgenommen.

 

Am Postschalter angekommen, fragte sie nach der Sendung. Der Postbeamte wollte daraufhin ihren Personalausweis sehen. Anna zeigte ihn vor. Sorry, verneinte der Beamte, der Brief ist an Anna-Rabea Harnisch gerichtet, ich brauche ihren Ausweis, so sein Wortlaut. Anna erklärte daraufhin dem guten Menschen, dass sie den Ausweis noch nicht habe, die Berechtigung hierfür sich aber in dem Umschlag befinde. Anna wies auch auf das Aktenzeichen hin und auf den bisherigen Schriftverkehr.

 

Die Sachlage eskalierte und Anna drohte nun mit einer Beschwerde bei der Oberpostdirektion. Daraufhin wollte der Beamte von ihr 0,55 € für das Porto eines normalen Briefumschlags, damit ihr die Sendung neutral zugesandt werden könne. Anna lies sich jedoch nicht darauf an und erreichte endlich einen Teilerfolg, nämlich dass die Deutsche Post diesen Brief morgen nochmals zustellen werde und er sich dann in unserem Briefkasten befinden würde.

 

Das einfachste auf der Welt, Anna den Brief direkt zu geben, dürfe er nicht.

 

Es ist fast wie Anno dazumal im alten Berlin, als der Schuster Wilhelm Voigt einen Ausweis wollte, diesen nicht bekam und erst als sogn. Hauptmann von Köpenick sein Ziel erreichte. Deutsche Bürokratie, aber leider kein Einzelfall.

Das Problem ist haus gebacken. Die Zustellung dieses Dokumentes sollte noch unter dem alten Vornamen erfolgen, aber rein rechtlich darf das Gericht dieses nicht mehr, denn seit dem 28.05.2002 gibt es nur noch die Anna-Rabea nicht mehr den Andreas.

 

Anna hatte jetzt ihre erste Woche im Hörsaal als Frau gut hinter sich gebracht und Dekan Rohmann hatte am vergangenen Montag seinen Mund speerangelweit offen, als er Anna sah. Mein, das hatte der Typ wohl nicht erwartet, aber vielleicht ist er lernfähig.

 

In meiner kleinen Küche, bereite ich uns ein chinesisches Menue vor. Daniela liebt die chinesische Küche und ich will ihr mit meinem kleinen Essen Dank sagen, für all die Jahre, wo wir klein waren und sie sich wirklich rührend und aufopfernd um uns kümmerte. Nun sind ein Teil ihrer Kinder erwachsen, bis auf Cassandra, aber auch die ist schon aus dem Gröbsten heraus.

 

Gegen 19:00 Uhr verlassen wir das Haus und wir fahren Richtung Altstadt zur Selbsthilfegruppe. Meine graue Uniform habe ich mit einem beigen Hosenanzug getauscht. Es ist sehr problematisch, in Uniform eine Gaststätte zu besuchen, obwohl wir uns meist nur bis 19:50 Uhr dort aufhalten, aber besser ist besser und außerdem bin ich nicht geil auf Uniformen, das überlasse ich lieber dem Typ aus dem Bergischen.

 

Als wir das Bürgerhaus der Stadt Köln erreichen, lungert eine kleine Gruppe junger Türken auf dem Vorplatz. Sicherlich wollen diese Kerle wieder „Transen“ gucken, schießt es mir durch den Kopf. Aber bei uns Pech gehabt, 2 biologische Frauen und eine super Aussehende.

 

Wir betreten durch die Außentür das Bistro. Am besagten Ecktisch sind schon mehrere Besucher anwesend. Wir grüßen sehr freundlich und nehmen Platz. Heute scheinen außer Betroffenen Transsexuellen auch wieder einige Lesben anwesend zu sein, wie ich nach einem Blick durch die Gemeinde feststelle. Ruth hält die Gruppe offen, alle sind herzlich willkommen und das finde ich auch gut.

 

Um 20:00 Uhr starten wir pünktlich mit dem Gruppenabend. Ich hoffe, dass ich noch etwas Zeit gewinne, denn in Köln kann die Vorstellungsrunde schon mal 1-1,5 Stunden dauern.

 

Anna muss natürlich heute von ihren Erlebnis bei der Post berichten und erfährt, dass diese Methode hinlänglich bekannt ist. Auch erfahren wir zum wiederholten Male in der Vorstellungsrunde, dass sich eine Betroffene schon seit X-Wochen im Alltagstest befindet und heute die X-Hormonspritze bekommen habe. Gegen 21:00 Uhr ist es dann endlich soweit und ich kann auf ein Zeichen von Ruth starten.

 

Ich erzähle ein wenig aus den letzten Jahren und wie in mir vor 3 Jahren der Wunsch reifte, Medizin bei der Bundeswehr zu studieren. Auch erzählte ich von der Grundausbildung, von den Möglichkeiten der Weiterbildung, den Lehrgängen etc.

 

Noch gut 1 Monat und ich verlasse die Truppe um an der Kölner Universität in Zivil zu studieren. Das ist der aktuelle Stand.

 

Es erfolgen einige Wortmeldungen aus dem Lesben-Bereich. Ich werde gefragt, ob bei der Bundeswehr hauptsächlich große Frauen Dienst tun. Ich erwidere hierauf, dass es oft sehr kleine zierliche sind, die mehr Drive haben, als ein Riesenweib. Obwohl ich bin mit meinen 181 cm auch nicht gerade klein bin, aber immer noch deutlich keiner als Claudia Schiffer oder Nadja Auermann.

 

Abschließend berichte ich noch kurz vom Leben in der Kaserne und auch außerhalb und vor allem, dass ich dort meine große Liebe, meinen Oliver gefunden habe.

 

Während meiner Ausführungen ruhten die Blicke beider Eltern auf mir und ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

 

Aber hatte auch Anna ihre Wahl gut gewählt, bzw. die anderen hier im Raum?


 

17.07.2002 – Am Tag als der Regen kam

 

Von der Bundeswehr bin ich jetzt erst einmal für die Jahre meines Studiums befreit. In den letzten Monaten hatten wir bei uns am Rhein, aber auch in allen anderen Landesteilen Deutschland sehr schönes Wetter gehabt, ich denke, keiner konnte sich hierüber beklagen.

 

Oliver und ich sind letzte Woche in Hoyerswerda eingetroffen, um einige Tage bei meiner Familie zu verbringen.

 

Am 13.07.2002 kam endlich die ersehnte Nachricht für meine Mama Anna. Die amtliche Bescheinigung, dass sie jetzt offiziell Anna-Rabea heißt. Am anderen Tage war Anna direkt zum Einwohnermeldeamt gegangen, um ihren Personalausweis zu ändern. Nun hat sie erstmals einen vorläufigen, denn das Original durch die Bundesdruckerei in Berlin wird einige Wochen dauern. Wichtig ist hierbei die Reihenfolge. Zuerst muss der Personalausweis geändert werden, erst dann ist eine Änderung des Führerscheines notwendig.

 

Gerade sitzen wir alle am Frühstückstisch und Anna erzählt von den Hoffnungen des heutigen Tages. Zuerst will sie zum Rathaus, um ihren Führerschein neu zu beantragen, dann zum Bürgercenter wegen eines neuen KFZ-Scheines. Schließlich und das dürfte der Höhepunkt des heutigen Tages sein, trifft sie sich mit Viktor, um gemeinsam eine vorletzte Woche operierte Transsexuelle in Osnabrück zu besuchen. Es handelt sich hierbei um Roberta Rasmus aus Roxel. Roberta und ihre Freundin Maria, sowie deren Kinder leben 2 Straßen von unserer Wohnung in Roxel entfernt. Gleichzeitig hat Anna heute Nachmittag ihren Termin bei Prof. van Ahlen, dem Leiter der Urologie in diesem Krankenhaus. Vom Professor wurde bislang nur Gutes berichtet und Anna hat sich ihn als Operateur für ihre geschlechtsangleichende OP ausgesucht.

 

Das Frühstück habe ich nun hinter mir und möchte eigentlich mit Oliver etwas die Gegend erkunden, als mich unsere Cassandra in Beschlag nimmt. So für die nächste halbe Stunde bin ich eingebunden.

 

Anna will nun ihre Besorgungen auf den Ämtern erledigen, und gegen 10:00 Uhr Viktor vom Bahnhof abholen. Viktor reist heute Morgen per Bahn von Dresden aus an.

 

Leider wird aus der halben Stunde, welche ich für Cassandra anberaumte eine ganze. Anna ist inzwischen von den Ämtern zurück, der neue Führerschein ist beantragt, aber oh Schreck, was wurde mit dem KFZ-Schein gemacht. Der Vorname Andreas wurde durchgestrichen und Anna eingesetzt, neu gesiegelt. Welch ein Blödsinn, was soll das? Das Schlimmste dabei ist, dass diese Änderung Anna noch 10 € kostete. Was soll sich ein Polizist bei einer Straßenkontrolle denken? Anna hat ein Recht auf ordnungsgemäße Neuausstellung und dann so etwas. Anna reagiert jedoch noch äußerst gelassen, sie will sich auf ihren Termin beim Professor vorbereiten.

 

Das Handy unserer Anna klingelt. „Wo bleibst Du“, ertönt auf der anderen Seite die Stimme von Viktor. Viktor hatte sich um eine Stunde vertan und 2 Termine verwechselt, er steht jetzt am Bahnhof.

 

Anna verabschiedet sich in aller Eile von uns und verlässt das Haus. „Bis Morgen – und alles wird gut“, ruft sie uns zu.

 

 

Anna fährt zum Bahnhof von Hoyerswerda um Viktor dort abzuholen. In der Tat hatte Viktor 2 Termine verwechselt und war 1 Stunde zu früh gekommen, aber halb so schlimm, denn gut 600 km Autobahn liegen noch vor ihnen.

 

Anna erzählt Viktor die Story mit dem KFZ-Schein und beiden müssen trotz der ersten Situation lachen. Viktor ist sehr humorvoll und versteht tiefsinnige Ironie. Für ihre Bekannten, welche die beiden in Osnabrück im Krankenhaus besuchen wollen, hatte Anna schon etwas eingekauft. Generell Viktor hat noch nichts besorgt und so fährt Anna in die nächstgelegene Gärtnerei.

 

Die beiden betreten den Laden. „Etwas für einen Besuch im Krankenhaus suchen wir“, teilt Viktor der Verkäuferin mit. Die Verkäuferin nickt und zeigt auf mehrere vorbereitete Sträuße und Gestecke. Viktors Blick fällt auf die Gebinde. „Haben Sie nicht etwas bunteres“, meint nun Viktor zu der Verkäuferin, das alles sehe sehr trist aus.

 

„Typisch Mann, die wollen immer etwas knalliges“, erwidert der Verkäuferin und schaut auf Viktor. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Viktor im männlichen Outfit erschienen ist.

 

„Wo sehen Sie denn hier einen Mann“, kommt es aus dem Mund des erstaunten Viktor, welcher nicht berücksichtigte, dass er der Mann ist.

 

Anna und die Verkäuferin müssen laut lachen.

 

Anschließend verziert die Verkäuferin einen Strauß noch mit etwas Gerbara, Viktor bezahlt und die beiden gehen zum Auto.

 

Anna lenkt das Auto durch den Kreisverkehr zur Autobahn. Eine mehrstündige Fahrt liegt vor ihnen. Bevor sie nach Osnabrück fahren, wollen sie noch nach Roxel um Maria abzuholen. Maria ist die Lebensgefährtin von Roberta, welche vor einigen Tagen operiert wurde. In den frühen Nachmittagsstunden erreichen sie Roxel. In den letzten Stunden hatte es angefangen zu regnen und je näher sie Osnabrück kamen, desto schlimmer wurde es.

 

Das Klinikum Osnabrück liegt auf einem Hügel und ist ganz von Parkplätzen umgehen. Es erinnert mehr an Center-Parks, als an eine Klinik. Anna parkt das Auto an der Seite und im strömenden Regen laufen die drei zum Eingang.

 

In der Tat, mehr ein Hotel als eine Klinik, so denkt unsere Anna. Über eine Rolltreppe und mehrere Gänge machen sich die 3 auf den Weg zur Urologie. Roberta hat die OP gut überstanden und läuft schon etwas. Anna und Viktor begrüßen sie freudig und Viktor überreicht Roberta den „bunten Strauß“.

 

„Ich habe Dir etwas zum knabbern mitgebracht“, mit diesen Worten reicht Anna Roberta das Gebäck.

 

Roberta erklärt den beiden jetzt die Klinik. Maria kennt diese Einrichtung ja schon zur genüge.

 

„Gehen wir doch in die Cafeteria, ich möchte etwas laufen“, wirft Roberta ein. Im sog. Entengang (breitbeinig) geht es in Richtung Schwesternzimmer. „Nehmen Sie doch besser einen Stuhl“, rät eine sehr freundliche Schwester und Roberta befolgt diesen Wunsch, oder ist es ein Befehl?

 

Die vier begeben sich durch einige Gänge, welche alle sehr lichtumflutet sind zur Cafeteria. Roberta erzählt mit Unterstützung von Maria den beiden anderen von ihrer OP und wie es ihr gegangen sei. Anna schaut sich reichlich um, denn irgendwann ist es auch bei ihr soweit und das letzte Teil Männlichkeit wird ihr blutend herausgeschnitten, bzw. besser gesagt umgestaltet, denn die Nerven des männliches Geschlechtsteiles werden nach innen verlegt, der Harnleiter verkürzt. Anna bestellt sich ein Eis und eine Cola, die anderen Kaffee, bzw. Mineralwasser.

 

Maria hat die Erlebnisse von Roberta gleich ins Internet gesetzt, damit andere Betroffene hierüber informiert sind. Allerdings endet im Augenblick die Geschichte vor der Operation. Roberta will sie aber in der nächsten Woche ergänzen, denn sie ist sich sicher, dass die dann entlassen sein wird.

 

Nach knapp einer Stunde machen die 4 sich wieder auf den Weg in das Zimmer von Roberta. Seit gestern liegt dort noch eine ältere Frau, welcher heute die Nierensteine zertrümmert wurden. Sie hängt noch am Tropf. Offenbar wurde die Zertrümmerung unter Narkose vorgenommen. Anna gehört zu den ganz harten und hat schon mehrere Nierensteinzertrümmerungen durchführen lassen, allerdings ohne Narkose. Sie unterhielt sich dabei immer mit dem Arzt bzw. dem Krankenhauspersonal.

 

Annas Termin bei Professor van Ahlen rückt näher. Viktor will sie bis zum Wartenraum begleiten, damit Maria und Roberta etwas unter sich sein können.

 

Die beiden machen sich auf den Weg zum Professor, welchen ihnen Roberta vorhin schon mehrfach beschrieben hatte. Im Wartenraum nehmen sie Platz. Es sind noch einige Personen da, welche ebenfalls warten.

Die Zeit vergeht und nach und nach laufen diverse Ärzte vorbei, auch Prof. van Ahlen. Anna kennt ihn aus der Internetseite der Klinik, wo er abgebildet ist.

 

Endlich ruft die Sekretärin Anna auf. Sie geht in des Zimmer des Professors. Es ist leer, der Herr Professor käme gleich, teilt ihr die freundliche Sekretärin mit. Anna nimmt Platz.

 

Es vergehen ungefähr 10 Minuten ehe Prof. van Ahlen kommt. Auf dem Flur läuft er bei dem wartenden Viktor vorbei.

 

„Sie können ruhig zu Ihrer Frau mit hineinkommen“, spricht der Professor Viktor an. Anna hört dieses und muss lächeln. Viktor ihr Mann, na ja.

 

Der Professor tritt ein. „Guten Tag Frau Harnisch, Sie hatten ja einen weiten Weg hinter sich“; spricht er Anna an.

 

Anna stellt sich ebenfalls vor und überreicht dem Professor dabei die Fotokopien der Gutachten zur Vornamensänderung. Vielen Ärzte, so auch Prof. van Ahlen reichen die Gutachten für die Vornamensänderung. Ein gesondertes OP-Gutachten ist hier dann nicht mehr notwendig.

 

„Sie sind in Gelsenkirchen geboren, wie ich hier aus dem Gutachten ersehe, Gelsenkirchen kenne ich gut“, teilt er nun Anna mit. Anna fragt nun den Herrn Professor woher und die Antwort ist, dass seine Eltern in Essen-Stoppenberg wohnen, er dort aufgewachsen und zur Schule gegangen sei. Die beiden unterhalten sich sehr angestrengt und Anna gelingt es dem Professor mitzuteilen, dass Viktor nur ein sehr guter Freund von ihr sei.

 

Der Professor möchte nun Anna erklären, wie so eine OP vor sich geht. Anna gibt den Einwand, dass sie die Methoden schon kenne. Der Professor ist erfreut und erklärt Anna dann nur die möglichen Risiken. Eine OP mache er im Monat, sowie 1 Nach-Op. Er arbeitet nach der Methode von Frau Dr. Christiane Spehr, welche 2 Operationen verlangen. Die zweite ist jedoch nur eine kosmetische und dauert kaum 1 Stunde.

 

Der Professor gibt während seiner Ausführungen mehrfach zu erkennen, dass Anna sehr gut aussehe und sie auf ihn wie eine ganz normale Frau wirke. Anna ist über diese Komplimente hoch erfreut.

 

Hin und wieder hole er sich noch Anregungen bei Christine Spehr, die beiden machen auch zusammen Urlaub, ein gemeinsames Hobby, das Segeln verbindet sie. Ursprünglich habe sich der Professor innerhalb seines Fachgebietes der Urologie mit Schönheitsoperationen bei Missbildungen, bzw. Unfällen beschäftigen wollen und sei dann auf diese Art der Operationen gestoßen.

 

Der Professor steht in dem Ruf, dass er nur diejenigen operiert, welche eine Chance als Frau haben, ob er schon viele abgelehnt hat?

 

Anna hat sich ihn vielleicht auch aus diesem Grunde ausgesucht. Sie wollte einen Selbsttest durchführen. Zwischen dem Professor und Frau Dr. Krieger in Dresden ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Er ist jemand, zu dem „Frau“ Vertrauen haben kann, auch die ganze Klinik-Anlage macht einen ganz anderen Eindruck. Hier kann „Frau“ sicher sein, dass nur der Herr Professor selbst operiert, bei Frau Dr. Krieger keinesfalls. Es sind zwar beides Universitätskliniken, jedoch die die Klinik am Finkelhügel, so der offizielle Name, eine städtische Klinik der Stadt Osnabrück und Uni-Klinik der Universität zu Münster. Das Seltsame ist, dass Osnabrück zu Niedersachsen gehört und Münster ist die heimliche Hauptstadt Westfalens und liegt nur knapp 40 km südlich von Osnabrück.

 

Für Anna bedeutet Osnabrück jedoch noch mehr, ihre Großmutter väterlicherseits kommt aus dieser Gegend und es gibt dort auch noch Verwandte von Opa Willi. Ihre Oma hatte Anna nie kennen gelernt, diese starb ¼ Jahr vor ihrer Geburt.

 

Sie könne in einem halben Jahr operiert sein, Termine Anfang bis Mitte 2003 seien noch frei., so Professor van Ahlen.

 

Anna jedoch will aus persönlichen Gründen erst eine Operation im Dezember, möglichst Mitte Dezember 2003. Der Professor schaut auf einen Plan und verspricht ihr, den 16.12.2003 zu reservieren.

 

Anna hat es mit der OP nicht eilig und da sie freiberuflich an der Hochschule arbeitet, liegen die Weihnachtstage dazwischen und sie dürfte erst wieder im Januar ihren Unterricht aufnehmen.

 

„Ist problematisch, wenn sie weit weg wohnen, aber wenn sie nach dem Klinikaufenthalt in ihrem Haus in Münster sind, können sie mich bei irgendwelchen Komplikationen schnell aufsuchen. In gut einer ½ Stunde sind Sie im Klinikum und Weihnachten 2003 sind Sie daheim“, verspricht ihr der Arzt.

 

Der Professor bittet noch um ein Foto von Anna. Anna hat sich auch hierauf vorbereitet und reicht ihm ein Passfoto.

 

„Wie alt ist dieses, schon älter. Sie sehen jetzt ganz anders aus“, meint nun Professor von Ahlen und vergleicht Bild und Person. „Nein, das ist im März dieses Jahres gemacht“, betont Anna.

 

„Ja, die Hormone bewirken schon einiges, sie sind viel weiblicher, als auf dem Bild“, stimmt der Professor zu.

 

Beide verabschieden sich ganz herzlich und vor der Tür warten außer Viktor noch Maria und Roberta. Anna hatte dem Professor auch erzählt, dass sie sich kennen und Viktor und sie gleichzeitig Roberta besuchten konnten.

 

Maria verabschiedetet sich noch von Roberta, die beiden anderen auch und anschließend verlassen sie das Gebäude. Es regnet in Strömen und die 3 rennen zum Auto.

 

Fast 1,5 Stunden brauchen sie im strömenden Regen bis Münster-Roxel. Je weiter südlich sie kommen, desto klarer wird es, jedoch immer noch Dauerregen.

 

Anna bringt Maria nach Hause und mit Viktor macht sie sie nach einer kurzen Verweildauer in unserem Haus auf den Weg nach Sachsen. Ab Dortmund hört der Regen fast auf. Wie eine Sinnflut, denkt Anna.

 

Im Augenblick sind es noch die Gedanken, dass es einige Tage später pure Wirklichkeit werden würde, hätte keiner gedacht. Mitten in Sachsen, in Tschechien usw. wurden Städte und Dörfer überflutet.

 

Die Semper-Oper stand unter Wasser, ebenso der Zwinger, der Bahnhof und im „Gänsedieb“ erreichte das Wasser eine Höhe von fast 2 m. Dennoch wurden einige Stadtteile Dresdens verschont, generell die Innenstadt erwischte es bitter.

 

Noah – hatte doch recht.


 

Regen und Hochwasser im August 2002

 

An dem Tag, an welchem Anna ihre Vorstellung in der Universitätsklinik Münster in Osnabrück hatte, fing der Regen an. Ein Regen, welcher Wochen lang anhielt und weite Teil Deutschlands in eine Naturkatastrophe einmaliger Art stützte.

 

In meiner Wahlheimat Köln sind es die Anwohner von Rodenkirchen, sowie der Südstadt gewohnt, dass Vater Rhein alle 2-3 Jahre über seine Ufer tritt und Teil der Stadt überschwemmt. Meist ist es im Frühjahr der Fall, nachdem die Schneeschmelze in den Alpen begonnen hatte und von Moränen verdrecktes Wasser durch Rhein und Mosel, sowie dem Main der niederdeutschen Tiefebene entgegenströmt.

 

In den letzten Tagen wurden Bäche in Bayern zu reißenden Strömen, Hochwasser in Österreich, in Prag, sowie im bayrischen.

 

Selbst im hochgelegenen Sauer- und Siegerland setzte der Regen weite Verwüstungen an. In Siegen wurde ein Friedhof unterspült, Gräber öffneten sich und halboffene Särge trieben durch einen Ortsteil von Siegen. Makaber hoch drei.

 

Durch die Moldau und andere Flüsse im Erzgebirge, wurde auch die Elbe stark gespeist und führte zu heftigen Überschwemmungen in Aussig, sowie innerhalb von Deutschlands bis hinauf ins Wendland und ins das niedersächsische Hitzacker.

Meine Tage bei der Bundeswehr als Soldatin waren eigentlich gezählt, denn mein Studium an der Universität zu Köln stand an. Andererseits lief das Vorsemester recht schleppend an, so dass ich mich für einige Tage beurlaubte, um den Menschen in Ostdeutschland zu helfen. Letztes Jahr noch die Flut in Brandenburg und im östlichen Mecklenburg-Vorpommern, so betrifft es dieses Jahr Sachsen und Sachsen-Anhalt.

 

Vor 2 Tagen bin ich in Dresden eingetroffen, nachdem ich vorher noch kurz meine Familie in Hoyerswerda besucht hatte. Anna hatte schon einen Tag später vom Professor den 16.12.2003 als Operationstermin genannt bekommen. Wirklich sehr prompt und pünktlich, der Herr Professor. Ansonsten war Anna in den letzten Tagen ehe unruhig gewesen, das lag aber nicht an dem besuch beim Professor, sondern daran, dass der Unterricht an der Hochschule mehrfach ausgesetzt wurde. Im Juli hatte sie generell 2 Wochen gearbeitet und auch jetzt im August wird es sehr wahrscheinlich einen Ausfall von 2 Wochen geben. Die Unterrichtsplanung macht Dekan Rohmann. Hatte Anna wirklich richtig gehandelt, schließlich braucht sie das Geld, um ihre Familie zu ernähren und vor allem auch braucht sie Selbstbestätigung. Das kann sie daheim nicht finden.

 

Allerdings konnte sie die letzten Tage, welche sie frei hatte dazu nutzen, mehrere Hautärzte aufzusuchen. Die Krankenkasse hatte ihr vor kurzem mitgeteilt, dass sie eine Epilations-behandlung genehmige, allerdings nur bei einem Hautarzt. Anna hatte nun mehrere Ärzte aufgesucht, jedoch immer Fahrkarten erhalten. Der erste empfiehlt eine Laserbehandlung (wird von der Kasse nicht bezahlt), weitere führen diese Behandlungen nur privat durch, bzw. wenn sie diese Behandlungen ausführen, beträgt die Dauer ca. 10 Minuten. Wie viel Jahre soll Anna denn bei so einem Arzt zur Epilation gehen, bzw. welcher Arbeitgeber stellt sie 1 – 2 mal pro Woche für mehrere Stunden frei?

 

Anna muß diese Liste durcharbeiten und wird sie anschließend wieder an die Krankenkasse zurückgeben, in der Hoffnung, dass diese dann eine Ausnahmeentscheidung für die Kosmetikerin Mirna ausstellt. Gina Beste hatte ihr eine andere Liste angeboten, welche sie von der DAK bekommen hat. Nur Gina gehört zu einem anderen Geschäftsbereich der DAK, da sie in Dresden wohnt, welche für Anna nicht zuständig ist. Wir gehören jedoch zur Lausitz.

 

Wie unsere Anna in der Dresdener Selbsthilfegruppe erfahren hatte, ist das Verfahren bei allen Krankenkassen und in jedem Teil von Deutschland gleich. Auch ich hatte vor einigen Wochen nochmals mit der Leiterein der Kölner Gruppe, Ruth hierüber gesprochen. Ruth hatte mir dieses Vorgehen bestätigt. Sie selbst hatte seinerzeit alle möglichen Verfahren zur Haarentfernung ausprobiert und auch mehrere Laserbehandlungen hinter sich. Ruth´s Barthaare wurden pigmentlos, bzw. wuchsen schräg, so dass eine Epilation auch mittels Nadel erschwert wird.

 

Auch hatte sich Anna in den letzten Tagen um ein phonlogisches Gutachten bemüht, damit die Krankenkasse ihr einige Stunden Logopädie genehmigt. Mittlerweile hat sie auch eine Logopädin in der Prager Straße in Dresden gefunden, jedoch der Termin ist wegen des eindringenden Wassers verschoben worden.

 

Die Elbe war wirklich weit über ihre Ufer getreten. Pirna wurde überschwemmt und Schloß Pillnitz. Am „blauen Wunder“ und in Loschwitz hielt die Elbe sich jedoch in ihrem Bett, teilweise wurden Schrebergärten überschwemmt. Die Dresdener Neustadt blieb weitgehend verschont, aber in der gesamten Altstadt war Land unter. Auf der Einkaufsstraße (Prager-Straße) stand das Wasser 2 m hoch, der Gänsedieb war fast bis zur Decke überschwemmt, die Semper-Oper, der Zwinger und selbst der Dresdener Bahnhof stand unter Wasser. Großer Schaden konnte von der Frauenkirche abgewendet werden, da die Tiefgarage des gegenüberliegenden Hilton geflutet wurde.

 

Es war ein Kampf gegen die Zeit. Ich hatte mich freiwillig gemeldet und war einem Trupp Pioniere aus Radebeul zugeordnet worden. Gemeinsam mit dem THW der Stadt Dresden schleppten wir am Schloß Pillnitz und in der Dresdener Altstadt Sandsäcke. Es misslang, die Stadt wurde überflutet, generell einige Schätze aus den Museen konnten wir retten, indem wir sie ein bis zwei Stockwerke höher trugen.

 

Es war ein sinnloser Kampf, auch wenn wir einiges retteten. Eine Flut, welche nur alle 150 Jahre einmal auftaucht, seltsam, mitten im Binnenland, aber in Amerika war ja in den letzten Jahres ähnliches passiert.

 

Dennoch waren die letzten Tage für mich sehr wichtig, auch wenn ich bis zur völligen Ermüdung Sandsäcke schleppte. Ich konnte etwas tun, ich wurde gebraucht. Dies sah ich auch, wenn ich an die dankbaren Gesichter der Dresdener denke, denen wir helfen konnten.

 

Anna erging es anders. Die Unterrichtsausfälle zermürbten sie. Warum nur, warum fragte sie sich ständig. In der letzten Woche war ihr Onkel Karl in Köln gestorben, sie wäre gerne zur Beerdigung gefahren, aber just in dieser Woche hatte sie einmal Unterricht und musste ihrer Cousine Erika absagen. Erika hatte in den letzten Tagen ein doppelter Schlag getroffen, sie selbst an Multiple-Sklerose erkrankt, verlor ihren Mann durch Krebs und eine Woche später verstarb ihr Vater. Onkel Karl war 8 Jahre älter als Opa Willi. Auch ich konnte an der Beerdigung meines Großonkels nicht teilnehmen, weil ich hier im Osten Sandsäcke schleppte. Ich denke, dass Onkel Karl es mir verziehen hat. Onkel Karl wurde auf der Familiengruft nahe des Autobahnkreuzes Köln beerdigt.

 

Jahre kommen, Jahre gehen, so heißt es bei der Schneekönigin. Onkel Karl hat nie erfahren, dass er eine Nichte namens Anna hat.

 

Oma Lise und Opa Willi hatten sich im Krieg kennen gelernt, weil Opa Willi seinen im Vogtland stationierten älteren Bruder besuchte. Annaberg liegt in der Nähe zur tschechischen Grenze und in Prag wurde Opa Willi am Blinddarm operiert. Sein Bettnachbar war jemand aus dem Dorf von Oma Lisa gewesen. Irgendwie kamen die beiden dann zusammen.

 

Heute Abend werde ich zu meinen Eltern fahren, die Flut hat in Dresden die Oberhand, aber im Wendland kann sie eventuell noch abgewendet werden und ich habe eine neue Einsatzplanung für Hitzacker erhalten.

 

Mutlos und enttäuscht, aber auch hoffnungsvoll sitze ich im Auto und durchfahre die Lausitz, Hoyerswerda erreiche ich gegen 18:00 Uhr. Mama steht schon in der Tür, läuft mir entgegen, ebenso Anna und Cassandra.

 

“Ich habe eine gute Nachricht für dich, Liebes, Tabea wirst du morgen in Hitzacker treffen. Sie hat sich auch freiwillig gemeldet, um zu helfen“, so Anna Worte beim Abendessen.

 

Das ist wirklich toll, die Zwillinge gemeinsam im Kampf gegen die Flut, Sandsack um Sandsack schleppend.

Müde und erschöpft falle ich in mein Bett. Es ist schön, wieder in meinem Zimmer zu sein. Es ist so wie damals in den letzten Jahren, auch wenn es nicht wie in Münster ist. Ein angenehmes Gefühl überfällt mich und ich sinke in einen tiefen Schlaf.

 

Daniela und Anna saßen noch lange im Wohnzimmer beisammen. Die Flut fegte alle anderen Sorgen weg, Prioritäten mussten gesetzt werden.

 

Letzte Woche waren sie beide in Münster gewesen und Maria und Roberta zu besuchen. Vorher waren beide noch bei Oma Lisa in Gelsenkirchen gewesen. Auf der Fahrt von Gelsenkirchen nach Münster war die Autobahn im Bereich Lavesum gesperrt. Dort hatte sich eine Ausfahrt verselbständigt und der Schlamm der sonst festen Wiesen war über der Autobahn und in der kompletten Ausfahrt verteilt. Oma Lisa hatte Bilder aus der Tschechei gesehen, das alte Arbeitsamt, wo sie im Krieg arbeitete wurde gezeigt, es stand hoch im Wasser. Was nur Gebirgsfluten alles anrichten konnten.

 

Anna hat Sorgen, Sorgen um ihre Zukunft, kann aber ihre Bedenken nicht weitergeben. Bislang verlief alles relativ reibungslos, abgesehen von den Schwierigkeiten mit der Richterin, auch hinsichtlich der beantragten Schwerbehinderung war eine Verzögerung eingetreten. Annas Einspruch hatte als Reaktion, dass sich der Doc und ein anderer Arzt aus Münster, welcher vom Versorgungsamt beauftragt wurde, befehdeten. Der Arzt schrieb über Anna ein Gutachten, ohne sie überhaupt zu kennen und verglich sie mit einer Astronautin, welche auch einen gefährlichen Job habe.

 

Vom Doc hatte Anna erfahren, dass dieser Arzt und er sich schon einmal vor Jahren wegen einer anderen Sache quasi bekämpften.

 

Ist Anna nun die Leittragende aus dieser Fehde?

 


 

21.08.2002 – Oma Lisas Geburtstag / Start der Logopädie

 

In Pirna und Dresden kämpfte ich gegen Windmühlen an. Das reißende Wasser der Elbe war stärkerund blieb Siegerin. Dennoch waren diese Tage im August für mich sehr interessant gewesen, da ich Menschen helfen konnte. Was kann sich eine angehende Ärztin besseres vorstellen, als helfen zu können, wenn auch noch nicht mit Skalpell und Faden.

 

Wie schon erwähnt habe ich meine Zwillingsschwester bei den Hilfstrupps im Wendland bei Hitzacker getroffen. Dort waren wir erfolgreicher. Der Ort wurde zwar auch überschwemmt, jedoch die Bewohner von Hitzacker waren darauf vorbereitet, es kam zu keinerlei Schäden. Sicherlich lag es daran, dass sie noch einige Tage mehr Zeit hatten, als die Bewohner Sachsens, sicherlich aber auch daran, dass wir uns hier wieder auf dem Territorium der alten Bundesrepublik befinden und nicht wie zu DDR-Zeiten vorgekommen, Flussbegradigungen im großen Stil vorgenommen wurden.

 

Heute ist wirklich unsere gesamte Familie in Hoyerswerda versammelt. Anna hat heute Morgen schon bei Oma Lisa angerufen und ihr zum 78 Geburtstag gratuliert. Am Wochenende fahren unsere Eltern, mein Schwester und unsere Cassandra eh zu mir nach Köln und dann wollen wir über Gelsenkirchen einen kleinen Abstecher machen, um sie zu besuchen.

 

Anna hatte auch diesen Monat wieder 14 Tage unterrichtsfrei, was sie sehr beunruhigte. Sie hatte außerdem festgestellt, dass sich das Verhalten der Rektorin ihr gegenüber zum Negativen verändert hatte, Dekan Rohmann versuchte mit allen Mitteln ihr zu schaden und hatte schon bei mehreren KollegInnen versucht gegen Anna zu mobben,

 

Heute Abend hat Anna ihre erste Logopädie-Stunde, die erste stimmt nicht ganz, denn als Kind hatte sie einen Sprachfehler. Sie konnte kein S sprechen und hatte Probleme mit den ch-Lauten. Im Alter von 10 Jahren hatte sie Oma Lisa auf Anraten von Uroma Anna zu einem Behandlungs-Zentrum geschleppt. Sie musste ca. 2 Jahre auf einen Platz warten, in einem Internat wäre das direkt möglich gewesen, aber Oma Lisa wollte Andreas nicht auf ein Internat schicken. Ca. 1 Jahr, 1 x wöchentlich hatte Anna damals Logopädie-Stunden, welche vom stv. Direktor einer katholischen Schule im Nachbarortsteil Bulmke abgehalten wurden.

 

Der Doc in Münster hatte Anna zwar eine Indikation für die Logopädie-Stunden ausgestellt, doch die Krankenkasse sieht dieses als normale Kassenleistung. Generell ein phonologisches Gutachten von einem HNO und ein entsprechendes Rezept musste sie vorlegen. Anna hatte insgesamt 3 HNO-Ärzte aufgesucht, bis sie einen fand, welcher ihr das Rezept ausstellte. Der erste meinte, die Stimme verändere sich durch Hormone, anders sei nichts zu machen, ein zweiter wollte sie nach Berlin zur Stimmband-Operation schicken und erst der Dritte stellte das Rezept aus, nachdem er Rücksprache mit der Logopädin gehalten hatte, welche Anna sich ausgesucht hatte.

 

Die Krankenkasse konnte das Verhalten der Ärzte nicht verstehen, da es sich um wie sich ausdrückte ganz normale Leistungen handelte, na ja, Anna hatte jedenfalls Erfolg. Leichter wer es für sie gewesen, eine Logopädin zu finden. Auf der Einkaufsstraße in Hoyerswerda auf der Etage unseres Augenarztes Hans-Henning wurde sie fündig. Welch ein Zufall. Ein noch größerer Zufall war jedoch, dass sich Anna und Hans-Henning seit den Kindertagen kennen. Die Eltern von Hans-Henning sind Nachbarn von unserer Großtante Mizzi, meine Urgroßeltern hatten auch in diesem Dorf in Oberhessen gelebt und nun hatte es beide hier nach Hoyerswerda verschlagen. Sein Vater war Lehrer in der Realschule des Ortes und ist heute Pensionär. Welch ein Zusammentreffen.

 

Gegen 18:00 Uhr machte sich Anna auf den Weg in die Innenstadt, da sie um 18:30 Uhr ihren Termin hatte Pünktlich um 18:15 Uhr betritt sie die Praxis und hört Laute aus den Behandlungszimmern. Im Wartezimmer ist jede Menge Spielzeug und Anna erinnert sich daran, dass Logopäden sehr viele Kinder behandeln und denkt auch zurück an 1966/1967 wo sie damals ihre Logopädie-Stunden hatte.

Kurz vor 18:30 verlassen Mutter und Kind das Sprechzimmer und eine junge Frau kommt auf Anna zu. Sie ist sehr nett und begrüßt Anna sehr freundlich.

 

Anna unterhält sich kurz mit ihr. Telefoniert hatten sie schon mehrmals und die Logopädin war über Anna informiert, hatte sich Anna jedoch etwas anders vorgestellt. Dass eine ganz normale Frau vor ihr stand, fand sie gut und beglückwünschte Anna mehrfach zu ihrem Aussehen.

 

Die Übungen dauern ca. ½ Stunde pro Woche, der Arzt hatte erst einmal 15 Stunden aufgeschrieben. Vielleicht brauchen wir diese Stunden nicht einmal. Mal schauen, so die Logopädin.

 

Sie bat Anna sich auf die am Boden liegende ISO-Matte zu legen und an etwas angenehmes zu denken. An eine blühende Wiese, an ihre Kindheit etc. Anna entspannte. Die Logopädin stellte einen CD-Player an, die Übungen begannen.

 

Hammer – Hamma – Hamburg – usw. ging es. Mehrere Male, erst im Liegen, dann im Stehen. Zwischendurch Atemübungen.

 

Ob es was hilft – mal schauen.

 

Anna jedenfalls war um 19:00 Uhr wieder daheim und berichtete von ihrer ersten Sitzung bei der Logopädin.


 

Eine bedeutungslose Silbe gilt als Manifest der spirituellen Kraft des Absoluten

 

Es ist wieder September geworden. Fast 1 Jahr liegen die Ereignisse des 11. September 2001 zurück.

 

Für mich hatte im Sommer wieder das zivile Leben begonnen, ohne Befehl und Gehorsam. Wie mag es wohl früher bei der Bundeswehr ausgesehen haben, als es noch keine Frauen (außer dem Sekretärinnen) dort gab? Seit gut 2 Jahren sind Frauen jetzt zu allen Waffengattungen zugelassen und auch dem sogn. Dienst an der Waffe wird kein Abbruch getan, dennoch gibt es schon seit über 20 Jahren die Möglichkeit im Sanitätsdienst, dem Musikcorps oder im Sportbereich dort zu „dienen“.

 

Auch ich hatte in dem Jahr einige „altgediente“ Hardliner kennen gelernt, die Frauen einfach nichts zutrauten aber dennoch denke ich „mit Frauen-Power“ wird alles besser und vor allem die Disziplin. Witze über uns nicht allgemein verboten und ich denke auch, dass einige Spinte nicht mehr so viele Bilder aus dem Playboy und anderen Magazinen zieren, wie vielleicht früher.

 

Am Wochenende waren Oliver und ich nach Hoyerswerda gefahren, um dort unsere Verlobung zu begehen. Im kleinen Familienkreis, dennoch außer Tabea waren alle vorhanden, auch Olivers Eltern waren am Samstag gekommen, ging diese Familienfeier von statten.

Oliver und ich hatten uns Ringe aus Weißgold ausgesucht, welche wir bei einem Juwelier in der Ahrstraße in Gelsenkirchen im Schaufenster gesehen hatten.

 

Meine Eltern und die Eltern meines Oliver waren sich vor einigen Monaten schon einmal begegnet und ich muss sagen, dass ich anfangs Schwierigkeiten damit hatte, ihnen zu erklären, dass ich 2 Mütter habe. Nicht so, dass meine zukünftigen Schwiegereltern meine 2. Mutter ablehnen, nur wusste ich ja nicht wie sie reagieren.

 

Dennoch war meine Sorge unbegründet gewesen.

 

„Fähnrich w Harnisch, wollen Sie mich im nächsten Jahr heiraten“, fragte mich Oliver während dieser kleinen Feier und alle blicken gespannt auf mich.

 

Ich schlucke, klar will ich, aber diese Frage überraschte mich jetzt derart, vielleicht war ich auch gerade in einem meiner Tagräume unterwegs, so dass ich nur stammelte und mühsam ein „ja“ herausbrachte.

 

Plötzlich ging eine Tischkanone los und Oliver und ich waren von Konfetti umgeben. „Ja, als zukünftiger Offizier magst Du es doch laut und stürmisch“, meint lachend Vater Wittke zu mir.

 

Cassandra stürmte nun auf mich ein. „Schwester Offizier, bringst Du mich heute ins Bett?“.

 

Alle lachten und ich konnte mich dem natürlich nicht widersetzen und brachte sie auf ihr Zimmer. „Zähneputzen nicht vergessen“, rief ich ihr nach als sie im Badzimmer verschwand. Nach kurzer Zeit kam sie wieder heraus, zeigte mir grinsend ihre blitzeblanken Zähne, sowie ihre sauberen Fingernägel. „Na gut“, meinte ich zu ihr und gemeinsam gehen wir auf ihr Zimmer. Zum Einschlafen erzähle ich von meiner Wohnung in Köln. Sie war dort noch nicht gewesen und interessierte sich stark dafür. „Ich will auch Offizier werden“, murmelt sie während sie einschläft und ich verlasse behutsam das Zimmer.

 

Wie lange wird es dauern, bis ich ein Kind habe. Wie wird sich das auf meinen Dienst auswirken, werde ich die Armee dann verlassen, bzw. mich kurz beurlauben lassen. Ich fange an zu träumen und male mir meine Zukunft aus.

 

Ich gehe wieder hinunter.

 

„Stubenappell durchgeführt“,  fragte mich mein zukünftiger Schwiegervater. Hierbei muss erwähnt sein, dass Schwiegervater Wittke Major der Reserve ist und fast jedes Jahr eine Wehrübung ableistet. Ich nicke nur.

 

Der Abend vergeht, die Nacht kommt und in langen Gesprächen sitzen wir fast bis in die Morgenstunden im Wohnzimmer meiner Eltern.

 

Am kommenden Montag verabschieden sich die WIttkes, da sie eine Flussfahrt auf der Elbe gebucht haben und das Schiff gegen 12:00 Uhr Dresden verlässt um sie stromaufwärts nach Aussig und weiter auf der Moldau nach Prag zu bringen. Von dort geht es wieder zurück bis nach Berlin. Die Reederei Deilmann hat in den letzten Jahren die Schifffahrt auf den ostdeutschen Flüssen stark ausgebaut und ist dort mit mehreren Schiffen präsent. Meine Schwiegereltern haben ihre Tickets für die „Prinzessin von Preußen“, ein Schwesterschiff der Donauprinzessin aus der gleichnamigen Fernsehserie. Ist schon lustig, was alles zu Deilmann gehört, nicht nur das „Traumschiff“, die Köln-Düsseldorfer und viele Schiffe auf europäischen Flüssen.

 

Anna, Daniela, Oliver und ich begleiten sie nach Dresden zur Anlegestelle der „weißen Flotte“. Es ist heute noch ein sehr sonniger Septembertag. Wie lange noch, dann wird es hier im Osten Winter. Wird es auch für Anna Winter? In den letzten Wochen hatte sie einige Kursausfälle, wie wird es mit Dekan Rohmann weitergehen?

 

Wir verabschieden uns von meinen Schwiegereltern. Nach kurzer Zeit legt das Schiff ab. Wir stehen an der Anlegestelle und winken, von der anderen Seite grüßte der goldene Reiter das Schiff, er schaut auf seine Stadt, auf Dresden. Das Schiff verschwindet stromaufwärts. Wir gehen langsam in die Altstadt, wo wir uns einen kurzen Aufenthalt im „Gänsedieb“ gönnen. Mama macht sich auf, da sie in den Kaufhäusern noch einiges erstehen will. Oliver, Anna und ich verbleiben noch ein Weile im Gänsedieb. „Habt ihr Lust haute Abend mal mit in die Dresdener Selbsthilfegruppe zu kommen“, meint Anna zu uns. Wir bejahen. Sicherlich sehr interessant, wenn auch nicht so vielfältig wie die Gruppe von Ruth.

 

Wir 3 verlassen nun den Gänsedieb und machen uns auf den Weg zum Zwinger, für dessen Kunstschätze sich mein Oliver sehr interessiert, insbesondere die Ausstellungen dort sind für ihn wichtig.

 

Gegen 17:00 treffen wir vor dem Eingang zur Semper-Oper Daniela, welche mit einigen Tüten bepackt ist. „Deine Mutter hat wieder zugeschlagen“, meint Oliver zu mir und ich strafe ihn mit meinem Hexenblick. Der wird sich noch wundern, wenn wir erst verheiratet sind. Ich kann Daniela sehr gut verstehen, eine Frau hat nie das passende zum Anziehen.

 

„Ich glaube wir gehen erst einmal zum Auto und verstauen die Sachen“, wendet Anna ein und alle stimmen ihr zu.

 

Daniela ist vom geplanten Besuch der Gruppe ebenfalls sehr angetan und wir finden uns alle gegen 18:30 Uhr auf der anderen Elbseite ein. Das Gebäude liegt nicht weit weg vom goldenen Reiter, bzw. dem Regierungssitz entfernt.

 

Diese Elbseite war während der letzten Wochen nicht überflutet gewesen. Unser Auto haben wir mitgenommen und in der Nähe geparkt.

 

Die Gruppenleitern begrüßt und freundlich und wir 4 nehmen Platz. Nach und Nach füllt sich der Gruppenraum. Sehr zum Missfallen von Daniela ist auch der „Transvestit“ dabei, wohl hat er mal wieder eine Reise durch Deutschland unternommen. In den Sommermonaten fährt er diverse Trödelmärkte ab, kauft und verkauft dort Waren aller Art. Fast wie damals in dem Lied, he Leute kauft beim Trödler Abraham, aber das war schon zu den Jugendjahren meiner Eltern und ist lange, lange her.

 

„Gott sei Dank, ist der Uniform-Typ nicht dabei“, raunt Daniela Anna zu.

 

Die Vorstellungsrunde beginnt. Insgesamt sind 14 Personen anwesend.

 

„Wir haben heute etwas ganz tolles“, sagt die Gruppenleiterin zu uns und stellt uns eine Musikerin vor, welche mit australischen Musikinstrumenten bewaffnet ist.

 

Die Gruppenleiterin, gleichzeitig Landesbeauftragte für Transsexualität im Freistaat Sachsen ist bekannt für ihre esotherischen Phantasien. Das kann ja heiter werden.

 

Sie macht nun das Licht aus, alle fassen sich an den Händen und zu Klängen einer australischen Maulschelle tasten sich alle durch den verdunkelten Raum.

 

„Om“ ertönt. Diese bedeutungslose Silbe asiatischer Kulturen und Religionen.

 

Wir können dem ganzen nichts abgewinnen, bleiben aber noch eine Zeitlang. Was hat „Om“ mit Transsexualität zu tun. Ich weiß es nicht.

 

Der Transvestit, es handelt sich um unsere sogn. Qualle entschuldigt sich als erster und verlässt den Raum. Nach und nach wird es leerer und nach 20:00 Uhr verabschieden wir uns auch mit dem Hinweis auf die 1-stündige Fahrt zurück nach Hoyerswerda.

 

„Was hat sie sich dabei gedacht, diesen Quatsch zu veranstalten“, wirft Daniela ein, Anna und wir anderen stimmen zu.

 

„Die Stelle ist falsch besetzt mit ihr, Du hättest dich damals doch bewerben sollen“, sagt Daniela vorwurfsvoll zu Anna. Anna hatte seinerzeit ihre Bewerbung zurückgezogen, da ihr an der Hochschule angeblich keine Probleme gegenüberstanden. Heute ist sich da nicht mehr so sicher.

 

Während der Fahrt denken alle über den heutigen Tag nach. Was mag mein Oliver wohl von der Veranstaltung denken?

 

Gegen 22:30 Uhr erreichen wir uns Haus in Hoyerswerda und gehen alle gleich zu Bett. Welch ein Tag.

 

Oliver und ich bleiben noch 2 Tage um dann wieder zum alten Vater „Rhein“ aufzubrechen.

 

Da „OM“ machte jedoch in allen Gruppen in Deutschland Furore, jedenfalls in negativer Hinsicht.


 

Oktober 2002 – Von Menschen und Mäusen

 

Ich sitze gerade im großen Audimax der Kölner Universität. Das eigentliche Semester hat begonnen und der Herr Professor Schimmelpfennig beginnt mit der Anatomie des Menschen.

 

Sicherlich sehr interessant, diese Ausführungen, insbesondere die anatomische Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Wenn beispielsweise die Knochen meiner Anna Jahrhunderte später gefunden würden, ergäbe dieses aufgrund der genetischen Untersuchungen einen männlichen Körper, auch die Hormone ändern nichts daran. Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau.

 

Spassig, Ötzi ist ein „angeblicher“ Mann, ein Krieger ein Jäger. Aber ich bin als Soldatin gewissermaßen auch eine Art Kriegerin. Ich bin so groß wie Anna und dennoch sind wir verschieden, daran wird auch die für das nächste Jahr in Osnabrück geplante geschlechtsangleichende Operation nichts ändern.

 

Alle Ebryos sind grundsätzlich weiblich und werden erst im Mutterleib einer geschlechtsanpassenden Methode unterzogen. Gebärmutter und Hoden bestehen beide aus dem gleichen Ursprungsmaterial.

 

Diese Zwangsgeschlechtsumwandlung im Mutterleib bei „Jungen“ sorgt u.a. auch dafür dass die Sterblichkeit des Mannes früher eintritt als die einer Frau.

Ich muss die ganze Zeit während der Ausführungen des Professors an Anna denken. Was macht sie im Augenblick durch?

 

An der Hochschule in Hoyerswerda sind augenblicklich angeblich keine Aufträge da. Die Rektorin hat sie jedoch an die Dresdener Fakultät vermittelt und sie pendelt nun jeden Tag nach Dresden und zurück. Dresden hat für sie den Vorteil, dass es dort nur die Hochschullehrerin gibt, bis auf 2 Kollegen ist sie dort nicht bekannt und ungestört dort unterrichten. Dort ist sie Frau und kann Frau sein – nichts anderes.

 

Dennoch hat Anna begonnen, sich anderweitig zu bewerben, da sich das Verhältnis zwischen Rohmann und ihr zuspitzt. Der Typ wartet nur auf einen geeigneten Augenblick um Anna zu beseitigen. (von der Hochschule)

 

Anna hat einige sehr gute Kontakte und hofft schnell eine geeignete Position zu finden.

 

 

Es ist der 1. November 2002.  Oliver und ich sind gerade in Leipzig angekommen und betreten das Novotel gegenüber dem Bahnhof. Es ist kurz nach 16:00 Uhr. Obwohl es in den letzten Tagen sehr warm war, erschauert es mich. O.K. in Köln ist es eh einige Grade wärmer als im „eisigen“ Osten, aber trotzdem. Wir hatten die Fahrt in gut 5 Stunden geschafft, generell das letzte Stücke der BAB nach dem Kreuz Eisenberg war etwas zu.

Ich gehe zur Rezeption. „Guten Tag, mein Name ist Rabea Harnisch, sind meine Mutter und meine Tante schon angekommen. Sie heißen Daniela und Anna Harnisch“, spreche ich die Dame hinter der Theke an.

 

„Sie haben das Zimmer 203, ich sage Ihnen dass Sie da sind. Wir haben für Sie uns Ihren Mann das Zimmer 202 reserviert. Hier haben Sie bitte die Schlüssel Frau Harnisch“, antwortet die Rezeptionistin.

 

Wir setzen uns und nach einigen Minuten kommen Anna und Daniela die Treppe herunter. Ich stürze auf beide zu und umarme sie herzlich. „Hattet Ihr beiden eine angenehme Reise“, fragt mich nun Daniela.

 

„Kommt, wir gehen hinauf“. Oliver und ich nehmen unsere Taschen und gemeinsam gegeben wir uns zum Lift, der uns in die 2. Etage bringt. Die Zimmer liegen zwar zur Straße hin, dennoch sind sie sehr gut isoliert.

 

Nachdem wir und kurz erfrischt hatten, klopften meine Eltern an.

 

„Kommt wir schauen uns mal den Doppelbahnhof mit dem Einkaufscenter an und wollen dann in Auerbachs-Keller gehen“ rief Anna in unser Zimmer herein.

 

Wir zogen und an und machten uns auf dem Weg zum Bahnhof. Das Hotel liegt ihm gegenüber, getrennt nur durch eine 6-spurige Straße.

 

Das Einkaufcenter ist wirklich toll gemacht, jedoch darf man es nicht mit Köln, Düsseldorf oder Berlin vergleichen. Hier gibt es normale Läden wie Lidl, ALDI, Deichmann etc.

 

Nachdem wir ca. 1 Stunde dort auf 2 Ebenen bummelten, machten wir uns auf den Weg zu Auerbachs-Keller. Wir betraten jedoch nicht den Keller, sondern belegten einen Platz in dem oberen Teil der Gastronomie. Überall sind hier die Darstellen des Faust abgebildet, Yannings bis zu Klaus-Maria Brandauer. Sehr stilvoll gemacht. Gegenüber liegt ein Verkaufsladen von Swarowski.

 

Die Mädler-Passage wurde nach der Wende direkt ausgebaut. Der Baulöwe Schneider hatte dieses bewerkstelltigt, jedoch nach seiner Pleite wurde nicht weitergebaut und ca. 10 m weiter im inneren der Passage steht noch die alte DDR.

 

Das Lokal ist sehr toll, fast so wie der Gänsedieb und wir beschließen öfters hierher zu fahren, zumal auch der Nachmarkt gleich nebenan liegt.

 

Ein Abend mit sehr viel Ambiente geht zu Ende und über 2 Straßen erreichen wir das Novotel.

---

 

 

Wenn der Postmann 2 x klingelt

 

Ich saß wieder im Hörsaal der Kölner Universität und paukte mich durch mein Medizin-Studium. Nächste Woche haben wir frei, aufgrund Unterrichtsausfall und ich werde meine Familie in Hoyerswerda besuchen. Irgendwie plagt mich doch die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit meiner Familie in dieser Stadt im ostdeutschen Raum, obwohl ich erst vor 2 Wochen mit meiner Familie Leipzig besuchte.

 

Ein weiterer Grund, der Unterrichtsausfall passte hervorragend, ist ein Eingriff bei unserer Anna. Anna plagte seit einigen Monaten ein Nierenstein, welcher im Harnleiter fest sitzt. Gott sei Dank hatte sie keine Koliken bekommen, aber dennoch sie hatte einen ambulanten Termin im Krankenhaus in Hoyerswerda gemacht, um diesen zertrümmern zu lassen. Das ganze passiert unblutig. Die Patientin liegt auf einer Liege, unter dem Rücken im bereich der jeweiligen Niere ist eine Aussparung, wo ein mit Wasser gefülltes Kissen angebracht wird. Durch Stoßwellen von unten, wird der Stein quasi beschossen. Über einen PC kann der Arzt die genaue Position des Steines erfassen und löst mit einer Art Computer-Maus die Schüsse los. Das ganze tut nicht sonderlich weh generell der Knall, bedingt durch das Auftreffen auf das Wasserkissen beunruhigen etwas. Die Patientin bekommt nur ein leichtes Beruhigungsmittel gespritzt. Um 10:00 Uhr hat Anna den Termin dort mit ihrem Urologen. Anna hatte schon einmal vor Jahren Nierensteine gehabt, welche im Ruhrgebiet in Herne-Sodingen zertrümmert wurde. Damals war sie 10 Tage im Krankenhaus gewesen und musste sich dieser Prozedur 2 x unterziehen, weil beim ersten Male nur ein Teil des Steines durchbrochen wurde. Nach dem 2.ten Male, klumpte der Stein wieder zusammen und blockierte den Harnleiter. Es musste ihr eine Schiene gesetzt werden, welche bis in das Nierenbecken führte. Damals wurde sie am 24.12.1992 aus der Klinik entlassen. Die Schiene wurde 14 Tage später vom damaligen Urologen entfernt. Seitdem hatte Anna keine Probleme miehr mit Nierensteinen. Ein Arzt meinte auch einmal zu ihr, dass bedingt durch ihre langen Radtouren keine Steine mehr auftreten würden. Naja, falsch gedacht.

 

Die Vorlesung ging zu Ende. Draußen vor der Kölner Uni erwartete mich mein Oliver. Den hatte ich wirklich nicht erwartet.

 

„Hallo, das ist ja eine Überraschung“, rufe ich äußerst erfreut. Von Oliver erfahre ich, dass auch er einige Tage frei hat und er mich überraschen wolle. Ich erzähle von meiner geplanten Fahrt zu meinen Eltern und er stimmt freudig zu.

 

Die Woche geht schnell zu Ende und am Samstag morgen machen wir uns auf den Weg, allerdings mit einem kurzen Abstecher nach Gelsenkirchen zu meinen zukünftigen Schwiegereltern, natürlich besuche ich hierbei auch meine Oma Lisa im Altenheim St. Anna.

Olivers Eltern begrüßen mich sehr freundlich. „Rabea, wir können es nicht erwarten, wenn Du mit deinem Studium fertig bist, dann können wir endlich unseren Hausarzt wechseln, nicht dass wir mit ihm unzufrieden sind, nein bei Gott nicht, aber Du bist uns lieber“, sagte Olivers Vater bei der Begrüßfung zu mir und umarmt mich. Ebenso Olivers Mutter. Aber wo ich Oliver, er stand doch gerade noch hinter mit?

 

Wir gehen in das Wohnzimmer und nehmen Platz. Das ist aber wirklich seltsam, wo steckt er nur, wundere ich mich. Nach gut einer halben Stunde erscheint er, nimmt mir gegenüber Platz  und sagt mir, dass er etwas Wichtiges mit mir zu besprechen habe. Ich wundere mich, was soll das, zumal seine Eltern zugegen sind.

 

„Wir sind jetzt seit einigen Monaten verlobt und ich würde gerne mit Dir den Hochzeitstermin abstimmen“, sagt er und holt mit seiner rechten Hand einen Rosenstrauß hinter seinem Rücken hervor. Es sind 20 dunkelrote Rosen, liebevoll zusammengesteckt mit etwas Grün. „Was meinst  Du zum 1.7.2003 im Kloster Gerleve bei Billerbeck?“

 

Dieser Halunke, wir haben uns am 1.7.2002 verlobt, am 1.7.1981 haben meine Eltern dort geheiratet und am 1.7.2001 oder halt, es war einen Tag später, lernten wir uns bei der Bundeswehr kennen. „Woher weißt Du, dass auch mir dieser Termin gut passt“, frage ich ihn liebevoll lächelnd und küsse ihn.

 

Meine zukünftige Schwiegermutter hat inzwischen das Essen vorbereitet. Oh, mein Lieblingsgericht. Als Vorspeise Reibekuchen mit Fruchtcocktail und warmen Krabben. Dann einen Räuberspieß mit Medallions, Reis und Pommes Frites, zum Dessert Schwarzwälder-Kirsch Eis

 

Den Abend verbringen wir plaudernd im Wohnzimmer. Mein Schwiegervater erkundigt sich nach Anna, wie es ihr gehe usw. Ich erzähle von der bevorstehenden Nierensteinentfernung. Der Abend geht zu Ende und sehr glücklich führt mich mein Oliver nach oben.

 

Am anderen Tag besuchen wir Oma Lisa um ihr die Neuigkeiten zu berichten, machen uns anschließend auf den Weg nach Hoyerswerda. In den Mittagsstunden erreichen wir Weimar und 3 Stunden später gegen 16:30 Uhr sind wir in Hoyerswerda, wo wir von der Familie empfangen werden.

 

„Ich bin so glücklich, dass ihr den Hochzeitstermin auf den 1.7.2003 gelegt habt“, empfängt mich Mama Daniela. „Woher weiß Du das Mama“, frage ich sie erstaunt und denke mir dabei, dass sie dieses mit meinen Schwiegereltern abgesprochen hatte. Typisch Mama, so ist sie!

 

Bei unserer Anna ist der Unterricht wieder mehrfach ausgefallen. Generell letzte Woche hatte sie dort unterrichtet. Dekan Rohmann hat sicherlich seine Hände dabei im Spiel. Naja, hinsichtlich der Zertrümmerung ist dieses gut, da kann Anna ausspannen. Aber dennoch seit dem es in der Hochschule die Anna gibt, wird der Unterricht sehr häufig abgesetzt. Rund 90 Unterrichtstage hat sie seitdem gehabt, es müsste normalerweise fast das Doppelte sein. Generell im Oktober hatte sie in Dresden einen vollen Monat zu tun. Das beunruhigt meine Anna sehr, denn a) liebt sie ihre Arbeit b) ist sie eine sehr „toughe Frau in the best Age“ c) macht sie sich Sorgen um ihr Auskommen, auch wenn Daniela gut verdient, aber der Lebensunterhalt unserer Familie kostet auch entsprechend. Sie macht sich Sorgen um ihre Zukunft, denn eines ist klar, irgendwas wird hierbei vom Dekan Rohmann gesteuert. Auch die Rektorin der Universität verhält sich ihr gegenüber augenblicklich sehr kühl und distanziert. Anna hat sich bereits nach einer anderen Stelle umgesehen und hat in 2 Wochen ein Vorstellungsgespräch.

 

Der Abend klingt aus und müde gehen wir zu Bett. Am anderen Morgen brechen Oliver und ich nach Dresden auf. Das blaue Wunder liegt hinter uns und vor uns erscheint der goldene Reiter.

 

Wir parken auf dieser Elbseite und schlendern hinüber zum Zwinger. „Lass uns in den Gänsedieb gehen“, sage ich Oliver, welcher nickt. Das Essen in meinem Lieblingslokal ist wieder einmal vorzüglich. Nach dem Essen schlendern wir die Einkaufstraßen entlang und bleiben vor dem Juwelier Christ stehen. Oliver zieht mich hinein. „Oliver Wittke“, stellt er sich kurz vor und die Dame greift hinter die Theke und holt ein kleines Etui hervor.

 

Dieser Halunke, denke ich, hat sich eine Überraschung für mich ausgedacht. In der Tat, es ist ein Ring aus Paladium mit einem runden blauem Stein. Der ist ja wundervoll, denke ich, während Oliver ihn mir ansteckt. „Oh danke“, sage ich und strahle meinen Oliver an.

 

Wir verbringen noch den Rest des Tages in der Stadt und fahren anschließend zurück. Der Abend verläuft äußerst angenehm im Familienkreis. Meine kleine Schwester Cassandra nimmt mich in Beschlag und Oliver und ich habe Mühe sie anschließend ins Bett zu bekommen. Anna ist etwas aufgeregt, denn morgen erfolgt der Eingriff im Krankenhaus.

 

 

Am anderen Morgen bringe ich Anna zur Klinik. Der Arzt hatte ihr gesagt, dass sie nicht mit dem Wagen fahren solle, weil durch die leichte Betäubung ihre Wahrnehmung zurückgehe, in etwa wie bei einem Rausch.

 

Wir betreten das Klinikum. Hinweisschilder weisen uns den Weg zur Urologie. Anna meldet sich an. „Guten Tag Frau Harnisch, nehmen Sie noch etwas Platz, der Herr Dr. Rembrink ist noch nicht da.“, sagt die Rezeptionistin zu Anna.

 

Wir setzen uns. Die Klinik ist modern, an den Wänden hängen Bilder der Epoche „blauer Reiter“, fast wie bei uns daheim. Sowohl in Hoyerswerde bei meinen Eltern, als auch in meiner Kölner Wohnung hängen Macke, Marc und Hundertwasser. Aus verschiedenen Räumen höre ich ein lautes Knallen. Das scheint wohl eine der Zertrümmerungsmaschinen zu sein, denn mittlerweile werden auf diese Methode auch unblutig Gallensteine entfernt Schwestern und Ärzte gehen vorbei. Die Ärzte kann man sehr leicht erkennen. In ihren Taschen befinden sich besondere Instrumente. Ich kenne diese ja aus meiner eigenen Ausbildung. Patienten werden vorbei geschoben. Eine alte Frau, ein alter Mann . Hoppla, da ist ja unser Herr Themann aus Hoyerswerda auf dem Rollstuhl. Die Familie Themann betreibt in Hoyerswerda die Poststelle und einen Schreibwarenhandel.

 

Nach gut einer halben Stunde des Wartens kommt Dr. Rembrink. Er begrüßt Anna und beide gehen in den Behandlungsraum. Ich warte weiter in der Halle. Nach einigen Minuten tönen laute Knalle aus dem Behandlungsraum. Die Behandlung beginnt. Ich zähle mit, kommen bis 1000, dann bin ich durcheinander. Jedoch sind es gut 5000 Schüsse, welche nacheinander losgesetzt werden. Nach ca. 15 Minuten ist alles vorbei und im Arm von Dr. Rembrink kommt Anna heraus. „Setzen Sie sich etwas und ruhen sich noch 5 Minuten aus“, sagt er und setzt sich selbst neben uns hin. „Ich habe auch noch etwas Zeit“

 

Anna geht es gut, generell ist sie sehr schwindlig, so wie nach einer Fahrt auf einem Kettenkarussell, aber nicht mehr.

 

Nach einigen Minuten brechen wir auf. Dr. Rembrink bittet Anna heute Abend um 18:00 Uhr in seine Praxis zu kommen. Zu Sicherheit werde er noch einen Ultraschall machen. „Aber bei meiner Kollegin sind Sie ja in den besten Händen“, er deutet auf mich.

 

Nach einer 10-minutigen Autofahrt sind wir daheim, denn das Klinikum liegt nur 3 Kilometer von unserem haus entfernt. Anna ist fit, fügt sich aber den Anweisungen von Dr. Rembrink und legt sich etwas hin. Nach kurzer Zeit schläft sie ein. Oliver und ich gehen etwas spazieren.

 

Während wir unterwegs sind, klingelt der Postbote. Anna hatte sich hingelegt und war tief eingeschlafen. Sie denkt bei dem Klingeln gar nicht daran, dass sie nur ein Seidenoberteil, ansonsten nur Strumpfhosen an hat und öffnet die Tür. Der Postbote überreicht ihr ein Paket. Harry Potter und der Herr der Ringe als DVD die Filme,welche Anna bei Amazon bestellt hat. Anna entschuldigt sich bei dem Postboten für ihr Erscheinen, Sie ist aber wieder fit und erzählt Oliver und mir die Episode als wir heimkommen. Abends fahre ich Anna zu Dr. Rembrink. Der Ultraschall ergibt, dass alles o.k. sei.

Generell der Urin war beim ersten male dunkelrot, was aber normal ist, dieses kann ich als angehende Ärztin bestätigen, auch wenn die Urologie nicht mein Fachgebiet sein wird.

 

Den Rest der Woche verbringen wir gemütlich im Familienkreis und brechen am Sonntag wieder in Richtung Köln auf. Die Uni ruft.

 


Samson der Riese oder Beginn der Epilation

 

Anna hatte einige Anläufe bei ihrer Krankenkasse hinter sich, bis ihr endlich die Epilation im Kosmetik-Institut Mirna in Pirna genehmigt wurde. Ihre Krankenkasse hatte ihr mehrfach Listen mit Ärzten geschickt, welche angeblich eine Epilation durchführen. Dieses machen die Krankenkassen im Allgemeinen und den Betroffenen bleibt keine andere Wahl, als diese Ärzte auszusuchen, was aber im Regelfall zwecklos ist. Entweder führen diese nur die Lasermethode durch, bzw. wenn Nadelepilation, dann meist nur für wenige Minuten und welcher Arbeitgeber stellt seine Mitarbeiterin jede Woche für einige Stunden frei und vor allem wie viel Jahrzehnte dauert dann diese Epilation? Bei der Kosmetikerin Mirna kann sich eine Frau mehrere Stunden epilieren lassen, auch in den Abendstunden. Einige Krankenkassen sind da etwas freundlicher gesinnt, jedoch brauchte meine Mama ca. 1,5 Jahre, bis sie die Genehmigung bekam. Anfang Dezember war es soweit und Anna vereinbarte direkt einen Termin in Pirna. Die ersten 2 Wochen im Dezember hatte Anna wieder gesteuert durch den Dekan Rohmann. Ausgerechnet in der 3. Wochen wo sie den Termin zur Epilation hatte, musste sie arbeiten. Außerdem hatte sie in dieser Woche einen Termin beim Arbeitsamt Dresden, wo sie sich als Arbeitsvermittlerin beworben hatte, da der Zustand an der Hochschule unerträglich wurde.

 

Anna hatte ihren Termin Freitags um 17:00 Uhr, da sie anschließend die Selbsthilfegruppe in Dresden besuchen wollte. Dieses ist leicht möglich, da Pirna nur einige Kilometer von Dresden entfernt ist und die Grippe sich auf der gleiche Elbseite in der Nähe des goldenen Reiters und des Landtags befindet.

 

Angela Mirna hatte Anne den Weg beschrieben. Pirna war ihr ja bestens bekannt, da diese Ortschaft immer durchfahren wird, wenn wir Dresden besuchen. Die Straße teilte sich und Anna folgte der Bundesstraße. Schon kurz nachher bemerkte sie, dass sie wohl falsch sei. Peggy hatte ihr nicht beschrieben, dass sie die Bundesstraße verlassen musste. Also zurück, aber das ging nicht, Baustelle. Anna umfuhr diese durch einen anderen Ortsteil und fand die Straße wieder. Was Anna nicht bemerkt hatte, dass sie jetzt die Straße zum Kosmetikinstitut in der falschen Richtung befuhr. Endlich fand sie das Haus auf der linken Seite. Anna hätte bei dem Abzweig die Bundesstraße verlassen müssen und hätte Peggys Haus dann auf der rechten Seite gefunden. Sie parkte ihr Auto und ging zum Haus. Peggy öffnete und hinter ihr erschien ein riesiges Etwas von einem Hund. Das ist Goliath, ein Neufundländer. Goliath beschnüffelte Anne und wedelte mit dem Schwanz. Da sie ihre Handtasche und Aktentasche bei sich hatte, dachte der Hund, dass er von Anna Hundekuchen bekäme und stürmte liebvoll, aber sehr kraftvoll auf die ein. Anna musste noch etwas warten . Der Warteraum ist in Peggys Wohnküche. Eie sehr schöne Küche, welche in ein großes Wohnzimmer mündet. Peggys Mann Bruno, sowie ihr 4 Kinder waren auch anwesend. In der Familie geht es lustig zu, etwas anders als bei uns. Wir sind zwar auch 4 Kindern, allerdings haben wir eine andere Mentalität. Vielleicht liegt das daran, dass Peggy Kinder halbe Italiener sind, welche sich deutsch/italienisch unterhalten. Peggy großer Sohn,, ihre große Tochter sind im Mezzo-Giorno in Italien geboren, wo ihr Mann herstammt und auch Peggy Schwiegereltern wohnen. Die kleine Tochter und das Nesthäkchen sind im Krankenhaus von Prima geboren. Peggy selbst stammt vom Niederrhein und ist in Krefeld geboren

 

Nach gut einer Viertelstunde geht die Behandlung. Peggy erklärt Anna was sie mit ihr anstellt und erklärt ihr die einzelnen Verfahren der Nadelepilation. Anna kennt diese bereits aus Unterlagen und aus einer Vorführung von Peggy in der Dresdener Gruppe.

 

Peggy bestreicht den Mundbereich von Anna mit EMLA-Salbe, das ist eine Salbe, welche die Schmerzempfindlichkeit mindern soll. Mit der Epilation beginnt sie jedoch am Halsbereich. Gut 2 Stunden dauert die erste Epilation für unsere Anna. Schmerzhaft ist es für sie nicht und in der nächsten Woche hat sie bereits ihren 2.ten Termin, einen weiteren Termin am Heiligabend (kein Witz: Peggy arbeitet an diesen Tagen, sowie Nachmittags am 2. Weihnachtstag, sowie 2 Tage später.

 

Um 19:30 Uhr verlässt unsere Anna Pirna. Da sie sich anfangs verfahren hatte, bemerkte sie nicht, dass sie in die verkehrte Richtung fuhr und musste wiederum einen Bogen schlagen. Gegen 20:30 Uhr war sie dann endlich in der Gruppe in Dresden angekommen.

 

Peggy hatte Anna noch gesagt, daß0 sie die epilierten Stellen nicht mehr rasieren möge, damit die Haare nicht wieder angeregt werden. Beim nächsten Male wird diese Stelle nachbehandelt und ein weiteres Stück epiliert. In etwa 6 Wochen ist das Gesicht dann komplett und eventueller Bartschatten ist verschwunden.

 

 

Eine Woche später hatte unsere Anna ihren 2. Termin bei Petra und fuhr zwar am Abzweig richtig, jedoch zu weit und musste wiederum drehen. Erst jetzt hatte sie festgestellt, wie sie gefahren war und kannte jetzt den Weg zum Kosmetikinstitut.

 

 

Heiligabend, 23. Dezember 2002.

 

Oliver und ich waren am Mittag in Hoyerswerda eingetroffen um die Weihnachtstage bei meinen Eltern zu verbringen. Außerdem wollten wir über Silvester nach Prag fahren, in das Land, aus dem Oma Lisa stammte.

 

Mama hatte für heute Abend Essen bei einem Partyservice bestellt. Den Streß an den Weihnachtstagen, so wie es bei Oma Lisa üblich war, tat sie sich nicht an. Gegen 15:00 Uhr wollte Anna zur Epilation nach Pirna fahren und Oliver und ich begleiteten sie.  Anna hatte ein großes Paket Hundekuchen für Goliath gekauft, auch eine Flasche guten Weines für Petra eingepackt.

 

Als wir am Hause Mirna klingelten, ertönte lautes Gebell und als sich die Tür öffnete stürmte der Neufundländer auf uns zu und beschnüffelte schon das Paket mit dem Hundekuchen. Tiere besitzen wahrlich ein einzigartiges Gesuchssystem, so dass er wusste, dass dieses Paket für ihn bestimmt war. Mittlerweile war nach Anna´s 3. Besuch in Pirna ihr halbes Kinn bartfrei.

 

Während Peggy Anna epilierte, unterhielten Oliver und ich uns mit Bruno, dem Ehemann und dem Großen Sohn Daniele, welcher im nächsten Jahr seine Abschlussprüfung zum Industriekaufmann bei Thyssen in Dresden ablegen wird. Daniele ist erheblich größer als sein Vater und sportbegeistet. Motorrad, schnelle italienische Autos und Kampfsport sind seine Interessen. Ein vielseitig begabter junger Mann, welche eine hoffnungsvolle Zukunft hat, wäre da nicht sein Interesse für Motorräder, welches ihm 2 Jahre später am Nachmittag des 3. Oktober 2004 gegen 16:15 Uhr zum Verhängnis werden sollte.

 

Aber in unserem Alter denkt man nicht an Gefahren. Meine Zwillingsschwester ist inmitten ihrer Ausbildung zur Kampfpilotin der Bundeswehr und kann auch diesem Grunde nicht aus den USA anreisen. Ihre ersten Flugscheine hat sie bereits und kann kleine Maschinen fliegen.

 

Nachdem  Anna Behandlung für heuet abschlossen ist, verabschieden wir uns und fahren heim. Anna bekam von Peggy noch eine handgemachte Kerze geschenkt.

 

Als wir in Hoyerswerda ankamen, hatte Mama Daniela schon alles vorbereitet. Ihre Freundin und deren Tochter waren auch schon anwesend, mein Bruder ebenfalls.. Unsere kleine Cassandra saß vor dem Fernseher. Wir warten aufs Christkinde dachte und für unsere Cassandra ist dieser Tag sehr hoffnungsvoll. Große Kinderaugen werden den Baum anstrahlen. Auch wir waren so gewesen. Vieles war passiert.

 

Anna ging ihren Weg, ich hatte Oliver kennen gelernt und war „back to the Roots“ nach Nordrhein-Westfalen gezogen und werde einst in der Geburtsstadt meines Oliver in Gelsenkirchen leben, was auch die Heimatstadt meiner Anna ist.

 

 


 

29. Dezember 2002 - Roots

 

Die Weihnachtstage gingen im Familienkreis sehr gemütlich und beschaulich an uns vorüber. Das neue Jahr zeichnete sich schon ab. Anna war bedrückt. Ihre Anstellung an der Hochschule wurde nicht verlängert und auch ihre Bewerbungsbemühungen brachten keinerlei Erfolge. Im neuen Jahr will sie eine Großoffensive starten. Augenblicklich ist sie vom Doc in Münster aufgrund von Depressionen krank geschrieben. Dekan Rohmann hatte ihr über zugesetzt. Wegen der Verlängerung des Krankenscheines musste Anna am 27.12.2004 nochmals nach Münster. Der Doc war zwar nicht da, aber sein Vertreter in Münster-Kinderhaus.

 

Sie flog morgens von Dresden nach Düsseldorf und war abends schon wieder zurück, da wir am 29.12.2002 um 09:00 Uhr eine mehrtägige Busreise nach Prag gebucht haben. Meine komplette Familie, Mamas Freundin und deren Tochter, sowie Oliver und ich.  Herzog-Reisen aus Hoyerswerda, ein Komplettangebot mit 2 Stadtführungen und einer Flussfahrt auf der Moldau mit Silvesterfeuerwerk.

 

Heut Morgen hatte es etwas geschneit. Der Bus verlässt gut 25 Minuten später die Halle, wo sich die Fahrgäste eingefunden hatten. Noch 2 x Personen zwischendurch auflesen und dann geht es über Pirna, Dresden in Richtung Erzgebirge. Ich hatte erwartet, dass die Grenze bei Zinnwald überquert wird, aber der Bus nimmt die Route über Annaberg. Der Busfahrer teilt eine Liste aus, wo sich die Reisenden eintragen sollen. Eventuell werden die Pässe einzeln nicht geprüft. Im Erzgebirge liegt sehr hoher Schnee und wir stehen gut ½ Stunde am Grenzübergang bevor es weiter geht.l Hinter der Grenze erreichen wir Commotov, die Häuser sind zerfallen und in den teils offen stehenden Fenstern sitzen Frauen, meist aus Ost-Europa. Prostitution so weit das Auge blickt. Bretterbuden deuten Läden der Fidschis an, welche vom Polit-Gartenzwerg über Becherowka und Seidenhemden alles verkaufen.

 

Hinter der Stadt wird es wieder flach. Meine Gedanken an dieser Stelle, Oma Lisa konnte froh sein nach dem Krieg ausgewiesen zu werden. Das Land ist wirklich armselig. Die Beschriftungen an den Häusern sind meist zweisprachig. Wir durchqueren ein Braunkohle-Revier. Hier ist die Kindersterblichkeit in Europa am höchsten und auch das berüchtigte Kraftwerk Temeswar liegt in der Nähe. Nach gut einer Stunde erreichen wir den Rand der Landeshauptstadt Prag.

 

In der Innenstadt kommt Karol in den Bus, ein Geldwechsler. Der Busfahrer hatte ihn geordert und auch darauf hingewiesen, dass die Reisenden entweder bei ihm oder bei Banken ihre Euro gegen Kronen tauschen sollten, da viele Touristen hier abgezockt würden. Ebenfalls steigt eine Reiseleiterin ein, welche uns schon einige Informationen über Prag gibt. Wir fahren Richtung Norden und sehen schon Hinweisschilder nach Teplice, dort kommt Oma Lisa her, 66 Kilometer sind es bis dorthin und weiter ginge es nach Hoyerswerda, warum der Reisebus den Umweg gefahren ist ?

 

Der Reisebus hält am Hotel Duo. Das Duo ist im typischen Ost-Stil errichtet und könnte genauso gut in Berlin-Marzahn oder in Hoyerswerda stehen. Groß und riesig, ca. 600 Betten, aber immerhin 3 Sterne.

 

Wir verlassen den Bus und bringen unsere Sachen in die Zimmer. Wir sind alle im 6. Stock untergebracht. Oliver und ich wohnen direkt neben meiner Eltern, dahinter liegen die Zimmer der anderen. Es ist knapp 16:00 Uhr als wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machen. Die Strasse hier sieht so aus, als würde Pan Tau, der Mann mit dem Zylinder gerade um die Ecke kommen und die alten Skodas S 100 ständen am Straßenrand. Einen S 100 in olivgrün hatte Anna gefahren, als sie den Führerschein erworben hatte. Das Auto habe 4700,--DM incl. Mwst gekostet. Anna hatte das Auto gut 6 Jahre gefahren, dann war es durchrostet. Aber immerhin noch sehr preiswert.

 

Der Bus kommt und wir fahren zum Nord-Bahnhof, wo wir mit der U-Bahn bis zum „Muzeum“  fahren wollen. Die Reiseleiterin hatte uns die Verbindung empfohlen, weil wir zum Wenzels-Platz wollten.

 

Am „Muzeum“ steigen wir auf und erblicken eine Einkaufsstraße, welche wir auf uns einwirken lassen. Es sind normale Geschäfte wie C & A, kleinere Geschäfte mit Glaswaren und sehr viele Wechselstuben, jene Wechselstuben, vor denen uns der Busfahrer gewarnt hatte. Gerade Böhmen ist berühmt für seine Glaskultur. Glasbläser war und ist heute noch ein gesuchter Beruf. Einige der Onkel unserer Oma Lisa waren auch Glasbläser, auch mein Ururgroßvater Pétrik, der Mann, welcher angeblich kein einziges Wort deutsch sprach, obwohl meine Ururgroßmutter aus dem bayrischen Wald stammte. Uroma Anna hatte ihren Vater jedoch kaum gekannt, da er sehr früh verstarb.

 

Wir treten in ein kleines Restaurant an. Ein großer Tisch ist noch frei, wo wir alle Platz finden. Die Bedienung kommt und reicht uns die Karten. Sie sind mehrsprachig. Gott sei Dank, außer dass Pan „Herr“ bedeutet und Ahoi „Auf Wiedersehen“, verstehen wir kein Wort.

 

Auf der Karte erkennen wir, dass das Lokal am Wenzels-Platz liegt. Unter dem Wenzels-Platz hatten wir uns immer einer Platz vorgestellt, einen Marktplatz oder so ähnlich. Hier war ist der Wenzels-Platz eine Promenade, eine Einkaufs-Meile. Vaclav bedeutet Wenzel. Oma Lisas Vater hieß Wenzel. Der hl. Wenzel ist der Nationalheilige der Böhmen. Also stellte die Statue, welche wir am Ausgang der U-Bahn am Museum passierten der hl. Wenzel dar,

 

Am 21.August 1968 rollten hier sowjetische Panzer vor, um den Prager Frühling zu beenden. Seltsam, wieder so ein magischer Tag in unserer Familie, da an diese Tage unsere Oma Lisa 44 Jahre wurde. Oma Lisa weinte damals sehr und ich kann mir vorstellen, dass der Einmarsch der Sowjet-Armee genauso bestürzend war wie der 11. September 2001. Ein Student hatte sich damals auf dem Wenzels-Platz mit Benzin übergossen und angezündet. Auch ein Onkel von Oma Lisa, Großonkel Pavel kam an diesem Tage ums Leben.

 

Es war damals sehr heiß, erinnert sich Anna. Ich war 12 Jahre alt und nachmittags waren meine Mutter und ich in einer Eisdiele auf der Wanner-Straße in Gelsenkirchen. Heute ist in dieser Eisdiele eine türkische Pizzeria untergebracht. Sie liegt gegenüber der Martin-Schule, wo Opa Willi zur Schule ging und nebenan wurde 1889 Uropa Carl geboren. Seine Eltern kamen aus Westpreußen und Pommern und waren im 19. Jahrhundert nach Gelsenkirchen gezogen. Er war das älteste Kind seiner Eltern; Geschwister von Ururopa Carl, dem Vater von Uropa Carl ließen sich in Gelsenkirchen und Essen nieder, so dass eine große Anzahl unbekannter Verwandtschaft von mir noch in Gelsenkirchen und Essen-Kray, Essen-Steele wohnt.

 

Heute wohnen rund um die Wanner-Straße in dieser Höhe fast ausschließlich türkischsprachige Menschen.

 

Aber nun zurück zum Tagesgeschehen. Das Essen hier im Lokal ist vorzüglich, obwohl mein Steak nicht ganz durch ist, aber dennoch sehr lecker, generell die Pommes Frites sind etwas seltsam geschnitten.

 

Mama Daniela stochert in ihrem Essen herum. Sie hatte sich etwas bestellt und war der Meinung gewesen, dass sie etwas anderes bekäme. Ich kenne ihren enttäuschten Blick. Sie zündet sich eine Zigarette an. Schon wieder, dabei wollte sie sich das Rauchen allein in diesem Jahr schon über 10 x abgewöhnen.

 

Wir sitzen bis gegen 21:00 Uhr im Lokal. Die Geschäfte haben hier noch geöffnet und wir schlendern zurück zur Statue des hl. Wenzel. Die U-Bahn kommt schnell und auch am Nordbahnhof finden wir einen schnellen Anschluss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Tod des Hansel Amsterdam

 

Wir schreiben heute den 26. Juni 2003. Ich nutze die Semesterferien um einen Besuch in Gelsenkirchen abzustatten. Einige Tage möchte ich zusammen mit Oliver bei seinem Eltern verbringen und um natürlich auch Oma Lisa zu besuchen.

 

Heute ist ein sehr heißer Tag und ich bin gerade unterwegs in die Innenstadt um einzukaufen. Da ich ein spezielles Medizinbuch für mein Studium in der Buchhandlung Junius bestellt hatte, führt mein erster Weg dorthin. „Hallo Frau Harnisch, auch wieder einmal in der Stadt“, begrüßt mich sehr freundlich die Verkäuferin, welche ich schon sehr lange kenne. Ich glaube sie war schon vor 20 Jahren in dem Laden, als ich dort mit Anna einkaufte. Damals konnte ich kaum laufen und aufgrund ihrer Aussage kam ich mir heute fast wie Harry Potter vor, als ihm der Händler sagte, dass auch seine Eltern ihre Zauberstöcke bei ihm gekauft haben und das sei doch erst gestern gewesen.

 

Wir unterhalten uns kurz und sie erzählt mir von Gabi Harnisch, einer Cousine meiner Anna. Gabi ist so alt wie Anna und hatte dort im Laden während ihres Studiums gearbeitet. Jetzt lebt sie in Krefeld und ich mit einem Mathematiker namens Gregor verheiratet. Eigentlich sollte Gabi damals auf den Wunsch ihrer Eltern Opernsängerin werden, aber das sind so Wunschträume unserer Verwandten. Stets kommt es anders als man denkt.

 

Wir verabschieden uns sehr freundlich und ich laufe rechts und anschließend linkis durch das Rundhöfchen. Das ist eine der ältesten Straßen in Gelsenkirchen. Hier stand seinerzeit der alte Stadtkern der mittelalterlichen Stadt.

 

Seltsam, ich rieche Blumenduft, aber nicht frische Blumen, sondern vielmehr den Geruch von Kränzen, so wie es auf einem Friedhof riecht. Die evangelische Altstadtkirche lasse ich rechts liegen und laufe vorbei am Sparkassenhaus. Dort war viele Jahre lang ein Fotoladen gewesen. Anna hatte dort als Kind schon mit Opa Willi eingekauft und bis vor 1 Jahr war immer noch der gleiche Verkäufer dort, genauso wie damals als Anna noch ganz klein war. Hansel Amsterdam hatte 1956 dort seine Ausbildung zum Verkäufer begonnen und es in den Folgejahren bis zum Aufsichtsrat und Gesamtgeschäftsführer einer großen Handelskette gebracht. Der Zufall wollte es, dass Hansel auch Rad fährt und in den letzten Jahren haben Anna und er sehr viele Radtouren unternommen, wenn Anna hier in der Nähe war. Anna bezeichnet Hansel Amsterdam als einen ihrer besten Freunde, vor allem auch deswegen, weil die beiden schon zusammen fuhren, als es noch den Andreas gab. Hansel ist Anfang 60 und ist letzten Jahr aufgrund der Firmenschließung arbeitslos geworden. Kurz darauf erkrankte er, aber keiner wusste warum und weshalb.

 

Ich erledigte noch meine restlichen Einkäufen und fuhr dann zu meinen Schwiegereltern nach Buer. Heute Abend werden auch meine Eltern erwartet, da an diesem Wochenende in Annas katholischer Heimatgemeinde Pfarrfest ist. Anna hatte versprochen auf dem Fest zu helfen und außerdem wollte sie auch Oma Lisa aufsuchen, welche in diesem Ortsteil lebt. Ein weiterer Grund war ein Gerichtstermin vor dem Sozialgericht Gelsenkirchen, wo Anna wegen ihrer Annerkennung als Schwerbehinderte klagte. Der Doc in Münster hatte 50 % vorgesehen, das Versorgungsamt wollte jedoch nur 30 % gewähren.

 

Gegen 18:00 Uhr treffen meine Eltern ein. Anna steigt gerade aus dem Wagen aus, als ihr Handy klingelte. „Hallo, Hier ist Hans-Michael Amsterdam, wie sieht es mit morgen aus“, wollte der Anrufer wissen. Anna erzählte Hansel von ihrer Mithilfe beim Pfarrfest, aber sie können um 8:00 Uhr zur Radtour nach Mönchengladbach aufbrechen.

 

„Wenn Du Lust hast, komm doch mit Rabea, ich würde mich sehr freuen“, sagte Anna zu mir, als das Gespräch mit Hans-Michael beendet ist. Ich sagte gerne zu, da ich schon des öfteren mit den beiden eine Radtour unternommen hatte und freute mich riesig auf den morgigen Tag.

 

Am anderen Tag treffen Anna und ich, Hans-Michael vor dem Altenheim von Oma Lisa. Hansel wohnte nicht weit davon und so bot sich dieser Treffpunkt an. Mit den Autos fahren wir nach Mönchei. Als wir dort ankommen, gingen bereits die ersten Radsportler auf die Tour, offenbar lies der Veranstalter eine frühere Startzeit zu. Umso besser, da wir Mittags zum Pfarrfest wollten, sollte es uns recht sein.

 

Anna wollte heute nur eine 70ziger Tour fahren und Hans-Michael war es recht. Zu dritt fuhren wir los, Findelkind-Tour, so heißt diese RTF. RTF steht für Radtouren-Fahrt.

 

Vor Jahren war dort ein Kontrollfahrer aus Oberhausen so schwer verunglückt, dass er über 10 Stunden operiert werden musste. Er missachtete die Vorfahrt eines PKW, da er aufgrund des noch nicht abgeernteten Mais nichts sehen konnte. Früher war diese Tour im August,  wurde dann jedoch in den Frühsommer verlegt. Es sah nach Regen aus. In der Region rund um Aachen sieht es zappenduster aus. Die große Tour von 151 Kilometern geht rund durch den Selfkanft, das ist ein Zipfel Deutschlands, welcher von den Niederlanden umgeben wird.

 

Unsere Tour geht jedoch nur bis Wegberg und dann über Waldniel wieder zurück nach Mönchengladbach. Immer noch trocken, trotz verdunkeltem Himmel, erreichten wir die 2. Kontrollstelle in Niederkrüchten. Vo hier aus ist es nicht mehr weit, nur noch 20 Kilometer. Als wir Viersen passierten überholte uns Kurt, ein Radsportler aus Düsseldorf. „Hallo Anna, lange nicht gesehen“, Kurt und Anna kennen sich auch schon sehr lange. Kurt ist jetzt Pensionär, früher war er im Sanitätsdienst tätig. Eine Zeitlang fahren wir in dieser Konstellation weiter. Plötzlich rieche ich wieder diesen Geruch von Blumen, Kränzen etc. Mich erschauert. Erst in der Nähe von Hans-Michaels ehemaligem Laden, jetzt im Beisein von ihm hier. In kurzer Zeit erreichten wir das Ziel in Hardt. Hansel wollte uns ein Getränk ausgeben, konnte aber in seiner Brieftasche das Geld nicht abzählen. „Macht das bitte für mich“, mit diesem Worten reichte er mir seine Geldbörse. Irgendwie seltsam. Hansel war früher Sportler gewesen, Bergsteiger, Langstreckenläufer, usw. Offenbar war er etwas von der Rolle.

 

Anna und ich fahren auf dem Heimweg vor. Hansel hatte in den letzten Jahren Orientierungsprobleme und da Anna sich sehr gut auskennt, fuhr sie meisten vor, wenn die beiden eine Tour unternahmen.

 

Gegen Mittag waren wir wieder in Gelsenkirchen. Anna und ich gingen zum Pfarrfest der Herz-Jesu Gemeinde. Auf der Festwiese war einiges los. Spielstände und Kinderkirmes luden die kleinen Besucher und deren Eltern ein. Der Hausherr, Pfarrer Lindemann, kam auf uns zu. „Frau Harnisch, ich freue mich Sie hier zu sehen, wie geht es Ihnen und Ihren Kindern“. Der Pastor kannte Anna aus früheren Zeiten als Mann und akzeptierte sie voll uns ganz in ihrer neuen Rolle. Die beiden unterhielten sich kurz, ich schlenderte derweil über die Festwiese. Jedes Jahr waren wir hier gewesen und der Flipper der katholischen Arbeitnehmer-Bewegung tat noch immer seinen Dienst. Seinerzeit wurde er aufgrund eines Planes unserer Anna gefertigt. Früher hatte ich auch sehr gern an dem Teil gespielt und die rollende Kugel hatte mich als kleines Kind faziniert. 

 „Die Kugel muss rollen“, rief Adalbert den spielenden Kindern zu. „Hallo Andreas“, rief er dann Anna zu. Anna lachte, dennoch war sie Adalbert nicht böse, dass sie beim alten Namen gerufen wurde.

 

Bis gegen 18:30 Uhr sind wir auf dem Pfarrfest, besuchten abschließend den Gottesdienst und fahren dann nach Buer. Am Abend erzähle ich Oliver von den Ereignissen und erwähne auch den Blumengeruch. Seltsam, meinte auch mein Oliver.

 

Am Sonntag morgen warten wir am vereinbarten Treffpunkt auf Hansel Amsterdam. Wegen des Pfarrfestes wollten wir eine Sternfahrt zum Baldeney-See machen, wo heute eine RTF stattfand. Mit einer Verspätung von einer ½ Stunde kam Hansel. Er hatte seine Trinkflasche vergessen. Wir überlegten kurz und Anna meinte, dass wir über Ückendorf nach Essen fahren könnten, da könne Hansel noch seine Trinkflasche daheim abholen. Wir machten uns also auf den Weg nach Ückendorf.

 

Als wir an der Thomas Morurs-Kirche vorbeifahren erzählr uns Hansel, dass ein Arzt ihm verboten habe, Rad zu fahren, auch Auto solle er nicht fahren. Seine Frau, sie ist Lehrerin, sowie sein Sohn wollten ihn entmündigen lassen, ihm der alles aufgebaut hatte, für seine Familie lebte und seinem Sohn die Pilotenausbildung ermöglichte. Hansel war zu einem anderen Arzt gegangen, dieser habe ihm bestätigt, dass er völlig klar sei und auch mit Tempo 200 über die Autobahn fahren könne. Von dem Herzinfarkt im letzten Jahr, erfahren wir erst jetzt.

 

Daher also der mangelnde Orientierungssinn. Hansel kam damals aus dem Winterurlaub zurück, als er erfuhr, dass seine Firma in Insolvenz ist. Das war anscheinend der Auslöser für den Infarkt gewesen. Hansel ist ein Arbeitstier und kann nicht ruhig zusehen.

 

Über Ückendorf, die Neustadt fuhren wir zum Mechtenberg, welcher Gelsenkirchen und Essen trennt. Eigentlich kein Berg, denn dieser Hügel ist nur 99 Meter hoch, demnach also kein Berg.

 

Kurze Zeit später, wir fahren gerade durch Essen-Kray, bemerkt Hansel, dass sein Reifendruck nicht ausreichend sei. Wir halten an, Hansel versucht sich mit seiner Luftpumpe, welche jedoch ihren Dienst versagt. „Wir sind gleich im Start-/Zielbereich“, meint Anna, da es bis zum Annental in Essen-Rellinghausen nur noch ca. 6 Kilometer seien. Nachdem wir in Steele die Ruhr erreichten benutzten wir einen Radweg, entlang der Uhr. Hansel fuhr vor, wir riefen ihn an, dass wir an der zornigen Ameise den Radweg verlassen müssten, Hansel fuhr jedoch immer weiter. Anna erreichte Hansel und stoppte ihn, zurückfahren wollten wir nicht, also vorwärts, Anna kennt sich hier aus. In der Nähe des Stadtwald-Platzes verließen wir den Radweg und fuhren 3 Kilometer zurück zum Annental. Dort treffen wir Wolfgang Metzger, nebst Tochter Ulla und Willi, alle drei aus dem Radsportverein von Hansel.

 

 „Sieht man Euch beide auch wieder einmal“, meinte Wolfgang zu uns. „Und wieder mit den eckigen Fahrrädern, ein Rahmen muss rund sein, ihr mit euren bunten Zirkusrädern“.

 

Anna und ich fahren Räder von Colnago, welche ein tolles Design haben, aber Wolfgang ist nun mal so. Ein anderer Radsportler hatte Wolfgang vor Jahren einmal als „garstigen alten Mann“ bezeichnet.

 

Die Tour geht durch den Schellenberg Wald nach Heisingen und Kupferdreh und dann nach Neviges. Kurz vor Neviges überqueren wir einen Bahnübergang. Vor uns stürzt dort gerade ein Kind. Genau an dieser Stelle ist Hansel letztes Jahr bei einer Tour aus Mettmann gestürzt. Anna hatte ihn noch gewarnt, aber der Bahnübergang ist tückisch. Die Kontrollstelle ist in Neviges. Dort treffen wir auch Ulla, ihren Vater, sowie Willi wieder. Wolfang gibt seine Luftpumpe an Hansel, welcher sich sofort an die Arbeit macht, seinen Hinterreifen aufzufüllen. Er hat normalerweise genug Luft, aber Hansel ist groß und wiegt über 100 kg.

 

Nachdem wir Neviges hinter uns gelassen hatten, muss eine Baustelle überquert werden. Wir steigen sicherheitshalber ab, Hansel fährt durch das Geröll. Die Tour geht dann weiter nach Wuppertal und Obersprockhövel. An einem Anstieg müssen wir auf Hansel warten, er blieb immer zurück.

 

Irgend etwas stimmte nicht.

 

Wir überholten auch Heinz Rosner aus Oberhausen. Heinz ist derjenige, welcher vor Jahren bei der Findelkind-Tour in Mönchenglabach schwer verunglückt war. Damals hatte ihn Anna in der Klinik besucht und ein gelbes großes Gummibärchen von 30 cm Höhe mitgebracht. Gelb deswegen, weil sein Radsportverein Blau-Gelb Oberhausen ist. Anna wäre nach so einem Unfall nie wieder Rad gefahren, aber Heinz kennt nichts anderes. Zusammen mit seinem Bruder Klaus und ihrem Vater Willi, sind sie bei jeder Tour in NRW anzutreffen.

 

Gegen 12:30 Uhr erreichten wir wieder das Ziel im Annental. Hansel gab seine Startkarte ab. „Das ist aber nicht die richtige Karte“, meint die Damen an der Anmeldung. Hansel hatte die Karte vorn gestern herausgenommen. Total durcheinander, bemerkten Anna und ich. Anschließend reicht uns Hansel wieder seine Brieftasche, um Getränke zu bestellen, welches ich erledige.

 

Gut 20 Minuten später waren wir schon wieder in Gelsenkirchen. An der Shell-Tankstelle an der Hattinger Straße trennen wir uns von Hansel, welcher nun nach Ückendorf fährt..

 

Als wir uns trennten wussten wir noch nicht, dass wir ihn hier das letzte Mal sahen.

 

Den Nachmittag verbringen Anna und ich wieder auf dem Pfarrfest. Diesmal begleitet mich Oliver. Gemeinsam haben wir noch einen schönen Nachmittag und lassen diesen gemütlich im Weinzelt ausklingen.

 

Anna verließ am anderen Morgen Gelsenkirchen, da sie in Richtung Sachsen aufbrach. Am kommenden Dienstag musste sie wieder in Dresden sein, wo sie ein Projekt in einer Transfair-Gesellschaft durchführt. Bei diesem Projekt geht es um die Umsetzung von Personal einer Supermarktkette, welche Filialen aufgibt. Diese Umsetzung wird heutzutage auch unter der Bezeichnung Outplacement bezeichnet. Hierbei werden Human Resssources, anders eingesetzt, auf gut deutsch, es werden Ersatzarbeitsplätze für freigesetzte Mitarbeiter gesucht.

 

Wir verabschieden uns, da wir der Meinung sind, uns einige Wochen nicht mehr zu sehen. Wir hatten noch viel vor und vor allem alle Zeit der Welt, so meinten wir.

 

 

Am nächsten Mittwoch erhielt Anna einen Anruf auf dem Handy aus Gelsenkirchen. „Hallo Frau Harnisch, Amsterdam hier, nicht der Hansel, sondern sein Bruder. Ich möchte ihnen mitteilen, dass Hansel tot ist, bevor sie es in der Zeitung lesen. Er hatte einen Autounfall, Herzinfarkt und sofortiger Tod. Das Fahrzeug nahm noch 2 Bauarbeiter mit und führ führerlos gegen eine Ampel und ein anderes Auto. Sie sind immer beide zusammengefahren und da wollen wir es Ihnen vorab mitteilen“.

 

Es war Hans-Michaels älterer Bruder, welcher beim Bistum Essen arbeitete, jetzt aber Pensionär ist. Auch er war schon mit uns Rad gefahren, u.a. erinnere ich mich an eine Radtour in Mülheim, welche ziemlich bergig war.

 

Anna war gerade dabei Arbeitsplätze zu organisieren, als der Anruf kam. Sie rief direkt bei mir an, anschließend beim Bernd dem ehemaligen Vorsitzenden des Radsportvereines, wo Hansel Mitglied war. „Anna, mit Hansel hat Du deinen besten Freund verloren“, meinte Bernd am Telefon zu Anna. Bernd hatte zwar etwas in der Zeitung gelesen, wusste jedoch nicht, dass es sich bei dem 62-jährigen Fahrer um Hansel handelte.

 

Anna war total durcheinander. Der Verlust ihres Arbeitsplatzes, welches dem Dekan Rohmann zu verdanken war, der Termin beim Sozialgericht, welcher leider auch keinen Erfolg brachte und jetzt das.

 

 

Am kommenden Samstag findet das Seelenamt und die Beisetzung statt. Anna wollte in ihrem Radsportverein in Münster-Roxel bei der RTF helfen, sagte diesem Termin jedoch ab. Um 8:00 Uhr treffen wir uns in Ückendorf vor dem Blumengeschäft. Anna und ich gehen in den Blumenladen. Die Verkäuferin, Erika, ist eine alte Schulkameradin von Anna, welche jedoch von Annas Metamorphose über den Radsport erfahren hatte, da sie mit Hermann aus Herne liiert war.

 

 „Du willst Blumen für die Beerding vom Hansel“, sprach sie Anna an. Rote Rosen, nein, aber gelbe sind angemessen. Anna nimmt die Blumen entgegen. Wir legen sie auf den Hintersitz ihres Sportwagens.

 

Langsam gehen wir in Richtung Thomas-Morus Kirche. Wir sind einige der ersten und nehmen im hinteren Bereich Platz. Nach und nah füllt sich der Gottesraum. Die Radsportkollegen vom Hansel, Bernd, Jürgen, Willi, Wolfgang Metzger usw. sitzen in der Bank vor uns. Der Pfarrer berichtet über das Leben von Hansel, welcher die Natur liebt, Sport trieb und für seine Mitmenschen da war, wenn er gebraucht wurde.

 

Nach der Messe gehen wir zum Friedhof, Anna holt die gelben Rosen aus dem Auto, welches vor dem Blumenladen steht.  Gegenüber ist der Südfriedof.

 

Wir warten vor der Trauerhalle, es regnet, Anna spannt ihren Stockschirm auf und gemeinsam warten wir. Bernd kommt, ihm ist unwohl, Beerdigungen sind nicht sein Fall. Die Trauergemeinde mehrt sich. Wir erkennen Hansels früheren Chef, eigentlich nicht der Chef, das war Hansel, sondern der Junior, der bis heute nicht erwachsen wurde, aber eine Rolex am Handgelenk trägt und nichts kennt außer seiner CDU. Die Kränze werden herausgebracht, auf dem Wagen befestigt. Der Pfarrer erscheint, nach ihm die Sargträger. Der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Frau Amsterdam hat eine Gruft an einem Hauptweg gekauft.

 

Die Beisetzung erfolgt, auf einmal ist Bernd verschwunden. Der an sich so starke Mann, kann Trauer nicht ertragen. Auch Willi ist unwohl, er steht neben mir und zwar das letzte Mal im Leben auf dieser Welt.

 

Wer hätte heute gedacht, dass dieser Radsportverein am nächsten Samstag schon wieder eine Beerdigung hat und einer der heutigen Trauergäste beigesetzt wird.

 

Nach und nach treten die Trauernden ans Grab. Anna wirft die gelben Rosen in die Gruft. „Farewell, guter Freund, wir wollten noch viele schöne Radtouren machen“, Anna weint.

 

Wir treten zu seiner Witwe und deren Sohn. „Frau Harnisch, ich möchte Ihnen danken, dass Sie mit Hansel in den letzten Jahren so viel unternommen haben, das hat ihn aufgebaut, er hat immer so schön von Ihnen gesprochen.“

 

„Auch ich muss ihm danken, er kannte beide Personen in mir, den Andreas und die Anna und hat immer zu mir gehalten und meine Transsexualität hat uns nicht getrennt“.

 

Langsam gehen Anna und ich zum Ausgang. Anna weint noch immer.

 

Meine Schwester heißt Cassandra. Bin nicht eigentlich ich Cassandra, die Seherin, ich denke dabei an die vergangenen letzten 10 Tage. Als angehende Ärztin soll ich neutral sein, nüchtern, aber gibt es nicht so etwas wie eine Vorahnung, Ich denke an den Blumenduft, den Duft von Kränzen.

 

 

Nachruf auf einen guten Freund und Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft.

 

Wir schreiben den 26. Juni 2004. Die geschlechtsanpassende Operation im Klinikum Osnabrück ist für meine Mama gut verlaufen. Sie hatte zwar anfangs leichte Entzündungen, welche aber zur Normalität gehören dürften. Auch die Nach-Operation, welche im Regelfall immer 6 Wochen nach der Erst-OP erfolgt ist gut verlaufen und Anna ist nunmehr seit Ostern wieder fit und beginnt langsam damit wieder Rad zu fahren. Seitdem hat unsere Anna schon einige Touren hinter sich. Dieses Jahr will unser Verein in Münster eine Damenmannschaft melden und da möchten natürlich wir beide die Erstplatzierungen bekommen. Da Anna seit fast einem Jahr wieder in Münster lebt, stellt dieses natürlich Probleme für unsere Familie dar. Ich wohne in Köln und der Rest von uns noch in Hoyerswerda, aber Daniela kommt fast jedes Wochenende nach Münster, sofern Anne nicht in den Osten fährt.

 

Es ist wiederum Pfarrfest in der ursprünglichen Heimatgemeinde meine Anna in Gelsenkirchen. Letztes Jahr hatten Anna und ich gemeinsam 2 Touren in Mönchengladbach und Essen gefahren. Damals war Hansel Amsterdam noch dabei, wie ich im letzten Kapitel beschrieben hatte, waren diese Touren seine letzten.

 

Anfangs wurde Hansel vermisst, da er stets mit unserer Anna gefahren ist. Anna hatte erst Schwierigkeiten wieder Rad zu fahren. Es war immer ein Gefühl der Sicherheit gewesen, wenn Hansel bei ihr war. Nicht dass sie nicht alleine fahren könnte, aber bei einem Platten ist es doch gut „Jemanden“ dabei zu haben, denn unsere Anna ist zwar technisch hoch spezialisiert, jedoch haben ihre Kräfte nachgelassen und sie braucht für einen Reifenwechsel am Rad ca. 20 Minuten, während anderes es in 5 Minuten schaffen.

 

Wir sind heute in Dortmund und fahren über Nordbögge, Hamm, Unna wieder nach Dortmund zurück. Nur eine 112er Tour, den Anna will wiederum beim Pfarrfest helfen und sie möchte am späten Mittag wieder in Gelsenkirchen sein. Letztes Jahr war diese Tour eine Woche früher, Hansel war bei uns und ich erinnere mich, dass er an der letzten Kontrolle in Kamen sehr ermüdet war.

 

Der Wetterbericht hatte Gewitter und Hagel angekündigt. Wir haben unsere Regenjacken dabei. Anfangs ist es sonnig und wir hoffen, trocken ins Ziel zu kommen. Leider schaffen wir dieses nur bis zur letzten Kontrolle. In Höhe des Kamener Kreuzes kommen wir in einen heftigen Schauer. Regenjacken an und weiter. Einige Radsportler, u.a. Antonius aus Münster stellten sich an Haltestellen unter. „Fahren wir weiter“, meinte Anna, „Es wird gleich heller“.. Wir haben Glück, als wir in Kamen am Schering-Werk vorbeifahren, ist es wieder trocken, sehr warm, fast heiß. Nach gut 106 Kilometern erreichen wir das Ziel, verstauen unsere Räder in Annas Auto und gehen zum Startzielbereich. Mittlerweile ist es wieder dunkel geworden und gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Auto. Ein noch heftiger Sturm, sehr viel Hagel, usw, begleitet uns auf der BAB 42 fast bis Herne. In Gelsenkirchen angekommen ist es wieder trocken.

 

Während der ganzen Tour musste ich an Hansel denken, ich denke Anna erging es ebenso. Nachdem wir uns bei meinen zukünftigen (fast) Schwiegereltern (Oliver und ich heiraten in 5 Tagen im Kloster Gerleve) umgezogen haben, besuchen wir das Pfarrfest. Oliver begleitet uns hierbei.

 

Am 1.Juli 2004 werden wir heiraten. Genau an diesem Tag vor 23 Jahren haben meine Eltern auch in Gerleve geheiratet.. Damals war Pfarrer Lindemann aus Gelsenkirchen der Priester. Bei uns wird es Pfarrer Höfer sein. Sein Nachfolger, denn Pastor Lindemann ging 2003 in den einstweiligen Ruhestand nach Höxter. Wie oft ist Anna in den letzten Jahren mit dem Rennrad den Klosterberg hinaufgefahren, wie oft wurde sie dabei von Hansel Amsterdam begleitet. Ich erinnere mich noch an unsere Familienradtour zum Longinus-Turm, welcher 2 Kilometer entfernt liegt. Was ist seither alles passiert ?

 

Aber bis es soweit ist, liegt morgen noch ein Radmarathon vor uns. Anna will diesen unbedingt fahren und ich habe zugestimmt, sie zu begleiten. Am 1.7.2004 werde ich Olivers Frau sein. Ich hatte mir überlegt einen Doppelnamen zu nehmen, habe mich aber dann doch entschieden Harnisch beizubehalten. Meine Kinder werden Olivers Namen tragen. Großvater Vaclav würde sich freuen, dass der Name Harnisch noch etwas erhalten bleibt.

 

Der Lauf der Welt, Hansel verstarb an diesem 1.7. Ein Jahr später beginnt an diesem Tage für mich ein neues Leben, ein neues Leben, so wie Anna es jetzt führt ?

 

Außerdem bin ich an diesem Tage seit 3 Jahren bei der Bundeswehr, Leutnant weiblich und zum Studium freigestellt. Offenbar ist der 1.7. immer in unserer Familie ein ganz besonderes Datum.

 

Wir freuen uns auf unsere Bauernhochzeit. Für das Bauernfest nach der Trauung in der Scheune von Bauer Hellwig, hat mir Daniela ihr Kleid geschenkt, das Kleid, welches sie am 1.7.1981 an eben diesem Ort getragen hatte.

 

Aus Rabea, hebr. dem Mädchen (arab. der Frühling), wird eine Frau werden.

 

Inschallah.

 

Eure

ﺭﺒﻴﻌﻪ

 

  

Schatten der Vergangenheit

 

Wir schreiben das Jahr 2005. Gemeinsam mit meinen Eltern verbringen Oliver und ich (seit nunmehr fast einem Jahr verheiratet) unsere Semesterferien in Italien. Anna und Daniela begleiten uns, da Anna im letzten Jahr keinen Urlaub bekommen konnte und ihn auf dieses Jahr verschieben musste. Unsere kleine „Cassandra“ wird derweil von meinem Bruder Claudius und seiner Frau betreut. Wir haben uns als Ziel Rom ausgewählt.

Das Land der Trulli, der weißen, runden Häuser, ganz im Süden von Italien gelegen, war unser erstes Ziel. Angela Mirnas Schwiegereltern wohnen hier, Angela hat dort auch ihr Haus, in welchem wir eine Woche wohnen durften. Im letzten Jahr war ihr ältester Sohn Daniele mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. Daniele wurde in der Familiengruft der Mirnas, hier im Süden, im Mezzo Giorno, beerdigt. Von Haus der Mirnas erreicht man den Friedhof des kleinen Ortes durch langgezogene Olivenhaine. Angela und ihr Ehemann Bruno haben den Tod ihres Ältesten noch immer nicht verkraftet. Im Flur ihres Hauses in Pirna steht ein kleiner Altar, mit Danieles Bild und einer Kerze davor.

Uns stockt der Atem, als wir vor der Mauer der Familiengruft stehen. Die Kammer von Daniela wird nicht wieder neu belegt, dies hat Großvater Mirna festgelegt. Die Großeltern sind Mitte Achtzig und werden wahrscheinlich nie wieder nach Deutschland zu ihren Kindern reisen. Im vorletzten Jahr hatten wir sie dort kennen gelernt. Es war der Tag, an dem Saddam Hussein gefangen genommen wurde. Sie sind sehr nett zu uns und beschenken uns reichlich mit Produkten des Landes, als wir nach einer Wochen Aufenthalt unsere Weiterreise nach Rom antreten.

Die ewige Stadt fasziniert uns alle, das Collosseum, der Vatikan, der Brunnen di Trevi, sowie die anderen Baudenkmäler vergangener Zeiten. Augenblicklich ist die Stadt jedoch total überlaufen, da sehr viele Pilger wegen des verstorbenen Papstes Johannes-Paul II nach Rom gekommen sind.  

Wenn ich zurückdenke, solange ich lebe, gab es nur diesen einen Papst. Anna hat ihn 2 x gesehen, bei seinem ersten Besuch in der Bundesrepublik in Köln als Studentin und dann im Mai 1987 in Gelsenkirchen. Wir besitzen noch eine Video-Kassette von der Messe aus dem Parkstadion in Gelsenkirchen. Damals war ich gerade 4 Jahre alt und der Papst in Rom war für mich als kleines Mädchen wirklich weit, weit entfernt. Anna war jedoch von seinen Besuchen sehr fasziniert. Im Laufe der Zeit hatte sich dieses etwas verändert, da Johannes-Paul II in eineigen Dingen eine sehr scharfe Regie führte, aber das haben in der Bundesrepublik Deutschland viele Gemeinschaften gespürt. Lag es wirklich an ihm, dem in den letzten Jahren schwer gealterten Papst, war er nach 27 Jahren betriebsblind geworden, immerhin dauerte sein Pontifikat sehr lange und in der Rangfolge der Päpste liegt er hierbei auf Platz 3. Lag sein Verhalten, an seinen Beratern? Wir wissen es nicht und werden es nicht erfahren. Eines ist jedoch sicher, dass der verstorbene Papst in der gesamten Welt anerkannt und geachtet war, wie keiner seiner Vorgänger.

 Meine Geschwister und ich kannten jedoch nur diesen Papst, genauso wie viele gleichaltrige junge Leute in der ganzen Welt.

 Wer wird sein Erbe antreten, was nicht einfach sein wird. Wird es sein Berater, Kardinal Josef Ratzinger sein? Der Kardinal ist als „Hardliner“ bekannt und stößt, obwohl er Deutscher ist, in seinem Heimatland auf zwiespältige Gefühle.

 Der Kardinal wird das Konklave leiten und zelebriert auf die heutige Beisetzungsmesse, an der wir alle teilnehmen wollen. Daher machen wir uns schon früh um 4:00 Uhr morgens auf den Weg zum Petersplatz. Unser Hotel ist zwar nur 10 Minuten Fußweg entfernt, wir hatten Glück, dass wir schon lang vorher gebucht hatten, Hotels sind augenblicklich Mangelware und die Preise für die Zimmer explodieren.

Uns durch eine Menschmenge schlängelnd erreichen wir jedoch unser Ziel und haben sogar einen Sitzplatz im „mittleren“ Bereich bekommen. Von unserem Platz aus blicken wir direkt auf den Petersdom. Dort ist der Altar errichtet, vor welchem im Laufe des Vormittags der Sarg des Papstes aufgestellt wird. Es ist auf den ersten Blick ein sehr einfacher Sarg, bestehend jedoch aus Zedernholz.

Es ist noch etwas zugig, Anna, Daniela und ich haben dunkelblaue Kleider gewählt, dazu jeweils 1 Stola. In Südeuropa darf eine Frau nicht unbedeckt eine Kirche betreten und der Platz hier, ist heute die Kirche. Ein leichter Wind zieht auf und die Reihen füllen sich stetig. Hubschrauber landen in der Nähe des Petersdomes. Die ersten Politiker treffen ein. Der amerikanische Präsident nebst Gattin, die deutsche Delegation, bestehend aus Bundeskanzler Schröder, Außenminister Fischer, Angela Merkel und einigen anderen.

 

Die hl Messe beginnt und wird zelebriert von Josef, Kardinal Ratzinger. Ein sehr nett wirkender, älterer Herr, der sich jedoch in den letzten Jahren als Hardliner betätigte und sich in diesen Namen verdiente.

 

Etwas Wind kommt während der Messe auf und die hl Schrift, welche auf dem Sarg von Johannes-Paul II liegt, wird mehrfach umgeblättert.

 

Das ganze ist äußerst feierlich, meine Familie und ich sind von diesen Ereignissen sehr bewegt und werden sie sicherlich nicht vergessen, genauso wenig, wie Anna das Abschlusslied aus dem Parkstadion  nicht vergessen wird. Es lautete „Einer hat uns angesteckt, mit dem Zeichen der Liebe“.

In den Mittagsstunden endet die hl. Messe damit, dass der Sarg mit dem toten Papst in die Kirche gebracht wird. Bei der Beisetzung in der ehemaligen Gruft Johannes XXIII sind nur Staatsgäste und kirchliche Würdenträger eingeladen. Johannes XXIII wurde nach seiner Seligsprechung in einen anderen Bereich umgebettet, welcher nur Heiligen oder Selig-Gesprochenen vorbehalten ist.

 

Durch die Menschenmenge bahnen wir uns einen Weg zum Hotel. Immer wieder hören wir die Rufe nach einer sofortigen Selig-Sprechung des Verstorbenen, was jedoch aus kirchlichen Gesetzen und geboten noch nicht sein wird.

 

 

Wir schreiben heute den 19.04.2005.In gut einer Wochen reisen wir zurück nach Deutschland. Es ist der 2. Tag des Konklave und viele rechnen damit, dass ein Kardinal aus Südamerika neuer Pontifex wird. Gestern sorgte der Rauch der Sixtinischen Kapelle für Verwirrung, da nicht klar erkennbar war, ob er weiß oder schwarz ist. Auch heute Mittag war es so der Fall. Für 19:00 Uhr wurden wieder Rauchzeichen erwartet.

 

Da wir uns nachmittags um 16:00 Uhr in der Nähe des Vatikans befanden, machten wir uns auf den Weg dorthin und erreichten den Petersplatz gegen 17:00 Uhr. Gegen 17:50 Uhr rauchte der Kamin wieder, erst schwarz, dann weiß.

 

War ein neuer Papst gewählt. Alle schauten gebannt auf den Schornstein. Menschen strömten auf den Platz. Allerdings soll nach einer Einlassung eines früheren Papstes auch die Glocken von St. Peter erklingen, doch diese blieben stumm.

 

Wir blickten zu dem Schornstein hinauf. „Es könnte einen deutschen Papst geben“, meinte Anna. Sie äußerte ihre Gefühle in Worte.  Allerdings ein Hardliner ? Gut oder schlecht, das sind so die Gedanken, welche uns durch den Kopf gehen. Wir sind streng katholisch, doch hat die katholische Kirche teilweise ihre Probleme mit unserer Anna. Nicht mir ihr persönlich, sondern mit dem was sie war und nunmehr ist.

Die Verwirrung steigert sich, bis kurz nach 18:00 die Glocken erklingen. „Habemus Papam“, murmelt Anna, nur wer wird es sein?

Alle schauen gespannt zu dem Fenster des Peters-Domes. Dort wird in ca. ½ Stunde der Ruf „Habemus Papam“ erklingen, auf Deutsch, „Wir haben einen neuen Papst“

Der neue Papst wird nun eingekleidet. 3 Gewänder in verschiedenen Größen liegen bereit, da ungewiss ist, ob der Papst klein oder groß sein wird. Wer nur wird es sein?

 

Es erscheint ein Kardinal am Fenster und auf dem benachbarten Balkon versammeln sich die Kardinäle.  Der Südamerikaner ist dabei, also er ist es nicht, ebenso sein Kollege aus Afrika.

 

Ein Kardinal erscheint, „Habemus Papam, seine Eminenz Josefus… wurde vom Konklave zum Nachfolger Petri gewählt und hat den Namen Benedikt XVI gewählt.“.

 

Es ist nun klar, seit 450 Jahren besteigt wiederum ein Deutscher den Papstthron. Kardinal Ratzinger erscheint im Fenster, er lächelt, ist erleichtert und wirkt ganz anders als ein eigentlicher „Hardliner“. Meiner Anna steigen Tränen in die Augen. Wir alle sind sehr bewegt. Irgendetwas am Erscheinen des Papstes erinnert an Oma Lisa, es ist die Augenpartie, welche ihr ähnelt. Eine Großmutter von Oma Lisa kam aus dem bayrischen Wald, vielleicht deswegen.

 

Wir lauschen gespannt den Worten des neuen Papstes. Benedikt ist sein Name. Anna und Daniela haben in einem Benediktiner-Kloster geheiratet, Oliver und ich auch. Benedikt gilt als der Bekehrer Europas und als großer Glaubensmann. Oder wollte er an Benedikt anknüpfen, welcher im ersten Weltkrieg Papst war?

 

 

Bewegt und frohen Mutes verlassen wir den Petersplatz und gehen zurück zum Hotel, wo wir fast bis Mitternacht vor dem Fernseher sitzen und erfahren müssen, dass sich in Deutschland nicht alle freuen. Aus der Regierung kommen entsprechende Stimmen, ähnliches auch aus den katholischen Sozialverbänden.

 

Wir sind schon ein komisches Volk.

 

 

Am 23. April 2005 findet die feierliche Amtseinführung statt. Es ist unser vorletzter Urlaubstag in Italien, in Rom, der Stadt am Tiber. Seit wir hier angekommen sind, was ist alles passiert. Die Beisetzung von Johannes-Paul II, das Konklave und jetzt die Amtseinführung Benedikts.

 

Früh morgens machen wir uns wieder auf den Weg zum Petersplatz, bekommen wiederum einen guten Sitzplatz und erleben das Ganze hautnah. Es sind nicht so viele Staatsgäste da, wie bei der Beerdingungsmesse. Die deutsche Delegation ist heute erweitert um die bayrische Landesregierung, welche natürlich ihren „Papst“ feiern wollen.

 

Wiederum erleben wir einen sehr liebenswürdigen Papst und Anna kommt zu dem Entschluss, dass Kardinal Ratzinger, jetzt Benedikt XVI nur Kraft seines bisherigen Amtes zum „Hardliner“ wurde. Kleider machen Leute und je nach dem ausgeübten Beruf, verhalten wir uns anders. Ich bin Soldatin, bekommen befehle, gebe Befehle an meine Untergebenen, Oliver wird einst als Anwalt hohe Haftstrafen fordern müssen, weil dieses von einem Juristen erwartet wird.

 

Andreas und Anna sind ein und dieselbe Person, dennoch verhält sich Anna anders als Andrea. Ähnlich wie bei Benedikt XVI, kam es zu der Gelöstheit, als ihre Papiere geändert wurden, auch nach ihrer geschlechtsanpassenden Operation in Osnabrück.

 

„Kleider machen Leute“, nicht nur bei dem armen Schneidergesellen Wenzel, welcher zum Graf avanciert.

 

 

8. Mai 2005 – Muttertag

 

Wir sind wieder in Deutschland angekommen. In Gelsenkirchen führt der Radsportverein vom Bernd seine alljährliche RTF “durch die hohe Mark“, durch. Um 7.30 Uhr  starten Anna, Oliver und ich in der Nähe der Schalke-Arena „Auf Schalke“. Es geht über Herten, Marl nach Haltern und weiter in die Gemeinden Reken und Heiden. Bislang haben wir Sonnenschein gehabt, welcher sich jedoch an der Kontrollstelle in Heiden blitzartig in Regen und Hagel ändert.  Wir fahren jedoch durch den Hagel, da am Horizont schon wieder ein blauer Himmel erscheint. Als wir die Molkerei der „de Lucias“ passieren, ist es schon wieder trocken, auch unsere Kleidung trocknet schnell. Vater De Lucia war ein Nachbar der Eltern Mirna in Apulien. Er kam Anfang der 60-ziger Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland. In Fröndenberg arbeitete er in einer Fahrradfabrik und produzierte Speichen. Abends stellte er für seine Familie und Freunde Mozarella her. Aus dem Hobby wurde später ein Beruf. 1973 kaufte er eine marode Molkerei in Heiden. Heute leiteten seine Kinder 2 große Fabriken in Heiden und Borken. welche  Mozarella, Ricotta und Mascarpone herstellen. Kunden sind alle großen Handelsketten, sowie Dr. Oetker und Wagner. Der Mozarella wird hier hauchdünn für das Belegen von Pizzen produziert.

 

Die Welt ist schon klein, Apulien und Heiden, sowie Hoyerswerda sind nur durch wenige tausende Kilometer getrennt.

 

Auch in Annas Familie war das so. Annas Großeltern mütterlicherseits kamen nach dem Krieg in den Raum Gießen zu einer Bauersfamilie. Nachfahren dieser Familie wohnen im gleichen Ortsteil in Gelsenkirchen, wo Oma Lisa gelebt hat und auch jetzt im Altersheim lebt. Wenn Uroma Anna in Gelsenkirchen war, hat sie immer diese Familie besucht. Die Verbindung ist nie abgerissen, auf Beerdigungen und Familienfesten treffen sich die Familien.

 

Ein weiterer Zufall. Der frühere Augenarzt von Anna aus ihrer Zeit in Gelsenkirchen kommt aus dem gleichen Ort in der Nähe von Gießen, wo unsere Urgroßeltern wohnten, unsere Großtante noch jetzt lebt und seine Eltern sind die direkten Nachbarn unserer Großtante. Anna kannte Hans-Henning schon aus Kindertagen, wenn sie bei den Großeltern, bzw. ihrer Tante zu Besuch war.

 

Während ich träume, passieren wir Wulfen und nähern uns der letzten Kontrolle in Lippramsdorf. Von dort sind es auf direktem Wege bis zum Ziel noch 18 Kilometer. Bernd steht an der Kontrolle. Anna hatte morgens schon kurz mit Bernd gesprochen. Während Sie sich unterhalten tritt ein Radfahrer zu ihnen. „Hallo, Sie waren doch bei der Beerdigung vom Vatter“. Anna blickt auf den jungen Mann, so um die Anfang 30. Er hat die blaue Jacke des Radsportvereins an und benutzt ein grünes Rennrad der Marke „Krabo“ (Krautscheid – Bochum). Es ist Hansels Sohn. Fast 2 Jahre ist der Verkehrsunfall vom Hansel Amsterdam schon her. Ein seltsames Gefühl beschleicht uns, Erinnerungen werden wach. Hansels Jacke, sein Rad und der junge Mann, welcher wie Hansel vor 35 Jahren aussieht.

 

Ich erzähle Michael Amsterdam von dem Buch und dem Nachruf auf seinen Vater. Er nickt nur zustimmend. Nach kurzer Rast fährt er weiter.

 

Nicht nur uns geht es so, auch Bernd und seinen Kollegen. Wir tauschen uns kurz aus, nachdem Michael Amsterdam gefahren ist.

 

„Ich hoffe nur, dass Du nicht zu schlecht über mich schreibst“, meint Bernd zu mir, schelmisch lächelnd.

 

Nicht nur wir sind nass geworden, auch die kürzeren Strecken waren voll im Hagel. Es fängt schon wieder an zu regnen und wir machen uns auch auf den Heimweg.

 

Nicht 18, sondern 27 benötigen wir, da der Verein noch einige Schleifen eingebaut hat. Die ganz lange Tour fahren wir nicht, von Gelsenkirchen hätten wir wieder zurück nach Dorsten fahren müssen, völlig durchnässt kommen wir im Ziel an. Allerdings wäre die letzte Kontrollstelle durch eine kleine Abkürzung leicht zu erreichen gewesen, wir hätten nur am Lippe-Kanal in Dorsten rechts fahren müssen und hätten 3 oder 4 Kilometer mehr gebraucht. Diese Kontrollstelle ist nur 3 Kilometer von der Bernd´s entfernt.

 

Im Zielbereich treffen wir Michael Amsterdam wieder. Einige Vereinsmitglieder wundern sich, dass er das Rennrad seines Vaters benutzte. Wir vermuten jedoch, dass er diese Radtour genutzt hat, um ein Andenken an seinen Vater zu setzen, da dieser lange Jahre Mitglied dieses Radsportvereins gewesen ist.

 

Dennoch, Erinnerungen wurden wach!

 

 

Am Freitag, dem 13. Mai 2005 gibt Pontifex Benedikt XVI in der Laterankirche Priestern und Diakonen die Einleitung des Seligsprechungsprozesses für den verstorbenen Papst Johannes-Paul II bekannt.  Die Seligsprechung ist in der katholischen Kirche die Vorstufe zur Heiligsprechung. Bis diese jedoch abgeschlossen ist, werden Monate oder gar Jahre vergehen.

 

Die Glocken von St. Peter sind Jahrhunderte alt und werden noch Jahrhunderte läuten. Die Glocken von Rom, sowie sie Heike Schäfer besingt.

 

18. August 2005 – ein Sommertag in Köln

 

In den letzten Tagen, welche sehr verregnet waren, und außerdem auch sehr kalt, hätte „frau“ das Lied von Rudi Carell erwartet, welches er 1975 gesungen hatte: „Wann wird´s mal richtig wieder Sommer“. Köln, Stadt der Heinzelmännchen, hatte sich in den letzten Tagen wirklich herausgeputzt, da Köln Austragungsort des 20. Weltjugendtages ist, an welchem Papst Benedikt XVI teilnehmen wird.

 

Meine Zwischenprüfung zur Ärztin habe ich erfolgreich hinter mich gebracht, immerhin habe ich schon 3 Jahre Studium hinter mir und die „Mitte“ ist überschritten. Wenn ich zurückdenke, was ist in den Jahren alles passiert: Mein Abitur, der Weg zur Bundeswehr, wo ich meinen heutigen Ehemann Oliver kennen und lieben lernte, der 11. September 2001, das Hochwasser im Osten, die Metamorphose meines Vaters Andreas zu meiner zweiten Mama Anna, meine Auslandseinsätze bei der Bundeswehr in Afghanistan und im Irak, der Tod des einzigsten Papstes, welchen ich kannte, sein Sterben im Frühjahr diesen Jahres, sowie das Konklave in Rom, zu welchem wir anwesend waren. Nun ist der neue Papst, der „deutsche“ Papst in Köln. Die Weltjugendtage wurden gestern durch den Tod von Frére Roger überschattet, welcher am vergangenen Dienstag während des Abendgebetes in Taize ermordet wurde.

 

Oliver und ich wohnen nicht sehr weit weg von St. Peter, generell 2 Kilometer trennen unsere Wohnung vom Herzen Kölns. Der Name St. Peter wird wenig verwendet, doch der Kölner Dom heißt so. Köln, das Rom des Nordens, wie es manchmal bezeichnet wird.

 

Heute Mittag hatten wir noch Oma Lisa in Gelsenkirchen besucht, machten uns jedoch rechtzeitig auf die Rückfahrt nach Köln. 80 Kilometer sind das und exakt 1 Stunde Fahrt, wenn wir gut durchkommen.

 

Allerdings werden wir am kommenden Sonntag wieder in Gelsenkirchen sein. Oma Lisa feiert dann ihren 81. Geburtstag. Auch meine Eltern werden kommen. Ich habe sie seit dem Frühjahr nicht mehr gesehen. Anna hatte Ende Juni des Jahren einen Unfall und brach sich ihr linkes Clavicula (Schlüsselbein). Die Knochen stehen auseinander, ein Rucksackverband wurde angelegt. In den letzten Wochen hat sich durch austretendes Knochenmark ein sogen. Kallus-Knochen gebildet, welcher die beiden Knochen zusammenbindet. Dies kann jedoch Folgen haben: schiefstehende Schulter, Gefühllosigkeit im Arm, langjährige Schmerzen und speziell im Alter erhebliche Probleme. Hoppla, da spricht die angehende Ärztin, kehren wir zum Tagesgeschehen zurück.

 

Köln gleicht im Augenblick einer Festung und ist weiträumig abgesichert. Dennoch kann Oliver unser Auto um 15:00 Uhr in die Tiefgarage unseres Apartments  fahren.

 

Kurz in die Wohnung und dann machen wir uns zu Fuß auf um den Roncalli-Platz  zu erreichen. Gegen 15:45 Uhr kommen wir dort an. Wir hatten erwartet, dass hier mehr los ist, aber die Jugendtagsbesucher haben sich wohl verteilt, wir finden einen guten Stehplatz gegenüber dem Sitz des Erzbischofs, welcher vom Dom herausgeschafft wurde, um als Sitz des Papstes zu dienen.

 

Papst Benedikt XVI befindet sich zurzeit auf einem Katamaran der Köln-Düsseldorfer (gehört zur Reederei Deilmann, welche u. a. Rhein, Elbe, Loire usw. befährt).

 

Gegen 18.30 Uhr erreicht die Delegation des Papstes, Kardinäle, Bischöfe und Ehrengäste die Dom-Platte. „Benedetto, Benedetto“, erschallen die Jubelrufe über den Platz, welcher mittlerweile gefüllt ist, Jugendliche, Erwachsene aller Nationen, kirchliche und weltliche Flaggen wehen über der Dom-Platte.

 

Der Papst besucht zuerst den Dom, in welchem er von Kardinal Meissner begleitet wird. Anfang der 60-ziger Jahre hatte er in Bonn gelehrt und wurde vom damaligen Kardinal Frings gefördert, welcher ihn auch zum II. vatikanischem Konzil mitnahm. Hier begann die kirchliche Karriere des Herrn Ratzinger jetzigen Papst Benedikt XVI. Der Papst lernte hierbei auch den späteren Bischof von Essen Hubert Luthe kennen.

 

Nach gut einer ½ Stunde kommt der Papst wieder aus dem Dom heraus. Beifall ertönt durch die Reihen, die Menge jubelt ihm zu. Kardinal Meissner ergreift das Wort: „1-2-3-Finis“. Die Menge ist ruhig. Der Kardinal begrüßt den Papst offiziell. Wieder wird es in der menge lauft und Kardinal Meissner muss sich wiederum mit den Worten: „1-2-3-Finis“ Ruhe verschaffen.

 

Ein Medientechniker rückt das Mikrofon zum Papst. Dieser erhebt sich uns tritt ans das Mikro. Er wirkt gelöst, so wie wir ihn damals in Rom nach seiner Wahl erlebten. Seine Augen strahlen, es sind wiederum die gleichen, welche uns heute Nachmittag aus Oma Lisa´s Gesicht anblickten. Die gleichen Augen und doch nicht, jedoch stammt eine meiner Ur-Ur-Großmütter aus dem gleichen Ort bei Regensburg.

 

„1-2-3-Finis“, spricht der Papst durch das Mikro. Die Menge ist ruhig, fast totenstill ist es in der Stadt. Er lächelt in seiner Art, so wie wir ihn seit dem Frühjahr her kennen. Der gütige, alte Mann, nicht mehr der Hard-Liner, welcher er früher war.

 

„Der Strom gibt Weltoffenheit, in dieser Stadt leben seit 2000 Jahren Christen.  Die Kölner genießen ihre Vielfalt, welche von einer fröhlichen Gläubigkeit durchsetzt ist, Köln ist alt und modern zugleich“, so klingen seine Worte durch das Mikro.

 

Ich denke im Augenblick an die Aussage von General Harras  in des Teufels General (von Carl Zuckmayer) gegenüber Diddo Geis, einer überzeugten Nationalsozialistin. Diddo steht stellvertretend für eine Frau, welche vor kurzem im Alter von 101 Jahren verstarb und zum Umfeld des Führers gehörte, aber auch als Fliegerin Karriere machte. Der Rhein ist ein Schmelztiegel, ein römischer Legionär, ein Franzose, ein Mann aus dem Osten usw. so können hier die Vorfahren aussehen, nicht zu vergessen der jüdische Gewürzhändler, welcher an den Rhein kam.

 

Köln ist Vielfalt, Kultur und doch charismatisch. Kölner Klüngel, KVB, Karneval, CSD usw. Oliver und ich verstehend das. Wir sind ebenfalls von Köln ergriffen und lieben diese Stadt, welche schon seit über 3 Jahren mein Zuhause ist

 

Die Stadt, in welcher Albertus Magnus lehrte (für seine Zeit ein sehr umstrittener Kirchenlehrer), Wallfahrtsort des christlichen Westens, Stadt des Thomas von Aquin, Ausgangspunkt für Adolf Kolping, Stadt der letzten Ruhestätte der hl. 3 Könige.

 

„Folget dem Stern“

 

so klingen die Worte des Weltjugendtages nach, als Oliver und ich den Bahnhof durchqueren und die Rheinufer-Straße heimgehen. Ich selbst folgte dem Stern von Münster-Roxel aus über Hoyerswerda zurück nach Köln, wo ich meinen Oliver fand. Anna ist ihrem Stern gefolgt.

 

Wohin der Stern uns führen wird, wissen wir noch nicht, können es noch nicht erahnen.

 

Abschied von Oma Lisa

seit gut 6 Wochen (Anfang April 2006) befinde ich mich im letzten Teil meiner Ausbildung zur Ärztin, meiner AIPLER-Zeit, also Ärztin im Praktikum. 48 Stunden pro Woche Dienst, umgerechnet geringe Bezahlung und das zum aktuellen Streik der Ärzte an den Universitätskliniken. Meine Zeit in Köln ist so gut wie Geschichte, dort habe ich zwar noch mein Appartment, aber eine Anstellung as Ärztin im Praktikum habe ich in Annas Heimatstadt in Gelsenkirchen gefunden. Außerdem wohnen meine Schwiegereltern in Gelsenkirchen, mein Mann kommt dorther, als wieder einmal "back to the roots".. Dass ich als überzeugte Katholikin eine Anstellung im evangelischen Krankenhaus Gelsenkirchen gefunden habe, ist schon seltsam, aber ich habe dort sehr viele katholische Kollegen, sowohl bei den Ärzten, als auch im Pflegeteam. Die Stelle war zu besetzen, ich habe mich beworben und Glück gehabt, das hat nichts damit zu tun, dass ein Radsportkollege dort in der Personalabteilung tätig ist. Er ist übrigens auch katholisch.

Chirurgie und innere Medizin sind die Themen, in welche ich mich einarbeiten muss. Pflichtfächer. Für mich natürlich wichtig, da ich immer noch Notärztin bei der Bundeswehr werden möchte. An einigen OP´s durfte ich schon mitwirken, Klammern halten, meist jedoch nur Zusehen. Es kommt nicht jeden Tag zu Kammerflimmern, so daß die Patienten wiederbelebt werden müssen, passiert, ist jedoch nicht an der Tagesordnung. Weißer Kittel, mit Stetoskop und Handy, sind jetzt meine Erkennungszeichen, welche mich vom Pflegeteam abgrenzen. Dazu das Namensschild "Rabea Harnisch - Ärztin im Praktikum - Evangelische Krankenhaus Gelslenkirchen". Viele Patienten reden mich schon mit Frau Doktor an, aber das ist bei Ärztinnen so üblich, doch der Doktortitel liegt noch ein Stück vor mir,

Die letzten Wochen waren noch sehr kalt und ich erinnere mich an die Radtouren Ende April 2006. Schnee am Schiffshebewerke Henrichenburg, Hagelschauer auf dem Rückweg zwischen Herne und Eickel, sowie an die total verregnete Tour des RSV Gelsenkirchen 02. Letztes Jahr hatte es schon geregnet, es war die Tour, wo wir Hansel Amsterdams Sohn begegneten, aber dieses Jahr konnte der Verein keine 170 Starter verzeichnen. Auf dem Weg zum Startort in der Nähr der Schalke Arena durchfuhren wir meterhohe Wasserflecken. Am 6. Mai 2006 fuhr ich auch wieder am Schiffshebewerk Henrichenburg vorbei, 27 Grad im Schatten.

Heute am 7. Mai 2006 habe ich Dienst, Doppelschicht. in der Notaufnahme. Schon in den frühen Morgenstunden kommt ein Rettungswagen nach dem anderen. Das schwül-heiße Wetter setzt vielen Menschen zu. Kreislauf, Herzprobleme. Zusammen mit einer Ärztin aus der inneren Medizin, hetzte ich von Raum zu Raum.  seit 3 Stunden kam ich nicht einmal dazu etwas zu trinken.

Gegen 13:00 Uhr wird eine Frau Harnisch eingeliefert. "Hallo, Frau Harnisch, hier ist eine Namensvetterin von Ihnen", sagt eine Mitarbeiterin des Pflegeteams. Ich schaue auf die Unterlagen. Es ist Oma Lisa, meine Großmutter. Verdacht auf Lungenentzündung. Ich laufe in den OP, in welchem sie eingeliefert wurde. Meine Großmutter hat stark blaue Lippen, als hätte sie Heidelbeeren gegessen. Probleme mit der Lunge, bzw. dem Herz. Ich weiß dass meine Oma früher Herztabletten schlucken musste, auch dass sie zuviel Cholesterin im Blut hatte. Oma lächelt mir zu, sie ist sehr gesprächig, allerdings sind ihre Erzählungen von starker Alters-Dimmens durchtränkt. Sie erzählt mir, dass man ihren Cousin tot im Wlad gefunden hätte, sie hätte vom Gericht einen amtlichen Bescheid bekommen. Dieser Cousin wurde jedoch im Krieg für verschollen erklärt, er ist wahrscheinlich in Russland gefallen und das ganze ist schon fast 70 Jahre her. Ich gehe aus dem OP und rufe mit meinem Dienst-Handy meine Eltern an, welche sich zurzeit in Münster-Roxel befinden. Ich teile meiner Mama meine Verdachtsdiagnose mit. Anna will gleich nach Gelsenkirchen kommen.

Gegen 13:45 Uhr betritt Anna die Notaufnahme. Bei uns herrscht noch immer Chaos. "Hallo Frau Harnisch, hier ist ihre Tochter", ruft eine Pflegeschülerin Oma Lisa zu. Anna tritt herein und setzt sich neben ihre Mutter. Ich trete hinzu und umarme meine Mama. Aufgrund des Andrangs an diesem Tage, muss ich die beiden jedoch wieder verlassen, um andere Patienten zu versorgen. Die Versorgung meiner Oma muss die Kollegin aus der Inneren Abteilung übernehmen, a) bin ich nur AIPLERin, b) möchte ich bei Verwandten eine zweite Diagnose. Wir geben meiner Großmutter Sauerstoff, damit ihre Atmung stabilisiert wird.  "Mama, kannst Du bitte Oma anmelden, vorne bei der Rezeption. Station 7", teile ich Anna mit, nachdem wir mehrere Stationen angerufen haben. Alle voll, also muss in 7B ein Bett eingeschoben werden. Anna geht zur Anmeldung und meine Oma wird zum Röntgen abgeholt.

Kurz darauf wird sie auf die Station gebracht. Eine Schwester bringt ein Bett, wir betten meine Oma um und Anna und die Schwester gleiten Oma auf den Weg zur Station 7B. Einige Minuten später erhalte ich die Röntgenbilder meiner Großmutter. Die rechte Lunge ist total verdeckt. Wasser oder Schleim, das ist hier die Frage, die Lunge arbeitet nur halb und das Herz wird in seiner Funktion stark beeinträchtigt. Ich suche die Internistin, renne von OP zu OP, bis ich sie finde. "Deine Großmutter muss auf die Intensiv", entscheidet sie, "Deine Vermutungen sind richtig, Wasser oder Schleim, wir müssen sofort handeln", teilt sie mir mit. Ich rufe über das Dienst-Handy die Schwester. Diese war gerade dabei meine Oma auf ein Zimmer im 7. Stock zu schieben. Ich beordere meine Oma auf C1, nehme die Röntgenbilder und fahre in den 1. Stock zur Intensiv-Station. Da kommen auch schon die Schwester, meine Oma und meine Mama. Wir schieben Oma in die Eingangsschleuse. Ich desinfiziere mich und betrete mit den Röntgenbildern die Intensiv-Station. leider ist nur eine Ärztin im Dienst und diese begleitet gerade eine Patientin ins Marien-Hospital nach Ückendorf. Wenn Jemand von der Intensiv verlegt wird, muss immer ein Arzt dabei sein.

Mittlerweile ist es 16:30 Uhr. Anna wartet im Vorraum, bevor sie aufgerufen wird. Besuchszeit auf unserer Intensiv-Station ist nur zwischen 17:00 - 18:00 Uhr, Ich muss zurück in die Notaufnahme, habe jedoch die Bitte hinterlassen mich zu rufen, wenn die Kollegin meiner Oma ist. Kurz vor 19:00 Uhr kommt der Anruf. Ich fahre auf die Eins, sehe meine Mutter noch wartend sitzen, beruhige sie und betrete die Schleuse zur Intensiv. "Ihre Mutter kann kommen", sagt mir die Kollegin. Durch die Sprechanlage rufen wir Anna. Ich warte vor dem Zimmer, in welchem meine Oma untergebracht wurde. Es ist ein Zweitbettzimmer, nebenan liegt ein Frau im künstlichen Koma.

Ich schaue auf die Elektronik. "Warum blickt Du dortin" redet mich Oma an. Ich beruhige sie, behalte jedoch die Maschine im Auge. Die Werte meiner Oma gefallen mir nicht. Ich befürchte Kammerflimmern, mehmals wird der Strich fast gerade. Am Nebenbett erklingt ein Alarm. Es ist ein´feines, helles Glöckchen,  Makaber finde ich dieses Geläute. Genauso klingt die Kirchenglocke in Allendorf, wo Omas Eltern lebten. Wenn Jemand gestorben ist, läutete dort so die Totenglocke,.

Die Kollegin kommt. "Ihre Enkelin hat Recht Wasser in der Lunge, oder Schleim, ich tippe auf Wasser. Das können wir punktieren, den Schleim müssten wir absaugen. Um sicher zu gehen machen wir ein Ultraschalluntersuchúng. Sie deutet auf mich, "Wollen Sie". Ich rolle das Ultraschallgerät an des Bett meiner Großmutter und fahre über ihren Körper. Die Lunge arbeitet rechts mit halber Kraft, es ist Wasser, das Herz wird geschwächt, ansonsten sind die Werte in Ordnung, insbesondere die Nieren arbeiten einwandfrei. "Wir müssen punktieren", teilt die Ärztin meine Oma mit, Diese möchte das nicht mir sich machen lassen. "Hau ab", deutet sie auf Anna. Daraufhin die Ärztin, welche meinte, daß sie gemeint sei, "Frau Harnisch, ich bin doch freundlich zu Ihnen und Sie behandeln mich so, wollen sie wie die Dame nebenan in ein künstliches Koma fallen". Anna klärt sie jedoch auf, dass Oma sie sie meinte. Anna redet ihr gut zu und schließlich willigt Oma in die Behandlung ein, Anna leistet die Unterschrift für den Eingriff. Hilfe oder Todesurteil. Anna denkt an das Buch "Der Kardinal", wo der spätere Kardinal für das Leben seiner Nichte und das Sterben seiner Schwester entscheiden musste, die Kirche jedoch nur einen Weg zulässt. Oma nickt. Wir bereiten den Eingriff vor. "Mama", gehst Du bitte kurz heraus, während wir punktieren", sage ich. Schwer wurde es meine Oma in eine aufrechte Sitzhaltung zu bringen. Ich kenne das vom Heim her und ich weiß, dass Oma da immer schreit und ihr die Wirbel schmerzen. Zusammen mit einer Pflegerin gelingt es uns zu dritt. Die Ärztin nimmt die Punktion vor. Ca. 1,25 Liter können wir entfernen. Anschließend mache ich noch eine Ultraschall-Untersuchen. Alles o.k. Oma hat den Eingriff gut überstanden. Es ist gegen 20:00 Uhr. In 2 Stunden wird sie nochmals eine Röntgenaufnahme gemacht werden. Wir verabschieden uns, ich muss weiter meinen Dienst in der Notaufnahme ausüben, Anna fährt nach Hause. Ich geleite sie bis zum Eingang.

Gegen Mitternacht verlasse auch ich das Krankenhaus. Die Röntgenaufnahme meiner Oma ist o.k. Alles im grünen Bereich.

Die nächsten Tage verbringt Oma auf der C1. Ihre Werte sind in Ordnung. Am Mittwoch wird sie auf die B8 verlegt. Mittags besuche ich sie, sie hat Durst, ich gebe ihr zu trinken. Kurz spreche ich mit den beiden Kollegen der B9. Da auf B7, B8 sehr viele Zuckerpatienten liegen, gehört dieser Bereich neben der Chirurgie auch zu meinem Einsatzgebiet. Soweit ich kann, dies mein anstrengender Dienst zulässt, schaue ich nach ihr. Kein Fieber, wirklich alles o.k.

Als ich am Donnerstag Mittag meinen Dienst antrete schauere ich. An Zimmer 803 hängt ein roter Hinweis: "Isolierung". Ich renne zum Ärztezimmer, leider sind die zuständigen Kollegen nicht da. Ich laufe in den 7 Stock, wo ich den Kollegen sehe. "Ihre Oma hat einen MRSA-Virus, daher die Isolierung, nicht beunruhigendes", teilt er mir mit. Ich gehe wieder auf die Station, desinfiziere mich, ziehe die Einweghandschuhe ab, benutze den Mundschutz und trete ein. Im Inneren hängt ein Schutzkittel. Ich ziehe ihn mir über. "Hallo Oma, wie geht es Dir", sage ich liebevoll zu ihr. Sie schaut mich nur an, redet nicht und wälzt sich im Bett hin und her, schaut teilweise in die andere Richtung. Eine Trotzreaktion denke ich, andererseits die Medikamente, welche sie bekommt, das sind teilweise Dröhnungen. Da klingelt auch schon mein Telefon, ich muss zur Chirurgie. Ich schaue auf meine Großmutter. Ich denke an den Film "Sauerbruch, das ist mein Leben" und an den Ausspruch "Freund Hein ist schon im Zimmer". Einen blöden Beruf habe ich mir da ausgesucht, denke ich. Ich ziehe die Handschuhe aus, entferne den Mundschutz und werfe beides in die Abfallbehälter, anschließend ziehe ich den Kittel aus und hänge ihn auf, draußen desinfiziere ich meine Hände.

Als Ärztin habe ich den hypokratischen Eide geschworen, Leben auf jeden Fall zu retten, aber um welchen Preis, wenn ich an meine Oma denke. Ich denke an meine früheren Worte, dass ich ihr Alterheim als Mausoleum bezeichnete. Über 7 Jahre lebt sie jetzt schon dort. In diesen 7 Jahren ist viel passiert. Unser Umzug von Münster nach Hoyerswerda, die Metamorphose von Andreas zu Anna, mein Abitur, meine Dienstzeit bei der Bundeswehr, mein Studium, meine Heirat mit Oliver usw. bis zu meiner weiteren Karriere als Sanitätsoffizierin der Bundeswehr.

Am Freitag und Samstag treten keine Änderungen bei meiner Oma auf. Am Muttertag, dem 14. Mai 2006 besucht sie Anna. Oma Lisa erkennt sie nicht, sie hustet nur, redet nicht mir ihr. Anna bleibt nur einige Minuten. Dennoch sind ihre Werte o.k. Fieber geringfügig, 38,5 Grad, Zuckerwerte im grünen Bereich, generell der Urin-Ausfluss ist rötlich. Als ich Oma vor einer Woche untersuchte, waren ihre Nieren einwandfrei. Im Internet forsche ich nach dem MRSA-Virus, spreche mit meinen Kollegen, welche mich jedoch beruhigen.

Montag: 15.Mai 2006, kurz nach 5:00 Uhr morgens. Meine Kollegin stellt den Tod meiner Großmutter fest. Gegen 5:30 Uhr ruft sie in Münster bei Anna an, welche ebenso ratlos war wie ich, als ich hiervon erfahren habe. Der MRSA-Virus hatte das Herz meiner Oma stark angegriffen. Ebenso wurden Nieren und Herz beeinflusst. Bedingt durch eine Alterung konnte Oma diesem Virus nicht standhalten. Nur wo hat Oma sich diesen Virus zugezogen. Hatte sie ihn schon, als sie zu uns kam, oder hat sie ihn bei uns bekommen? Fragen über Fragen. Würde Oma noch leben, wenn wir diese Punktion nicht durchgeführt hätten?

Der MRSA-Virus tritt in vielen Kliniken auf und ist heutzutage immer noch ein schlimmer Feind der Ärzte, gerade bei alten Leute wirkt sich die Immunschwäche negativ aus.

Es ist für uns unvorstellbar, dass es sie nicht mehr gibt. Wir mussten irgendwann mit ihrem Tod rechnen. Doch so plötzlich. Jahrzehntelang hatten wir keinen Todesfall in der Familie, da Opa Will schon 43 Jahre tot ist.

Ich komme mir vor, als würde ich durch einen Schleier schauen, nicht von Angesicht zu Angesicht (Lukas Evangelium)

In Australien gibt es einen Vogel, welcher sein schönstes Lied anstimmt, wenn er sich selbst von einem Dorn durchbohrt. Haben Anna und ich richtig gehandelt, als Anna die Unterschrift leistete?

An dieser Stelle wird die Geschichte enden. Kein neues Kapital wird hinzugefügt. Wie Anfangs erwähnt handelt es sich um eine Geschichte, welche wahre und erfundene Personen enthält. Welche Person wahr oder erfunden ist, möchte ich den Lesern überlassen. Allerdings sind die Fotos alle von mir selbst aufgenommen (bis auf den 11. September 2001)  und belegen den Inhalt meiner Geschichte.

Was ist aus den Personen geworden, welche ich beschrieben habe.

Die Hauptperson Anna ist nach wie vor mit Daniela zusammen und arbeitet als Personalberaterin in Dresden. Sie ist in ihrem Beruf anerkannt, arbeitet sehr engagiert für die "gute" Sache.

Mama Daniela ist als Rechtsanwältin in Hoyerswerda tätig.

Meine Schwester Tabea hat als Lehrgangsbeste ihre Pilotenausbildung abgeschlossen und fliegt als Co-Pilotin eine Passagiermaschine der Luftwaffe. Sie wird wohl keine Kampfpilotin werden, sondern in den nächsten Jahren das "Zonenmädchen" und andere hohe Minister zu ihren Zielen befördern. Nach Ende der Dienstzeit möchte sie gerne bei einer Luftfahrtgesellschaft arbeiten.

Mein Bruder Claudius hat seine Ausbildung in der Verwaltung abgeschlossen und wohnt zurzeit in Bonn, wo er auch tätig ist.

Der Doc praktiziert nach wie vor in Münster und behandelt "Transsexuelle Patienten".

Viktor der "68er" betreibt immer noch den Bootsbau. Hobbymäßig führt er für Firmen Interviews durch.

Der Typ aus dem "Bergischen" ist nach wie vor auf irgendwelchen Party ´s unterwegs, meist in Begleitung von "Qualle". Vielleicht begegnet ihr den "beiden" einmal im Prater in Bochum.

Oma Lisa, geb. Harnisch, welche am 15. Mai 2006 verstarb, wurde auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Bismarck beigesetzt. Ihr Grab ist in der Nähe der Widerstandskämpferin "Margarete Zingler," Leiterin der Arbeiterwohlfahrt, Stadträtin in Gelsenkirchen, nach welcher auch der Wochenmarkt in Gelsenkirchen benannt ist. Wahrscheinlich wird ihr Vermächtnis an dieser Stelle länger anhalten, als ihre Grabstelle, welche nur für 20-25 Jahre gemietet werden kann. Die Rose auf ihrem Grabstein stilisiert die "Liebe" ihres Kindes auch über den Tod hinaus. Anna hat sie ausgewählt, unbewusst, doch im Vermächtnis ihrer Vorfahren. Diese Art von Rosen wurden bereits vor Hunderten von Jahren als Grabbeigaben benutzt. Eine andere "unbewusste" Tatsache ist, dass Mama und ich Reste abgeschnittener Fingernägel sammeln und aufbewahren. Irgendeiner meiner Vorfahren muss zur Volksgruppe der "Mari "gehört haben, welche aus Finnland stammen, heute 600 km hinter Moskau  leben. Die Nägel sind notwendig, dass sie sich im Jenseits fortbewegen können.

Nun zu mir, genau wie vor Jahrzehnten bei meiner Oma Lisa hat die Liebe mich nach Gelsenkirchen gezogen. Ich lebe dort mit meinem Ehemann Oliver, arbeite als Ärztin im Praktikum. Allerdings habe ich noch einige Jahre als Standortärztin bei der Bundeswehr vor mir. Wo das sein wird, steht noch in den Sternen. Hiernach werde ich als Notärztin im Ruhrgebiet arbeiten, vielleicht aber mach ich auch eine eigene Praxis auf.

Das Kloster Gerleve bei Coesfeld steht nach wie vor ehern, wie aus Stein gehauen am Hang des Coesfelder Berges. Pfarrer Höfer, welcher uns dort traute ist nach wie vor in Gelsenkirchen tätig.

Pfarrer Höfer betonte bei der Trauerrede für Oma Lisa ihre Liebe zu Großvater Willi, welche Jahre in Krieg und Gefangenschaft überdauerte. Auch die Tatsache, dass sie sich vor Jahren viel für ältere Nachbarn engagierte, lies er nicht unerwähnt. Anna erinnert sich noch an einige der Hilfsbedürftigen. Eine von Ihnen war die Tante von Ben Wisch, dem ehemaligen Staatssekretär im Auswärtigem Amt. Sie hat dem Namen Elisabeth alle Ehre gemacht.

Ebenso ist der "Gänsedieb" in Dresden immer noch mein Lieblingslokal.

In Anlehnung an den Allerhöchsten.- ADONAJ ELOHIM -

ich bin, die ich bin

Rabea (arabisch der Frühling, hebr. das Mädchen)

Eure

ﺭﺒﻴﻌﻪ

 

  -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Zeitlicher Ablauf der Veränderungen von Andreas zu Anna

 Ende April 2001     1. Besuch beim Therapeuten

Anfang Juni 2001   Erhalt der weiblichen Krankenkassenkarte
 (notwendig Bestätigung des Therapeuten)
allerdings kann sich die Kasse auch weigern - es gibt keine Rechtsgrundlage dafür

15.06.2001                          1. Coming-Out am Nebenarbeitsplatz
Zusage, dass Nebentätigkeit an der VHS als Frau ab dem nächsten Semester ausgeübt werden kann

31.07.2001                          1. Besuch bei einem Endokrinologen

August 2001           Vorstellung in einem Krankenhaus zwecks Operation

August 2001           privat bezahlte Laser-Epilation um den Bartschatten zu entfernen

11.09.2001            Untersuchung beim Urologen

12.11.2001                          ärztliche/körperliche Untersuchung durch den Psychotherapeuten
 

13.11.2001                          Antragstellung Vornamensänderung beim zuständigen Amtsgericht
notwendig: Meldebescheinigung, amtliche Beglaubigung der Geburtsurkunde, transsexueller Lebenslauf

13.11.2001                          Antrag auf Schwerbehinderung beim zuständigen Versorgungsamt
(optional)

14.12.2001                          Indikation der Hormone durch den Therapeuten und anschließender besuch in den Folgetagen beim Endokrinologen

24.01.2002                          Gutachter für die Vornamensänderung werden durch Gerichts-
beschluss benannt

28.01.2002                          2. Outing (Hausbewohner, Kirchengemeinde)

27.02.2002                          Termin beim 1. Gutachter
(2. entfiel, da eigener Therapeut genehmigt wurde)

28.05.2002                          Anhörungstermin beim Amtsgericht und Beschluss der Vornamensänderung

15.06.2003             Ab heute als Frau am Arbeitsplatz

 21.06.2002                          Beschluß des Amtsgerichtes (noch nicht rechtsgültig)                                                                                                    

13.07.2002                          offizieller Beschluss des Amtsgerichtes, anschließende Änderung
der Ausweispapiere, Zeugnisse und des Führerscheines, sowie der Bankverbindungen

17.07.2002             Vorstellung bei einem weiteren Operateur In Osnabrück

21.08.2002             Beginn der Logopädie (8 Stunden)

13.12.2003             Beginn der Nadel-Epilationen
(Antrag war im April 2003 gestellt worden, mindestens ¼ Jahr
Hormoneinnahme)

16.12.2003             geschlechtsangleichende Operation im Klinikum Osnabrück